Eine Religion auf leisen Sohlen

Seit 25 Jahren ist der Buddhismus offiziell anerkannte Religion in Österreich. Ein Gespräch mit Gerhard Weißgrab, dem Präsidenten der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft. Von Werner Schandor

Herr Weißgrab, welches Jahr schreiben wir heute nach buddhistischem Kalender?
Wir schreiben das Jahr 2551 oder 2552, das hängt jetzt davon ab, ob wir den thailändischen oder den singhalesischen Kalender heranziehen. Die Thailänder haben 2007 das Jahr 2550 gezählt. Diese Zählweise orientiert sich an Buddhas Eingang ins Parinirwana. Aber das ist nicht die einzige Zählform, die Tibeter zählen wieder anders. Die haben heuer das Jahr 2135. Grundsätzlich richten sich die buddhistischen Länder aber in offiziellen Angelegenheiten nach der westlichen Zählweise.

Wie ist der Buddhismus nach Österreich gekommen?
Ich habe im Hinblick auf das 25-Jahr-Jubiläum der Anerkennung des Buddhismus als Religion in Österreich nachgeforscht. Dabei stellte sich heraus, dass es bereits im 17. Jahrhundert über einen österreichischen Jesuitenmönch erste Kontakte zum Buddhismus gegeben hat. Auf breiterer Basis erfolgten weitere Kontakte zum Buddhismus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als der Indologe Karl Eugen Neumann den Pali-Kanon, eine der wichtigsten Schriften des Buddhismus, übersetzte und in Wien veröffentlichte. Die Urschriften Neumanns befinden sich im Archiv der ÖBR.
Der Westen beschäftigte sich mit dem Buddhismus zunächst vor allem aus wissenschaftlichem Interesse. Erst später konnte sich der Buddhismus als Religion etablieren. Die Vorläufer-Organisationen der heutigen Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft wurden um 1950 gegründet. Das waren die ersten Gruppen, die den Buddhismus als Lehre, als Religion praktiziert haben. Das hat sich langsam entwickelt, ist langsam größer geworden.

Wie viele Mitglieder hat die ÖBR? Wie viele Buddhisten gibt es in Österreich?
Die ÖBR hat relativ wenige eingetragene Mitglieder. Wir sind knapp über 2.200 Menschen, die sich vom Religionsbekenntnis her offiziell als Buddhisten bezeichnen. Sehr spannend ist, dass sich aber bei der Volkszählung 2001 fast 16.000 österreichische Staatsbürger als Buddhisten bekannt haben. Und wir wissen von der Zahl der in unseren Tempeln Praktizierenden, dass man zu diesen 16.000 noch einige Tausend dazugeben muss. Ich würde die Zahl der ernsthaft dem Buddhismus Nahestehenden für Österreich mit knapp über 20.000 schätzen. Wobei wir ja als besonders tolerante Religion niemanden, der bei uns praktiziert, drängen, sich bei uns einzuschreiben.

Mit welchem kirchlichen Amt könnte man Ihre Funktion vergleichen?
Es gibt nur hinkende Vergleiche dafür. Mein Amt ist kein klerikales Amt, es ist ein rein weltliches Amt. Ich bin der oberste Repräsentant des Buddhismus in Österreich, auf offizieller Ebene. In der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft gibt es ein Präsidium mit einem Präsidenten, zwei Vize und einem Generalsekretär und einen Gemeindevorstand mit zwei Stellvertretern, und die führen faktisch die Ämter, d.h. sie kümmern sich um alle organisatorischen und administrativen Belange des Buddhismus in Österreich, um den Schulunterricht und dergleichen. Wir sind die offizielle Ansprechstelle für buddhistische Themen und Fragen und für den interreligiösen Dialog. Dann gibt es noch den Sangha-Rat, das ist wie der Aufsichtsrat in einer Firma. Der Sangha-Rat ist das letztentscheidende Gremium und wird beschickt von allen buddhistischen Gruppen, die in der ÖBR Mitglied sind. Das sind zurzeit 18 Gruppierungen in ganz Österreich. Der Rat tagt vier Mal im Jahr.

