Der Herr der Bilder

Der Softwareentwickler Irfan Skiljan erhält jeden Monat hunderte Dankes-E-Mails aus aller Welt. Millionen User haben seine Bildbetrachtungssoftware IrfanView auf dem Computer installiert. Doch nicht einmal seine Nachbarn in Niederösterreich ahnen, dass der gebürtige Bosnier einer der erfolgreichsten Programmierer Österreichs ist. Von Werner Schandor

IrfanView war – lange vor Google-Picasa – eines der ersten Programme, mit denen man elektronische Bilddaten auf dem Computer betrachten konnte, und es ist bis heute eines der beliebtesten Bildbetrachtungsprogramme für Windows geblieben. Zwischen der ersten öffentlichen Version 1.7 im Jahr 1996 und der aktuellen Version 4.1 im Jahr 2008 liegen ca. 70 Millionen Downloads. Es gibt Übersetzungen des Programms in knapp 30 Sprachen, darunter Chinesisch, Japanisch, Arabisch, Usbekisch und Esperanto. Seit der Erstveröffentlichung von IrfanView hat Irfan Skiljan ca. 70.000 Dankes-E-Mails aus der ganzen Welt erhalten. Der älteste User, der sich mit dem Entwickler in Verbindung setzte, um sein Programm zu loben, war übrigens ein 95-jähriger Mann aus Japan. In IrfanView-Userforen werden im Internet Tipps und Tricks zum Programm ausgetauscht. Und in Holland, Polen und Frankreich wurden bereits Fachbücher über IrfanView veröffentlicht. Dieser Erfolg hat mehrere Gründe:

  • IrfanView ist eines der raren Programme, die halten, was sie versprechen: Es braucht wenig Speicherplatz, läuft schnell, stürzt so gut wie nie ab und lässt sich installieren und de-installieren, ohne eine Sauerei in den Einstellungen des Windows-Betriebssystems zu hinterlassen.
  • Mit IrfanView kann man nicht nur jpg, tiff und gif, sondern auch selten gebrauchte Bildformate öffnen und betrachten – darunter auch welche, die bereits zum Forschungsgebiet für Software-Archäologen zählen, wie zum Beispiel jpeg2000 oder pcx.
  • IrfanView kann alles, was andere Bildbetrachtungsprogramme auch können, und hat darüber hinaus einige Features, die andere Programme nicht bieten – zum Beispiel die komfortable Skalierung und Umbenennung ganzer Bilderordner.
  • IrfanView ist für Privatbenutzer gratis, ebenso für Schulen, Unis, Bibliotheken und humanitäre Organisationen.

So viel Gutes für kein Geld macht neugierig: Wer ist eigentlich der Mensch, der sich auf der IrfanView-Homepage als Urheber dieser Software vorstellt? Die Homepage gibt nur vage Auskunft: Irfan Skiljan, in Österreich lebender Bosnier aus Jajace, Absolvent der TU Wien, Katzenfreund und Freund des schwarzen Humors, wie nicht zuletzt das IrfanView-Programmicon beweist, das eine überfahrene, flachgewalzte Katze darstellt, die unter einer Lupe liegt. Dazu eine Postfachanschrift in Wiener Neustadt und eine E-Mail-Adresse.

Ich schreibe Irfan Skiljan ein Mail und bitte um ein Interview. Wir verabreden uns vor dem Multiplexx-Kino in der Shopping City Süd und setzen uns für das Interview in ein Themenrestaurant, Marke Country-Saloon. Für Irfan Skiljan ist es erst das zweite Interview, das er von Angesicht zu Angesicht gibt. Alle anderen Anfragen hat er bisher ausnahmslos per E-Mail abgewickelt. Mich interessiert vor allem, warum er sein tolles Programm gratis anbietet, wie er mit einer Gratissoftware seinen Lebensunterhalt verdienen kann, und wie es ihm als Bosnier in Österreich geht … Doch der Reihe nach.

Irfan Skiljan vor einer nicht mehr ganz taufrischen Fototapete in der Shopping City Süd, eingerahmt ins Programmfenster von IrfanView.

