Eine Frage des Geschmacks

Das Weingut Lackner-Tinnacher gehörte zu den ersten in der Region, die ihren Qualitätsanspruch als Weinerzeuger auch mit architektonischen Mitteln zum Ausdruck brachten. Auf diesem Hof im Gamlitzer Ortsteil Steinbach wird seit 1770 nachweislich Wein erzeugt. Es ist damit eines der ältesten Weingüter der Region – und zugleich wirtschaftlich am Puls der Zeit.

Katharina Tinnacher begrüßt die Gäste zur Führung durch das Weingut vor dem alten Bauernhof ihrer Familie. Wie in der Gegend typisch, besteht der Hof aus einem Haupthaus, um das herum im Lauf der Zeit mehrere Wirtschaftsgebäude errichtet wurden. „Das Anwesen befindet sich ein gutes Stück unterhalb der Hügelkuppe, sozusagen in geschützter Lage“, sagt die Winzerin, die das Weingut seit 2013 führt. Ihre Eltern, Wilma Lackner und Fritz Tinnacher, haben den Betrieb zu einem der bekanntesten Weingüter der Südsteiermark gemacht, aber schon der Urgroßvater, Franz Lackner, hatte sein Hauptaugenmerk auf die Weinerzeugung gelegt. Neben Weinflächen umfasst das Gut 30 Hektar Wald, einige Hektar Acker bzw. Grünlandflächen – Wiesen, Streuobstwiesen und Hecken. Tochter Katharina, die in Wien Weinbau und Pflanzenwissenschaften studierte, stellte das Weingut vor wenigen Jahren auf biologisch-organischen Weinbau um: keine Kunstdünger, keine chemischen Pflanzenschutzmittel, keine synthetischen Helferlein im Weinkeller. Drei Jahre habe die Umstellungsphase gedauert, denn so lange brauche der Boden, bis er wieder bio sei, sagt die Winzerin. Sorgsame Pflege der einzelnen Reben und eine aufmerksame Beachtung des Mikroklimas in den einzelnen Weinbergen sind die Voraussetzungen für einen organisch-biologischen Betrieb.

Katharina Tinnacher begrüßt ihre Gäste bei der Hofführung. Foto: Werner Schandor

Katharina Tinnacher ist eine selbstbewusste junge Frau, die genau weiß, was sie in Sachen Weinerzeugung erreichen will, und wie sie es anlegen muss, um dorthin zu gelangen. Sechs verschiedene Riede in Gamlitz, Eckberg und im Sausal umfasst ihr Reich; die Winzerin, ihre Eltern und rund zehn Angestellte kümmern sich um die etwa 100.000 Rebstöcke, die auf sehr unterschiedlichen Böden wachsen. Welschriesling, Weißburgunder, Morillon, Grauburgunder, Gelber Muskateller, Roter Traminer  und natürlich die südsteirische Leitsorte Sauvingon Blanc finden hier Nahrung und Sonne zum Reifen.

Das Lob der Sommeliers

Katharinas Vater, Fritz Tinnacher, hat mit seinem Bekenntnis, dass Qualität vor Quantität geht, aus den Trauben Weine gekeltert, die höchste Anerkennung von Sommeliers, Weinkennern und Genusstrinkern fanden und finden. Seine Kreationen wurden mit Attributen wie „zeitlos elegant, finessenreich, engmaschig und feingliedrig“ bedacht. „Sehr, sehr wenige Betriebe verstehen es, so gekonnt die Eigenheiten und Vorzüge der verschiedenen Lagen und Böden in die Flasche bzw. ins Glas zu bringen“, urteilte etwa Master Sommelier Alexander Kobinger aus Salzburg. Katharina Tinnacher wandelt, was die Qualität betrifft, auf den Spuren ihres Vaters. Schon die ersten Jahrgänge, für die sie als Winzerin verantwortlich zeichnete, animierten österreichische und deutsche Spitzensommeliers, erneut höchste Töne des Lobes anzuschlagen.