Die ÖBR teilt sich die Adresse – Fleischmarkt, Wien I. – mit einem Ambulatorium für Schwangerschaftsabbrüche. Wie sieht die buddhistische Position in dieser Frage aus?
Die buddhistische Position in dieser Frage ist im Grunde gleich eindeutig wie die katholische, nur mit zwei Einschränkungen. Erstens: Aus buddhistischer Sicht ist die Empfängnisverhütung ein sehr probates Mittel, um Abtreibungen zu vermeiden. Zweitens: Es gibt im Buddhismus selten eine Position, die ohne Wenn und Aber etwas ausschließt. Es bleibt immer ein Rest an Eigenverantwortung und Entscheidung. Auch der Dalai Lama sagt, es ist nicht auszuschließen, dass eine Situation vorstellbar ist, wo eine Abtreibung der heilsamere Weg ist als die Geburt.
Grundsätzlich ist eine Abtreibung aber natürlich unheilsam. Es geht darum, kein Wesen zu töten und zu verletzen – kein Tier, keinen Menschen. Und aus buddhistischer Sicht beginnt das Leben mit der Befruchtung.

Sie haben unlängst eine Umfrage unter den Mitgliedern der ÖBR durchgeführt, wo auch abgefragt wurde, ob sich österreichische Buddhisten stärker sozial und politisch engagieren sollen. Wie fielen die Antworten aus?
Es gibt sehr viele Stimmen, die sich mehr soziales Engagement wünschen, und es gibt sehr viele und sehr laute Stimmen, die sagen: „Ja nicht in irgendeiner Form aggressiv auftreten!“ Das Bewusstsein, dass wir eine sehr tolerante, aber auch eine auf sehr leisen Sohlen agierende Religion sind, ist stark ausgeprägt. Und da gab es sehr viele warnende Stimmen im Fragebogen. Es gab viele Stimmen für ein soziales Engagement, aber auch eine deutliche Absage für ein politisches Engagement im herkömmlichen Sinn, und das unterschreibe ich auch. Aber im weitesten Sinne ist auch soziales Engagement als politischer Akt zu sehen, und da haben wir in jüngerer Vergangenheit einige Schritte gesetzt: Wir haben zum Beispiel 2005 ein mobiles Hospiz ins Leben gerufen. Und wir bieten seit November 2007 Trauerbegleitung an, die sehr gut nachgefragt wird.

Eine Religion auf leisen Sohlen, sagen Sie. Wollen die österreichischen Buddhisten nicht offensiver auftreten?
Die ÖBR war in den letzten Jahrzehnten eine sehr zurückhaltende Organisation. Das hat seine Berechtigung, und es ist auch richtig, dass man nicht zu jedem tagespolitischem Thema seine Meinung äußern muss. Das soll sich nicht ändern. Aber ich bin der Meinung, dass die ÖBR in Zukunft sehr wohl stärker in der Öffentlichkeit präsent sein sollte. Ich glaube, das geht auch Hand in Hand mit gesellschaftlichen Entwicklungen: Vor 15 oder 20 Jahren haben nur wenige Menschen über Religion geredet, heute ist es ein breites, auch konfliktgeladenes Thema. Der Buddhismus hat meines Erachtens gerade zu Konflikten sehr viel zu sagen, und Buddhisten sollten gerade darum heutzutage ihre Stimme erheben. Der Buddhismus ist eine friedliche Religion und kann auch als ausgleichender Faktor in der Gesellschaft und zwischen anderen Religionen wirken.

