Angriff auf die Empfindlichen

Der Philosoph Robert Pfaller kritisiert in seinem neuen Buch „Erwachsenensprache“ die Political Correctness als „scheinlinkes“ Phänomen, das in Wahrheit dem Neoliberalismus Vorschub leiste.

Zwei meiner Facebookfreunde haben Robert Pfallers neues Buch „Erwachsenensprache“ unabhängig voneinander in ihrer Timeline empfohlen, und keiner von beiden hat die Empfehlung begründet. Das – und der Titel – hat mich neugierig gemacht. Der Grund des beredten Schweigens meiner FB-Freunde ist vielleicht, dass das Buch die heiße Kartoffel Political Correctness aufgreift. Im grün-linken Milieu kann man sich durch nichts leichter unbeliebt machen, wie wenn man eine Kritik an Gleichheitsfolklore wie Sprachgendern, Wortverboten („Neger“) und überambitionierten Diversity-Management-Bemühungen für selbst die randständigsten Randgruppen auch nur andeutet.

Mimosen an den Universitäten

Pfaller übt in seinem Buch keine leise Kritik, sondern er startet einen Frontalangriff auf die Political Correctness. „Es ist kein Zufall, dass die vermeintlich humanitäre Forderung nach Inklusion […] genau zu dem Zeitpunkt auftaucht, in dem das Prinzip der Gleichheit in den westlichen Gesellschaften insgesamt massiv bedroht ist durch wachsende ökonomische Ungleichheit sowie durch zunehmende Ohnmacht der demokratisch legitimierten Politik gegenüber der Macht und Willkür internationaler Konzerne“, schreibt der in Linz lehrende Professor für Kulturwissenschaften und Kulturtheorie. Er bezeichnet die Political Correctness (PC) als elitäres Projekt, das lediglich und einzig einer kleinen Community von Verwaltern dieser Ideen nütze, aber die Gesellschaft nicht weiterbringe. Im Gegenteil: PC zersetze die Idee echter Gleichheit und etabliere postmoderne Pseudopolitik anstelle echter linker Politik. „Die Mimosen an den Universitäten sind die Komplizen der neoliberalen ‚Heuschrecken‘ und Oligarchen.“ Pfaller schreibt vom „neoliberalen Interesse an der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums aus der Mitte nach ganz oben sowie der dementsprechenden Privatisierung der öffentlichen Güter und Räume. Ihr kommen die postmodernen Bestrebungen, den öffentlichen Raum den Kriterien privater Räume und der dort üblichen Rücksicht auf Empfindlichkeiten zu unterwerfen, äußerst gelegen. Dadurch wird es nämlich unmöglich, Gleichheit zu praktizieren und auf eine egalitäre Gesellschaft hinzuarbeiten. Darum sehen so gut wie alle neoliberalen Projekte irgendwelche Rücksichten auf irgendwelche Empfindliche vor.“

Der Ausgangspunkt für Pfallers Überlegungen ist ein Warnhinweis auf „adult language“, den er bei einem Transatlantikflug erhält, als er im Videomenü Hanekes „Amour“ auswählt. Komisch, denkt er sich, dass er als Erwachsener vor Erwachsenensprache gewarnt werden muss, und er spürt eine Wut in sich. Es wundert ihn, dass ihn das so aufregt, bis er erkennt, dass seine Wut daher rührt, dass hier „Zartgefühl von oben nach unten (denn es sind ja die Autoritäten, die hier zartfühlend auf die Untergegeben einzugehen scheinen)“ verteilt wird, während sich die gesellschaftlichen Verhältnisse seit gut zwei Jahrzehnten eklatant brutalisiert haben. (Worüber keiner einen Warnhinweis verliert).

Befreiungsschlag der Ratio

Das erste, „Erwachsenensprache“ betitelte Kapitel in Pfallers gleichnamigem Buch umkreist in heiliger Wut die Phänomene und Auswüchse der Political Correctness an den Universitäten und in der Gesellschaft. Dieses Kapitel liest sich wie ein Befreiungsschlag der Ratio gegen die Zwangsjacke der moralisierenden Sprechverbote. „Wenn es der postmodernen Pseudolinken aber gelingen sollte, die Räume der Gleichheit durch Moralisieren und Sprechverbote im Namen diverser Empfindlichkeiten lahmzulegen, dann lacht sich die Rechte buchstäblich ins Fäustchen.“ – Das, habe ich den Eindruck, ist in Österreich im Oktober 2017 bereits passiert.

Allein dieses pointierte 1. Kapitel lohnt die Lektüre des Buches, das in den Folgekapiteln einzelne Aspekte des Kernthemas auf theoretisch-philosophischer Ebene mehr oder weniger deutlich und für Nichtphilosophen nicht immer nachvollziehbar umkreist. „Erwachsenensprache“ ist ein Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit Argumenten statt über Befindlichkeiten und für einen linken Diskurs, der sich keine Denk- und Sprechverbote auferlegt. „Nur erwachsenes Sprechen ermöglicht solidarisches Sprechen und Verhalten – in einer Gesellschaft, für die Gleichheit kein Ding der Unmöglichkeit darstellt.“

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Fischer Taschenbuch: Frankfurt am Main 2017