Bilder der Entwurzelung

Wenn jemand seine Heimat verlässt, dann aus Not, wegen des Berufs oder aus Liebe. Der aus Taiwan stammende Magnum-Fotograf Chien-Chi Chang hat in den USA seine berufliche Basis und beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit Flucht, Vertreibung und Entwurzelung. Dass er stets einige Wochen des Jahres in Graz verbringt, liegt an der Liebe.

Rund 50 lebende Mitglieder zählt Magnum Photos, die renommierteste Fotoagentur der Welt. Auf der Homepage des Unternehmens, das seinen Sitz in New York City hat, werden die lebenden gemeinsam mit den toten Fotografen des Unternehmens alphabetisch gelistet. Der 1961 in Taiwan geborene Chien-Chi Chang hat da seinen Platz zwischen Foto-Genie und Magnum-Mitbegründer Henri Cartier-Bresson (1908-2004) und der Foto-Legende Bruce Davidson (geb. 1933). „Als ich in die USA kam und mit dem Fotografieren begann, wusste ich gar nicht, dass es Magnum gab“, erzählt Chien-Chi Chang. „Später begriff ich, dass da alle hinwollten. Und ich wurde genommen.“ Seit 1995 fotografiert Chang für Magnum, seit 2001 gehört dem erlesenen Zirkel als Vollmitglied an.

52 Bordkarten in einem Jahr

Die meiste Zeit des Jahres ist der Fotograf und Filmemacher rund um den Globus unterwegs. Er sammelt die Bordkarten seiner Flüge: Auf 52 Boardingpässe ist er allein 2017 gekommen. Ein paar Wochen im Jahr verbringt Chang jeweils in Taichung auf Taiwan, wo seine Eltern leben. Gerne hält er sich auch in New York auf, wo er noch ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft hat. („In New York fühle ich mich immer sofort zuhause, als wäre ich nie weg gewesen.“) Und seit rund sieben Jahren kommt er, so oft es geht, nach Graz, wo seine beiden Kinder daheim sind. Chien-Chi Chang war einige Jahre mit der jungen österreichischen Fotografin Anna Lisa Kiesel verheiratet, die er in New York kennengelernt hatte. Auch wenn die Ehe nicht gehalten hat, die beiden Kinder sind der wirkliche Fixpunkt in seinem Leben geworden. „Nach 25 Jahren als Fotograf habe ich nicht mehr das unbedingte Bedürfnis, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein“, schreibt Chang am Ende des Videos “On the road“, in dem es über sein Leben auf Achse und sein Vatersein geht.

Ich treffe Chien-Chi Chang in seiner Grazer Wohnung im 7. Stock eines Wohnbaus aus den späten 1960er-Jahren. Von hier aus überblickt man die nördlichen Mur-Auen, bis der Blick im Westen am Höhenzug des Plabutsch hängen bleibt. Im  Osten nimmt die Erhebung des Rainerkogels die Stadt in die Zange. „Kaffee?“, fragt Chang. Meine Bitte nach Tee erwischt ihn am falschen Fuß. Er hat lediglich eine Packung Teefix-Beutel auf Lager. Das erste Klischee – bisher lernte  ich nur Taiwanesen kennen, die losen Tee trinken – ist widerlegt, da hat das Interview noch gar nicht begonnen.

Die nächste Überraschung: Die Wohnung ist frei von Fotografien. In jeder Ecke des Wohnzimmers, in dem unser Gespräch stattfindet, haben die Kinder ihre Spuren hinterlassen. Puppenhäuser, Spielzeuge, Kuschelmatratzen und an den Wänden und auf der Flipchart Kinderzeichnungen noch und nöcher. Die Kleinen – ein Sohn und eine Tochter – sind im Kindergartenalter, und Chang verbringt so viel Zeit wie möglich mit ihnen, wenn er in Graz ist. Das sind vier bis fünf Wochen am Stück, selten auch sechs oder sieben. Dann ruft der nächste Auftrag, und die Fototasche wird gepackt, der nächste Flug gebucht.

Studium in den USA

Chang kam in den 1980er-Jahren über ein Postgraduate-Studium der Medienpädagogik in Bloomington, Indiana, zur Fotografie. Ermuntert von zwei Professoren hat er für die Campuszeitung fotografiert, die sechs Mal in der Woche erschien und in ganz Bloomington  gelesen wurde. Später arbeitete er für die US-Zeitungen Seattle Times und Baltimore Sun. Schon in seinen frühen Bildern in den 1990er-Jahren kristallisiert sich eines der Leitthemen heraus, das ihn bis heute beschäftigt: Die Frage, wie Menschen mit Entwurzelung umgehen. Das älteste Bild in dem über 4.000 Aufnahmen umfassenden Fotostream von Chien-Chi Chang bei Magnum Photos stammt aus dem Jahr 1989. Es zeigt eine zehnjährige Schülerin, die wenige Wochen zuvor mit ihrer Familie aus Japan in die USA gekommen ist. Während die anderen Schulkinder um sie herum im Klassenzimmer die Hymne singen und dabei die Hand aufs Herz legen, schaut die Neue scheu in den Raum, wirkt verloren.

