Über die Muttersprache

Von den vielen bedenkenswerten Ansichten, die die feministische Linguistik in die Welt gesetzt hat, halten sich drei Narrative besonders hartnäckig: 1.) die deutsche Sprache sei ein Herrschaftsinstrument, in dem das Patriarchat tiefe Spuren hinterlassen habe, und diese würden sich 2.) insbesondere in Bezeichnungen von Personengruppen zeigen, die mit dem generischen Maskulinum gebildet werden – anders als im Englischen, wo 3.) das Genus keine Rolle spiele.

Letzteres ist ein populärer Irrtum. Denn sehr wohl spielt das Genus auch im Englischen eine Rolle – sonst gäbe es z. B. keinen Oscar für die „Best Actress“, und Franco Zefirellis Filmtitel „Brother Sun, Sister Moon“ würde im Deutschen keine Irritation auslösen. Das Englische kennt nicht nur ein grammatisches Geschlecht, sondern es kennt fallweise sogar Endungen, die das Geschlecht anzeigen. Was es einzig nicht kennt, sind unterschiedliche Artikelwörter, die im Deutschen wesentlich sind, um das Genus anzuzeigen.

Die plurale Welt ist weiblich

Allein von der Endung her weiß man bei Wörtern wie „Vater, Mutter, Kind“ nicht, welches Wort Maskulinum, Femininum oder Neutrum ist. Erst die Artikelwörter „der, die, das“ machen das kenntlich. Man kann sich nur wundern, dass die feministische Linguistik, die so sehr an den Bedeutungsfeldern von Silben klebt, übersehen hat, dass im Deutschen das Artikelwort wesentlich für das Genus ist. Und nicht nur das: Sie hat auch übersehen, dass der Plural im Nominativ ausschließlich mit dem weiblichen Artikelwort „die“ gebildet wird: die Frauen, die Mütter, die Töchter. Beim generischen Maskulinum ist die weibliche Form im Plural dank Artikel daher nicht bloß „mitgemeint“, sondern dezidiert mitgenannt, wenn es die Lehrer, die Ärzte, die Giftmörder heißt. Und das sogar bei Wörtern, die rein auf Männliches abzielen: die Männer, die Burschen, die Väter … Werden hier am Ende Männer diskriminiert? – Nur wenn man das grammatische Geschlecht von Wörtern mit dem biologischen (Sexus) und beide mit dem sozialen (Gender) verwechselt, was leider in der Argumentation „Frauen sind (nicht) mitgemeint“ stets der Fall ist. Übrigens: Bei einer Studie*, die 1998 an der Universität Jena veröffentlicht wurde, wurden Personengruppen, die im Plural des generischen Maskulinums standen, mehrheitlich weiblich assoziiert. Und verantwortlich dafür war, so nimmt man an, das Artikelwort „die“.

Warum Gendern sektiererisch ist

Vielleicht ist unsere Muttersprache gar nicht so männlich und ungerecht, wie feministischerseits gerne behauptet wird, sondern zutiefst weiblich. Oder zumindest neutral. Und vielleicht ist sie auch kein „Herrschaftsinstrument“, wie es heißt – sondern wird bloß von jenen als Machtmittel eingesetzt, die meinen, mit sprachlichem „Gendern“ ließe sich die gesellschaftliche Gleichbehandlung von Frauen befördern. Das Problem dabei: Auch Faschismus und Kommunismus verfolgten die Strategie, die Menschen über die Sprache nach ihrem jeweiligen Narrativ bevormunden zu wollen. Doch das funktioniert – zum Glück – nicht. Wo es doch versucht wird, ignoriert man, dass Sprache primär kein behördliches Instrument ist, das sich nach jeweiliger politischer Begehrlichkeit normieren lässt, sondern immer auch ein individuelles, höchstpersönliches Ausdrucksmittel, dem man nicht ohne totalitären oder zumindest sektiererischen Beigeschmack mit Vorschriften und Verboten kommen kann.

Österreich beweist: „Gendern“ bringt’s nicht

Tatsächlich bringt das Gendern gesellschaftspolitisch gar nichts, wie der OECD-Vergleich beweist: In Österreich wird seit Jahren im behördlichen Sprachgebrauch gegendert, was das Zeug hält. Und parallel dazu sackte das Land im OECD-Gleichstellungsreport von Platz 19 (2013) auf Platz 52 (2017) ab. Auch ein Blick an die österreichischen Universitäten, dem  Epizentrum sogenannter „geschlechtergerechter Sprache“, sollte Genderbeauftragte ernüchtern: Das Gendern bei Ausschreibungen hat von sich aus die Anzahl weiblicher Professoren jahrelang nicht erhöht. Erst als die Republik den Universitäten ab 2005 Prämien für jeden weiblich besetzten Lehrstuhl garantierte, nahm der Frauenanteil in diesem Segment zu. Und der Treppenwitz der Geschichte: Wo der Diskurs über Binnen-I, Unterstrich und Gendersternchen progressiv geführt wird, werden seit der Bologna-Reform Männer wie Frauen (und alle dazwischen) in Scharen zu „Junggesellen“  und – horribile dictu – „Meistern“ ausgebildet. Und keine/n scheint es aufzuregen. Kein Wunder: Bachelor und Master sind englische Wörter. Und das Englische kennt kein grammatisches Geschlecht, wie wir wissen. Daher sind Gesellschaften, wo Englisch gesprochen wird, auch um so vieles pluralistischer und gleichberechtigter als unsere, die vom bösen Deutsch alter weißer Männer geprägt ist. Oder sollte ich irren?

 

* Klaus Rothermund: Automatische geschlechtsspezifische Assoziationen beim Lesen von Texten mit geschlechtseindeutigen und generisch-maskulinen Text-Subjekten. In: Sprache & Kognition, Heft 17, 1998