Wien-Westbahnhof, 10 D-Mark in der Tasche

„Ich bin 1992 als Flüchtling nach Österreich gekommen“, erzählt der heute 35-Jährige. „Ich besuchte in Belgrad ein Militärgymnasium und habe dort im Juni 92 maturiert. Dann ist der Bosnienkrieg ausgebrochen, und ich war als Bosnier in Serbien nicht mehr erwünscht. Ich habe mein bisschen Geld zusammengekratzt und habe mich zusammen mit einem Freund zu einem Flüchtlingslager in Ostserbien durchgeschlagen. Dort wurde uns das Geld abgenommen, dafür bekamen wir einen Pass und eine Bahnkarte bis Wien-Westbahnhof. In Wien bin ich in einem Flüchtlingszug angekommen, mit 10 D-Mark in der Tasche.“

Die bosnischen Flüchtlinge wurden in der Kaserne Wöllersdorf bei Wiener Neustadt untergebracht; Einheimische boten Deutschkurse an, Kontakte wurden geknüpft. Irfan Skiljan hatte Glück: Junge Leute wie er wurden oft bei älteren Ehepaaren untergebracht, die große Häuser mit leerstehenden Kinderzimmern hatten und sie gegen Mithilfe im Haushalt zur Verfügung stellten. Mit seiner Gastfamilie hat der Bosnier bis heute sehr guten Kontakt. Von seiner echten Familie hörte er während des Bosnienkrieges fünf Jahre lang gar nichts. Erst Mitte der 90er-Jahre konnte er wieder Verbindung aufnehmen.
Der junge Mann aus Bosnien hatte aber nicht nur Glück, sondern bewies auch Verstand, denn unter den wenigen Habseligkeiten, die er bei seiner Flucht mitgenommen hatte, waren seine Matura- und Abschlussklassenzeugnisse. Sie wurden in Österreich anerkannt, und Irfan Skiljan konnte an der TU Wien Informatik inskribieren. Im dritten Studienjahr, 1995, schrieb er die erste Version seines Bildbetrachtungsprogramms, das er an Freunde und Studienkollegen verteilte. „Die waren begeistert, denn damals gab es noch nicht so viele Grafik-Viewer wie heute. Außerdem hatte IrfanView alle Features, die damals für uns wichtig waren, um die großen Bildmengen, die im Internet kursierten, schnell und mühelos betrachten zu können. So ist das Ganze ins Laufen gekommen.“ Nach Abschluss des Studiums arbeitete Irfan Skiljan ein Jahr lang bei einer Softwarefirma. Aufgrund der ständig steigenden Nachfrage nach IrfanView kündigte er dort und machte sich selbstständig. Seither widmet er sich beruflich ganz der Weiterentwicklung seines Programms.

Alle nutzen IrfanView

„Warum bietet man eine Software gratis an, und wie kann man damit trotzdem Geld verdienen?“, will ich von Irfan Skiljan wissen. Mit Cyber-Idealismus habe das wenig zu tun, stellt der Softwareentwickler klar. „IrfanView ist für private Benutzer und Non-Profit-Einrichtungen gratis, nicht aber für Firmen und sonstige Institutionen“, erklärt er. „Firmen müssen Lizenzgebühren zahlen, die sich nach der Zahl der verwendeten Programmlizenzen richten.“
Die Unternehmen und Institutionen, die IrfanView verwenden, ergeben ein kleines Who’s who mitteleuropäischer Leitbetriebe: Audi, Mercedes und EADS sind ebenso darunter wie T-Mobile, A1 und der ORF, zudem Pharmafirmen, etliche Banken, der deutsche Bundestag und das österreichische Bundeskanzleramt. Viele amerikanische Firmen geben Spezialversionen seiner Software bei Irfan Skiljan in Auftrag, also Softwareadaptionen, die ganz auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten sind. „Ich denke, Firmen haben Geld, ein normaler User hat eher weniger Geld – so ist es eine gute Lösung, von der alle etwas haben, es für Privatbenutzer gratis zur Verfügung zu stellen“, lautet das Credo des Entwicklers. Zusatz: „Aber auch eine Firmenlizenz ist nicht so kostspielig.“

Dass eine Software für Private gratis ist, heißt noch lange nicht, dass der Programmcode dafür frei zugänglich wäre. Freeware ist nicht gleich Open Source. Im Falle von IrfanView stehen hinter dem Programm einige hundertausend Zeilen Programmcode. „Ich sehe keinen Grund, das freizugeben, denn dann kommen sofort Leute, die den Code klauen und selbst Grafikprogramme daraus machen, die sie verkaufen“, sagt Irfan Skiljan. Sehr wohl aber hat er in seinem modular aufgebauten Programm einige Software-Development-Kids eingebaut – Andockstellen für andere Entwickler, die ihrerseits Ergänzungen und Zusatzmodule anbringen können: Übersetzungen zum Beispiel, ergänzende Funktionen bis hin zu grafisch veredelten Programmoberflächen.