Chien-Chi Chang im Wohnzimmer seiner Grazer Wohnung

In seinen jüngsten Foto-Reportagen beleuchtet Chien-Chi Chang vor allem das Schicksal von Flüchtlingen: 2015 und 2016 fotografierte er den Weg der syrischen Flüchtlinge entlang der Balkan-Route von Lesbos bis Idomeni. 2017 berichtete er aus Bangladesch, wo die islamischen Minderheit der Rohingya, die zu Zigtausenden aus Myanmar vertrieben werden, in Flüchtlingscamps leben. „Was die Rohingya durchmachen, ist extrem“, sagt Chang. Wie viele Menschen, ist auch der Fotograf davon enttäuscht, dass die Regierungschefin Myanmars, die Friedensnobelpreisträgerin und langjährige Oppositionelle Aung San Suu Kyi keinerlei Anstalten unternimmt, der Massenvertreibung ein Ende zu setzen. Im Video, das Chien-Chi Chang unter dem Titel „Burma: The Promise Betrayed“ zusammengestellt hat, sieht man das Gesicht Aungs minutenlang in der Totalen, und es scheint, als sei alles Leben aus diesem Gesicht gewichen. „Ich habe Aung San Suu Kyi seit 2007 mehrmals getroffen, und anfangs konnte man sich als Reporter normal mit ihr unterhalten. Wenn man ihr aber heute eine Frage stellt, bekommt man nur noch Floskeln als Antworten. Da kann man sich die Fragen gleich sparen.“ Aber wie Changs Bilder der Politikerin beweisen, kann auch Schweigen beredt sein.

Ein Wiener Kunstphantom rettet Taiwan

International bekannt wurde Chien-Chi Chang, als er 2001 mit seiner Fotoserie „The Chain“ Taiwan bei der Biennale in Venedig vertreten hat. Die Serie zeigt Insassen einer psychiatrischen Anstalt in Taiwan, paarweise miteinander verbunden durch Eisenketten, damit keiner Reißaus nehmen kann. Besucher des taiwanesischen Pavillons im noblen Palazzo delle Prigioni unweit vom Markusplatz fanden sich auf drei Seiten umgeben von beinahe lebensgroßen Schwarzweißbildern dieser ärmlich gekleideten, über die Kette miteinander verbundenen Gestalten – mitten drinnen im Elend ihrer Existenz. „Als Besucher musste man den Kopf leicht heben, nur ein ganz kleines Bisschen, um zu den Gesichtern hochzusehen“, erinnert sich Chang. „The Chain“ hat Eindruck gemacht. Die Arbeit wurde unter anderem 2002 auf der Biennale in São Paolo und 2011 in der renommierten Sherman-Galerie in Sydney ausgestellt.

Installation von „The Chain“ auf der Biennale von Sao Paolo, Brasilien, 2002. © Chien-Chi Chang/Magnum Photos. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Urhebers.

2002 in São Paolo kam es zu einem Eklat: China intervenierte erfolgreich gegen die offizielle Präsenz der chinesischen Republik Taiwan auf der Biennale. Changs „The Chain“ hätte nur noch unter dem Label des Kunstmuseums Taipeh gezeigt werden sollen. Unter der Ägide der österreichischen Künstlergruppe „monochrom“, die den fiktiven Künstler Georg Paul Thomann ins Rennen nach Brasilien geschickt hatte, kam es zu einer Solidaritätsaktion mit Taiwan: „Die Länderpavillons von Kroatien, Kanada, Österreich, Singapur und Panama spendierten jeweils einen Buchstaben von ihren Ländernamen, damit wir auf unseren Pavillon ‚TAIWAN‘ schreiben konnten“, erinnert sich Chang. „Aber es fand sich kein Land mit einem W. Da spendete Puerto Rico ein O, das wir in der Mitte auseinanderschnitten, um ein UU/W daraus zu machen. Eine Zeitung in Taipeh titelte damals: ‚Der österreichische Künstler Georg Paul Thomann rettete ‚Taiwan‘“.