Wie könnte der Dialog mit anderen Religionen aussehen?
Lassen Sie mich dazu ausführen, was wir innerhalb der ÖBR schon im Kleinen leben: In den Ursprungsländern gibt es den Buddhismus in seiner jeweiligen Tradition. In Tibet herrscht der tibetische Buddhismus, in Sri Lanka, Burma und Thailand der Theravada-Buddhismus, in Japan der Zen-Buddhismus. In Österreich kommen alle Traditionen des Buddhismus Asiens zusammen unter dem Dach der ÖBR und stehen völlig gleichwertig im Dialog miteinander. Ich glaube, dass wir hier eine Beispielwirkung entfalten können. Noch dazu ist der Buddhismus eine sehr tolerante Religion. Er behauptet von sich nicht, die einzig wahre Religion zu sein. Er sagt: Unser Weg ist ein Weg von vielen, und zwar von vielen gleichwertigen Wegen. Und: Wir sehen nicht nur die einzelnen buddhistischen Traditionen als gleichwertig an, sondern auch alle anderen Religionen gleichwertig als möglichen Weg zum Heil des Menschen.

Wollen Sie dadurch mehr Leute zum Buddhismus bringen?
Wir sollten die Werte des Buddhismus stärker in die Gesellschaft einbringen. Das hat nichts mit Missionierung zu tun – der Buddhismus will nicht missionieren. Es geht darum, mehr Menschen als bisher die Vorteile der buddhistischen Praxis anzubieten: Die Innenschau, die buddhistische Sicht auf Dinge, die eine sehr psychologische Sicht ist. Und aus dem heraus kann man mit mehr Achtsamkeit zu mehr Ruhe kommen.

Welche der drei großen buddhistischen Richtungen ist in Österreich am stärksten vertreten?
Am stärksten ist eindeutig die tibetische Richtung vertreten, danach kommen Theravada- und Zen-Buddhismus. Wobei es innerhalb des tibetischen Buddhismus auch verschiedene Schulen gibt. In Österreich ist die Karma Kagyü-Schule am stärksten vertreten, dann kommt die Gelugpa-Schule, die Richtung des Dalai Lama, dann kommen die anderen Schulen.

Woran liegt diese Stärke des tibetischen Buddhismus in Österreich?
Meiner Meinung nach hat es zwei Gründe: Erstens hat es mit dem Dalai Lama zu tun, der sehr bekannt ist und der vielen den Zugang zum Buddhismus eröffnet hat. Zweitens – und das ist meine rein persönliche Meinung – ist der tibetische Buddhismus ziemlich barock in seiner Form. Er ist sehr bunt und hat noch aus der tibetischen Bön-Religion heraus auch mit Göttern zu tun. Vielleicht ist diese Richtung mit ihrer Vielfalt den Österreichern irgendwie näher.
Für mich ist es ein Anliegen, in der Öffentlichkeit klar zu machen, dass der Buddhismus nicht nur tibetisch ist. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen Buddhismus und tibetischen Buddhismus gleichsetzen. Genauso ist der Irrtum weit verbreitet, dass der Dalai Lama das Oberhaupt der Buddhisten ist, was nicht stimmt. Er ist weltweit gesehen die bedeutendste Persönlichkeit für den Buddhismus, hierarchisch aber nur an der Spitze von einer der vier großen tibetischen Richtungen.
Hinter all den kulturellen Verbrämungen des Buddhismus steckt die Essenz der Lehre, um die es eigentlich geht. Es ist durchaus wichtig für die Menschen, die sich dem Buddhismus nähern, zu schauen, was hinter dieser kulturellen Wand steht.

Sie haben von „Essenz der Lehre“ gesprochen. Was ist darunter zu verstehen?
Wenn ich in meinen Vorträgen den Buddhismus mit zwei Sätzen zu erklären versuche, dann sage ich Folgendes: Im Buddhismus geht es darum, Mitgefühl mit allen Wesen zu üben, und zu versuchen, Weisheit zu erlangen. Das ist die kürzeste Formel, wie ich den Buddhismus erkläre.