Katharina Tinnacher und ihr Vater Fritz Tinnacher neben der Lärchenholzfassade des Weinkellers. Foto: Lupi Spuma

Angetan sind aber nicht nur Weinkenner, sondern auch Architekten und Freundinnen der Baukultur, die das Weingut besuchen, und zwar vom Fass- und Tankkeller, der im Jahr 2000 an den Hof angebaut bzw. in den Hang hineingebaut wurde. Wein verträgt keine Temperaturschwankungen; konstante 15 Grad, so wie sie im Keller von Lackner-Tinnacher sommers wie winters herrschen, bilden ideale Lagerbedingungen. Dadurch, dass der Keller halb im Hang liegt, ist im Sommer keine Kühlung nötig und der Heizaufwand im Winter gering. Für die Planung des Kellers, dem 2002 die Sanierung des historischen Gewölbekellers folgte, zeichnete der Grazer Architekt Rolf Rauner verantwortlich. Die Stahlbetonwände wurden mit einer Lärchenholzfassade versehen; das begrünte Flachdach ist von oben kaum wahrnehmbar, sondern wirkt wie eine Verlängerung des Gartens. Zudem fließt der gepresste Traubensaft auf die schonendste Art – nämlich durch die Schwerkraft – von dem über dem Keller befindlichen Pressehaus direkt in die Fässer.

Ein Winzerhaus als bauliche Skulptur

Ein Stück den Hang hinauf steht ein weiteres Gebäude: Es ist das alte Winzerhäuschen, das 2015 zum Auszugshaus der Eltern umgebaut wurde. „Früher wurde der Weingarten meist nicht von den Bauern oder Grundstückseigentümern kultiviert, sondern von angestellten Winzern, die solche Kellerstöckl in den Weingärten zum Wohnen zur Verfügung gestellt bekamen“,  erzählt Katharina Tinnacher. „Meine Eltern haben sich mit dem Umbau des alten Winzerhäuschens einen Rückzugsort nach ihrem Geschmack geschaffen.“

Das von Ulrike Tinnacher geplante Haus für die Eltern steht über dem Weingut und begeistert Architekturkenner. Foto: Lupi Spuma

Für die Pläne zeichnete Katharinas Schwester, Ulrike Tinnacher, verantwortlich. Die junge Architektin ließ für den Umbau das alte Kellerstöckl abtragen, das in den 1960er-Jahren erreichtet worden war, nur der 400 Jahre alte Gewölbekeller darunter blieb erhalten. Und auf den wurde ein Neubau aus gefärbtem Dämmbeton mit Steildach aufgesetzt, der wie die Skulptur eines Hauses wirkt. „Die monolithische Bauweise, die Struktur der sägerauen Holzbretterschalung und die wenigen quadratischen Öffnungen verleihen dem Gebäude einen introvertierten Charakter“, sagt die Architektin über ihr „Haus T“. Wenn man aber den Hügel hinaufwandert, wird ein zweiter Baukörper sichtbar: ein langgezogener, großflächig verglaster Raum mit auskragendem Flachdach, der den Ess- und Wohnbereich bildet. Ulrike Tinnacher: „Dieser raumhoch verglaste Teil des Hauses lässt die umgebende Landschaft in das Gebäude diffundieren, sodass die Hülle keine Grenze von außen nach innen bildet, sondern Natur und Gebautes fließend ineinander übergehen.“ Ulrike Tinnachers „Haus T“ wurde 2016 mit einem Anerkennungspreis im Rahmen des steirischen Landes-Architekturpreises ausgezeichnet.