Möglichst wenig Stress

Wenn man so lange an einer Software arbeitet, wird man da nicht zum Computernerd, zur realitätsfernen Bildschirm-Assel? – So zurückhaltend Irfan Skiljan auch auftritt, man merkt doch bald, dass man es mit einem bodenständigen Menschen zu tun hat, der Sport und Bewegung als Ausgleich zum Programmieren sucht, der mit einer Österreicherin liiert ist, in einem Dorf in Niederösterreich eine Familie gegründet hat und sich einmal in der Woche mit Freunden zum Fußballspielen und Bauernschnapsen trifft. Er pflegt Umgang mit seinen Studienkollegen von der TU Wien, doch Software-Tagungen und -Kongresse meidet er. Und vom Reichtum eines Bill Gates ist der Bosnier Kontinente entfernt. Das Geschäft laufe gut, so viel ist ihm zu entlocken. Doch auch ein gewisser Hang zum Fatalismus ist bemerkbar, wenn Irfan Skiljan sagt: „Ich denke nicht so viel an die Zukunft, da kriegt man nur Magenweh.“
Ansonsten gehört zum größten Luxus, den sich der Softwareentwickler gönnt, keine Uhr zu tragen und kein Handy zu besitzen. „Mein Motto ist: Möglichst wenig Stress, denn Arbeit gibt es eh genug. Wenn ich ein Handy hätte und die Nummer auf die Homepage stellen würde, dann würde es ununterbrochen läuten.“

Noch etwas interessiert mich zum Schluss: Wie empfindet ein Einwanderer, der hier seinen Universitätsabschluss gemacht und sich völlig eingelebt hat, die herrschende Diskussion um Integration und Multikulturalität in Österreich? – Die Meinung des Bosniers, der zwar von Geburt her Moslem ist, sich aber seit seinem 18. Lebensjahr als Atheist sieht, ist eindeutig: „Ich finde, dass sich Einwanderer auch anpassen müssen“, sagt Irfan Skiljan. „Was mich stört, sind diese ghetto-artigen Gruppen, die sich total abkapseln, wie man es in Deutschland bei den Türken öfter sieht. Man muss sich öffnen, muss Bräuche und Gesetze des Landes, in das man kommt, akzeptieren. Aber auch die Einheimischen, egal in welchem Land, müssen sich öffnen und sich von ihren Ängsten und Vorurteilen lösen. Ich finde, je vermischter das Ganze ist, desto besser ist es für alle.“
Ist es nun in Österreich gut oder schlecht? Was die Politik betrifft, hat Irfan Skiljan eine klare Meinung: „Seit Wolfgang Schüssel die rechten Parteien in die Regierung geholt hat und bestimmte Typen salonfähig gemacht hat, hat sich stimmungsmäßig viel verschlechtert. Die Leute sind vom Charakter her egoistischer geworden, stellen sich selbst über alles andere. Von dieser Entwicklung bin ich schwer enttäuscht.“

Doch das war schon die einzige kritische Bemerkung über seine Heimat Österreich, die der Softwareentwickler in eineinhalb Stunden Gespräch fallen gelassen hat. Auch Ausländerfeindlichkeit ist kein Thema für ihn: In knapp 10 Jahren waren gerade mal ein bis zwei ausländerfeindliche Mails in seiner Mailbox – also nichts, verglichen mit den 70.000 Dankes-E-Mails aus der ganzen Welt. Österreich, ein Paradies mit kleinen Flecken?! – Fast könnte man es so sehen. Und dazu passt dann auch der Hintergrund, den wir für das Foto ausgesucht haben, das ich von Irfan Skiljan mache. Die PCs im Elektromarkt um die Ecke hätten sich ebenfalls angeboten, doch das war zu naheliegend. Stattdessen entdeckten wir im Eingang zur SCS eine Fototapete eines Paradiesstrandes, vor das sich Irfan Skiljan platzierte, um seiner Art gemäß in die Kamera zu lächeln – sehr zurückhaltend. Dass auch Wandausbesserungen auf der Fototapete zu sehen sind, stört nicht wirklich.

IrfanView im Internet:
www.IrfanView.com

Erschienen im „extra“ der Wiener Zeitung am 24. Mai 2008.

PS: Ich schreibe seit 1992 in schöner Unregelmäßigkeit Buchbesprechungen, Porträts und Reiseberichte für das „extra“ der Wiener Zeitung.