…das hat etwas Christlich-Aufklärerisches.
Ja, absolut. Das ist im Prinzip kein Widerspruch. Das einzige, was uns im Vergleich zum Christentum „fehlt“, ist Gott, der über allem steht. Es gibt für uns kein Wesen, das außerhalb des Systems von Ursache und Wirkung steht. Ich bin Teil des Ganzen, und alle meine Handlungen bewirken etwas, und ich kann niemanden von außerhalb dieses Systems um Vergebung bitten oder um Hilfe. Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zum Christentum. Aber natürlich, das buddhistische Mitgefühl entspricht der christlichen Nächstenliebe, wenn Sie so wollen. Der zweite wesentliche Punkt des Buddhismus ist das Bestreben, Weisheit zu erlangen.

Zwei Begriffe werden ad hoc mit dem Buddhismus in Verbindung gebracht: Das Nirwana und die Erleuchtung. Wie kann man diese Begriffe verstehen?

Nirwana wird oft mit Verlöschen übersetzt. Wenn man das nihilistisch sieht, negativ, verneinend, dann ist es komplett falsch verstanden. Nirwana ist Verlöschen im Sinne von Verlöschen meiner Unwissenheit, es bedeutet letzte Erkenntnis, absolute Weisheit, es trennt mich nichts mehr, die Dualität ist aufgehoben – ich habe alles erkannt und setze keine Handlungen mehr, die Wiedergeburt bedingen. Nirwana ist ein Zustand, kein Ort, und es hat nichts mit dem Tod zu tun. Nirwana kann ich hier und jetzt erleben. Buddha war 35, als er „erwachte“, und das heißt in dem Fall, Nirwana erreicht hat. Er hat dann noch 45 Jahre gelebt. Nirwana passiert hier und jetzt – und hat jedenfalls nichts mit Verneinung zu tun, mit Vergehen ins Nichts. Es ist höchstens ein Verlöschen aus dem Nichtwissen, aus der Dualität heraus.

Woran würde man erkennen, dass man die Erleuchtung erlangt hat?
Ich denke, ich würde es dem Menschen ansehen an seinem Charisma, an seiner Wirkung, an seiner Ausstrahlung, an seinem Tun. So ist es auch den vormals Mitpraktizierenden des Buddha ergangen, als sie ihn nach der vorübergehenden Trennung wieder getroffen haben: Sie haben gesehen, da ist etwas passiert mit ihm, er hat eine Ausstrahlung gehabt, und sie wurden seine Schüler. Aber ein fixes Merkmal – eine Feuerzunge oder so was – gibt es da nicht. Es ist einfach ein Mensch, der letzte Weisheit verwirklicht hat. Er hat seine charismatische Ausstrahlung, wobei nicht jeder Charismatiker erleuchtet ist. Absolute Authentizität würde ich voraussetzen, und in dem Moment, wo jemand sagt, er ist erleuchtet, würde ich wissen, dass er es nicht ist.

Wie wird man eigentlich Buddhist?
Wenn man sich damit intensiv beschäftigt hat und weiß, dass der Buddhismus für einen der richtige Weg ist, dann gibt es den Akt der sogenannten Zufluchtnahme. In einer Zeremonie wird die Zuflucht genommen zu den drei Juwelen: zu Buddha, zum Dhamma (der Lehre) und zum Sangha (der Gemeinschaft der Praktizierenden). Diese Zeremonien sind traditionsbezogen unterschiedlich, aber der Kern ist die Zufluchtnahme zu den 3 Juwelen, und die drückt aus, dass ich mich zum Weg des Buddha bekenne und als meinen Weg annehme. Das ist aber – im Sinne des buddhistischen Pragmatismus – keine Voraussetzung, die Erleuchtung zu erlangen. Es ist nur eine Hilfe, ich sag mal: wie eine Krücke. Man muss vor allem tun, d. h. buddhistisch handeln. Es macht mich nicht erleuchteter, wenn ich Zuflucht nehme, aber ich erinnere mich dadurch vielleicht im Alltag eher daran, im buddhistischen Sinn zu handeln.

Erschienen am 23.2.2008 in der Wiener Zeitung