Im Wein liegt die Wirtschaftskraft

Mit seinen 27 Hektar Rebfläche gehört das Weingut Lackner-Tinnacher flächenmäßig zum guten Mittelfeld in der Steiermark. Unter den Qualitätswinzern, die in „Falstaff“ und „Vinaria“ gelistet werden, sind flächenmäßig die Weingüter von Manfred Tement mit 80 Hektar, gefolgt von den Brüdern Polz sowie den Familien Skoff und Wohlmuth mit je rund 70 Hektar die Spitzenreiter in der Region. Im Schnitt ist der Weingarten eines Weinbauers in der Südsteiermark vier Hektar groß. Die überwiegende Zahl der Betriebe sind kleine Selbstvermarkter, die ihre Weine ab Hof verkaufen oder in ihren Buschenschänken anbieten. Mit rund 2.000 Hektar ist das Weinbaugebiet Südsteiermark zwar größer als die Wachau, wo 1.390 Hektar dem Weinbau gewidmet sind, aber im Vergleich zum Weinviertel (rd. 13.300 ha) oder der Region Neusiedlersee (7.650 ha) halt doch ein relativ kleines Gebiet. Von den rund 1,5 Millionen Hektoliter Wein, die 2015 in Österreich produziert wurden, stammen nur rund sieben Prozent  aus der Südsteiermark.

Qualität geht für Winzerin Katharina Tinnacher vor Quantität. Architektur bringt dieses Selbstverständnis zum Ausdruck. Foto: Lupi Spuma

Für die Region selbst spielt der Wein jedoch eine große Rolle – und das nicht nur durch die Weinproduktion und den Handel, sondern auch durch die unmittelbaren Auswirkungen auf Gastronomie und Tourismus: Rund drei Viertel aller Betriebe im Bezirk Leibnitz sind dem Dienstleistungssektor zurechenbar. Das Institut für Höhere Studien beziffert die Bruttowertschöpfung des Weinbaus in Österreich für das Jahr 2014 mit rund 3,6 Milliarden Euro; ca. 400 Mio. Euro davon werden in der Steiermark erwirtschaftet, die sich in Sachen Weinbau in die Südsteiermark, Weststeiermark, Südoststeiermark und Oststeiermark gliedert. In dieser Berechnung sind nicht nur Produktion und Handel des Weines samt damit verbundenem Tourismus enthalten, sondern auch mittelbare Auswirkungen des Weinbaus unter anderem auf die Immobilien- und Bauwirtschaft.

Zurück in den Verkostungsraum, wo Katharina Tinnacher die Gläser mit Wein spült, um ihre edlen Tropfen zu kredenzen. Den Anfang macht der Welschriesling, der nach ihrem Uropa Franz Lackner benannt ist. 100.000 bis 120.000 Flaschen Wein erzeugt das Weingut Lackner-Tinnacher pro Jahr, im Schnitt also 1 Flasche pro Weinstock. Das ist vergleichsweise wenig, dient aber der Qualität. „Der Wein gewinnt durch die Reduktion an Komplexität und Dichte“, weiß die Winzerin.

Das Gros der steirischen Weine wird in Österreich verkauft; ein kleiner Anteil in europäische Länder exportiert, und ein paar Prozent landen über Weinfachhändler in den USA. „Im Ausland finden sich unsere Weine vor allem in der gehobenen Gastronomie und der Spitzengastronomie, wo Sommeliers die Weinkarten bestücken“, erzählt Katharina Tinnacher. Ihr Aushängeschild ist der Sauvignon Blanc der Lage Welles. Unter 40 Euro Euro kostet die Flasche vom Jahrgang 2014. Im Preisvergleich mit italienischen oder französischen Spitzenweinen ist das ein Schnäppchen. „Österreichische Weine sind Nischenprodukte, aber überzeugen durch hohe Qualität. Das ist der Arbeit unserer Eltern zu verdanken. An meiner Generation liegt es nun, den Wein international bekannter zu machen und den Weinstil so weiterzuentwickeln, dass er mit großen Weißweingebieten der Welt, wie beispielsweise der Burgund oder der Mosel mithalten kann,“ meint die Winzerin, während sie die nächste Verkostungsrunde vorbereitet. Eine klare Ansage!

Text aus der Broschüre „Baukultur Südsteiermark“, die auf der Homepage des Vereins Landluft als PDF zum Download bereitsteht.

Und hier geht es zur Homepage des Weingutes Lackner-Tinnacher