Kunst und Reportagen

In seiner künstlerischen Arbeit wird Chien-Chi Chang von der Chi-Wen Gallery in Taiwan vertreten. Daneben nimmt er immer wieder auch Aufträge als klassischer Fotoreporter an. So begleitete im Auftrag von „National Geographic“ die Flucht einer Gruppe nordkoreanischer Christen durch ganz China bis ins sichere Thailand, von wo aus sie nach Südkorea gelangen konnten. „Für die Reportage Flucht aus Nordkorea war ich sechs Wochen lang mit der Gruppe unterwegs, immer in Sorge, entdeckt zu werden.“ Denn von China aus wären die Nordkoreaner zurückgeschickt worden und sofort in Haft genommen worden. „Und was wäre den Leuten passiert, wenn den Behörden meine Bilder in die Hände gefallen wären?“ Es ist eine heikle Gratwanderung, die Reporter wie Chang hier unternehmen. „Bilder sind wichtige Dokumente, wenn sich Änderungen ereignen“, formuliert der Bildkünstler. „Aber ich glaube nicht, dass Bilder irgendetwas von sich aus ändern können.“

In der Fotoserie „Double Happiness“ dokumentierte Chang, wie sich Männer aus Taiwan über Heiratsvermittlungsinstitute junge Frauen aus Vietnam aussuchen. Über 60.000 Vietnamesinnen wurden zwischen 2000 und 2004 auf diese Weise verheiratet. In den Gesichtern der Mädchen, die „erwählt“ werden, spiegeln sich Ratlosigkeit, Ausweglosigkeit und nur in seltenen Fällen so etwas wie Zuversicht. „Meine Freunde in Taiwan wollten immer, dass ich heirate“, erzählt Chang über die Entstehung der Serie und des 2005 erschienenen Fotobuches. „Das war der Anlass für mich, zu zeigen, wie ich die taiwanesische Heiratsindustrie sehe.“

Dem Fotografen wurde anlässlich der Fotoserie „The Chain“ in einer Kritik vorgeworfen, dass er keine Empathie mit den abgebildeten Menschen erkennen lasse. Aber wer „Double Happiness“ und noch viel mehr seine 1992 begonnene Serie „Chinatown“ betrachtet, weiß, dass diese Kritik zu kurz greift. In „Chinatown“ – einige der Bilder waren 2011 bei der Biennale in  Venedig zu sehen – porträtiert Chang seit über zwei Jahrzehnten hinweg Chinesen, die illegal in Chinatown in New York leben und Hilfsarbeiten verrichten, um Geld an ihre Familien zu schicken, die in der ostchinesischen Millionenstadt Fuzhou zurückgeblieben sind. Manche der Familien haben sich über 15 Jahre lang nicht gesehen, denn da sich die Männer illegal in den USA aufhalten, können sie sich nicht frei bewegen. Die Männer leben in ärmlichen Wohngemeinschaften in großen Mietshäusern, ihr Alltag besteht aus Schuften und Schlafen. Die US-Dollars, die sie nach Hause senden, ermöglicht ihren Familien in China ein komfortables Leben und eröffnet den Kindern, die ohne Väter aufwachsen, zumindest eine schulische Perspektive in ihrem Land.

Mit der Serie „Chinatown“ ist Chang einer von 15 Fotografen, mit der die japanische Kameramarke Fujifilm ihr Profimodell, eine digitale Mittelfomatkamera, promotet. Unter dem Titel Home wird es heuer Ausstellungen in Museen rund um den Globus geben. Chien-Chi Chang ist mit seinen „Chinatown“-Bildern im City Museum of New York dabei. – Das trifft sich insofern gut, als dass Chang Perfektionist ist, was die Aufbereitung seiner Bilder betrifft. Als er bis vor wenigen Jahren noch ausschließlich analog fotografierte, vertraute er alle seine Filmstreifen einem einzigen Labor in Taipeh an. Für die Vergrößerungen seiner Bilder arbeitet er einzig mit einem Labor im New York zusammen. Von der Besprechung des Negativs über den Probedruck bis hin zum fertigen Ausdruck vergehen mindestens drei Tage. Heute arbeitet der Fotograf zunehmend digital. Aber: „Analog zu fotografieren, ist wie die Begegnung mit einer Jugendliebe“, sagt er.

Bilder, die bewegen

Die Bildserien von „Chinatown“ hat Chien-Chi Chang im Nachhinein auch zu mehreren Videos verdichtet, die das Leben in den USA und in China in einem Nebeneinander aufzeigen. „Still images can be moving and moving images can be still. Both meet within soundscape“, wird Chien-Chi Chang auf der Homepage vom Magnum Photos zitiert. (Sinngemäß: „Fotografien können bewegen, und Filme können still sein. Beide treffen sich in der Klanglandschaft.“) Fotografie und Film sind für Chang Medien, die im Ansatz für einen Künstler ganz verschieden zu denken sind und in seinen multimedialen Essays zu einer Einheit verschmelzen – gemeinsam mit den O-Tönen, die Chang von seinen Reisen mitnimmt. Zu sehen sind die Filme in Museen und Galerien. 2017 zeigte das MoMa in New York Changs Dokumentation über Drogenkranke in Tansania. 2018 arbeitet der Bildkünstler unter anderem für das taiwanesische Fernsehen an einer 90-Minuten-Dokumentation über die Syrerin Azma, die 2015 auf der Balkanroute nach Österreich geklommen ist und mit ihrem syrischen Mann in Köflach Asyl gefunden hat.

Chang hat Flüchtlinge aus Nordkorea, aus Myanmar und aus Syrien und Afghanistan getroffen. Und er hat in den USA illegale Migranten aus China in ihrem Alltag begleitet. Auf die Frage, ob es etwas gibt, was diese Leute verbindet, antwortet er: „Niemand von denen, die ich getroffen habe, hat freiwillig seine Heimat verlassen. Alle sind gegangen, weil sie gezwungen wurden.“

Unerkannt in Österreich

Chien-Chi Chang konzentriert sich, wenn er in Graz ist, auf seine Kinder und auf seine Projekte. Er hat sich in seiner Wohnung einen Videoschnittplatz eingerichtet und arbeitet mit dem in Basel beheimateten Video-Editor Adrian Kelterborn an seinen Multimedia-Essay. Dass sich in der Geburtsstadt von Inge Morath – eine der Grande Dames der Fotografie – ein Fotograf von Weltklasse zumindest wochenweise aufhält, das haben die Buschtrommeln noch nicht bis in die Galerien und Kunsthallen an der Mur getragen. An die Möglichkeit, in Österreich auszustellen, scheint Chien-Chi bisher nicht gedacht zu haben. Er müsste es sich überlegen, falls jemand an ihn herantritt. „Wenn alles gut geht, dann habe ich noch 100.000 Stunden in meinem Leben vor mir. Da muss man es sich gut einteilen, wofür man seine Zeit investiert.“ Dafür hellt sich sein Gesicht auf, wenn er nach Inge Morath gefragt wird. „Inge war so ein netter, herzlicher Mensch! Sie fehlt mir sehr“, sagt Chang über seine ehemalige Senior-Kollegin bei Magnum Photos.

Wie steht es jetzt mit Magnum? Was bringt es, Mitglied dieser Eliteagentur zu sein? – „Die Frage ist eine harte Nuss. Da brauche ich noch einen Kaffee“, meint Chang scherzhaft. Als er aus der Küche wiederkommt, sagt er: „Magnum ist jene Agentur, aus der 50 Fotografen wegwollen, während 5000 Fotografen dort gerne Mitglied wären.“ Und dann im Ernst:  „Magnum war immer eine Agentur von Fotografen für Fotografen. Im Sommer 2017 hat Magnum erstmalig zwei externe Investoren an Bord geholt. Mal sehen, wie es mit denen weitergeht.“

Auf jeden Fall hat die altehrwürdige Agentur einiges unternommen, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Auf der neuen Homepage des Unternehmens kann man Bücher, Kunstdrucke und Poster erwerben. Auch auf Instagram hat Magnum mittlerweile über 1,2 Millionen Follower. Aber auch Chien-Chi Chang ist dort von über 100.000 Usern abonniert. – Obwohl er schon seit über einem Jahr nichts Neues mehr auf diesem Kanal hat sehen lassen.

Warten am Wiener Flughafen

Das Cover des jüngsten Fotobuches von Chien-Chi Chang zeigt das Rollfeld des Wiener Flughafens bei Nacht. © Chien-Chi Chang/Hatje Cantz

Ich verabschiede mich von Chien-Chi Chang. Er muss noch packen. Am nächsten Tag geht sein Flug nach Taiwan. Irgendwann wird es weitergehen nach New York. Und so weiter. Ein Leben, das auch ermüden kann, wie die Bilder in seinem Fotoband Jet Lag, erschienen 2015 bei Hatje Cantz, belegen. Das Cover ziert eine Aufnahme vom Rollfeld am Flughafen Wien-Schwechat. „Die Maschine nach Taiwan hatte technische Probleme, und es sollte eine andere aus Frankfurt als Ersatz kommen“, erzählt Chang. „Nach zwei Stunden hieß es, die Ersatzmaschine kommt aus Paris. Da war es schon mitten in der Nacht. Ich nahm meine Mittelformatkamera, presste das Objektiv gegen die Scheibe und dachte nur: Ich lass den Verschluss offen, bis das Flugzeug endlich da ist!“ – Nach drei Stunden Belichtungszeit war das Foto im Kasten.

Artikel für die Wochenendbeilage „extra“ der Wiener Zeitung, erschienen am 24.2.2018