Fotoecke
Wir sagen es nicht laut, aber wir wildern in kleinem Rahmen auch in der Pressefotografie - entweder im Auftrag von Kunden oder aus eigenem Antrieb aus Spaß an der Freud. Ein paar Kostproben zeigen wir Ihnen auf dieser Seite, wo wir auch Texte zum Thema Fotografie und Porträts von steirischen Fotokünstlerinnen und -künstlern vorstellen.
Weiteres Bildmaterial aus eigener Produktion finden Sie in unserer Webgalerie.
Webgalerie mit neuen Bildern
Über 500 Bilder umfasst mittlerweile die textbox-Webgalerie, die meisten davon sind Aufnahmen, die auf Reisen entstanden sind. Seit dem letzten Upload sind vor allem im Ordner “Graz und Umgebung” über 100 neue Aufnahmen von den Erkundungen der Steiermark dazugekommen, die bei den Recherchen und Fotofahrten für den Reiseführer “Steirisches Wein- und Hügelland” gemacht wurden. Die meisten der Webgaleriebilder stehen auch für professionelle Verwendung zur Verfügung und können in hoher Auflösung bereitgestellt werden (digital: 10 oder 12 MP; Scans von KB und Dia: 15 MP). Bei Interesse reicht ein Mail an die Textbox.
Viel Spaß beim Stöbern und Schauen!

“Zwergengarten” in der Nähe von Graz
Richard Avedon trifft „Alltagsgeschichten“
Der Fotograf Philipp Podesser pendelt zwischen LA und Graz, zwischen internationalem Jet-Set und österreichischen Alltagstypen. „Ich habe ein Problem mit dem Starkult. Heutzutage dreht sich alles um Starmodels, Starfotografen oder Starfilmemacher. „Für mich aber sind die echten Leute Stars“, sagt einer, der beide Welten kennt. Der Grazer Fotograf Philipp Podesser, Jahrgang 1977, zog Ende der 1990er-Jahre an die amerikanische Westküste, um am Santa Monica College Fotografie zu studieren. Nach seinem Abschluss mit Diplom arbeitete er zunächst bei Hollywoodproduktionen mit, ehe er international bekannten Fotografen wie Adrien Velicescu oder Björn Kommerell zur Hand gehen durfte. Zurück in Graz, arbeitete Podesser zunächst für das Atelier Jungwirth, ehe er sich 2003 selbstständig machte und bei Projekten des international erfolgreichen österreichischen Fotografen Alfred Seiland mitwirkte. Wie Seiland verfolgt auch Podesser neben der kommerziellen Fotografie eigene künstlerische Projekte. Sein Opus Nr. 1, die Serie „Freischwimmer“, präsentierte er mit großem Erfolg im Frühjahr 2010 im Grazer Museum der Wahrnehmung (MUWA).
„Freischwimmer“, das sind 17 überlebensgroße Porträts von „echten Menschen“, wie der junge Fotokünstler sagt. Es handelt sich um Besucher der städtischer Freibäder in Graz, die Podesser im Sommer 2009 vor die Kamera bat, fast so, wie Gott sie schuf, nur mit Rücksicht auf das Gemeinwesen im Badegewand. Die Körper, die wir zu sehen bekommen, sind, wie sie sind, und wie man sie aus den Freibädern kennt: echte Körper von echten Menschen, die keinen „personal trainer“ haben und auch keine Not, besonders auf ihre Figur zu achten. Im Kontrast zu den meist nicht hochglanzmagazintauglichen Körpern steht Podessers meisterliche Ablichtung der Hobby-Modelle. Und so urteilte beispielsweise der Kultursender Ö1 in einer Sendung über die „Freischwimmer“, dass die Porträts, die den Vergleich mit Werken Richard Avedons nicht scheuen müssen, Menschen zeigen, die Elizabeth T. Spiras „Alltagsgeschichten“ entnommen sein könnten.

(c) Philipp Podesser
Da wir gewohnt sind, in Ausstellungen, aber auch in Zeitungen und Filmen vor allem „schöne Menschen“ zu sehen, stellt „Freischwimmer“ unweigerlich die Frage nach dem Schönheitsbegriff in den Raum. „Ein Schönheitsideal im engeren Sinn gibt es eigentlich nicht,“ meint dazu der Fotograf. „Wenn man zurücktritt und sich die Leute in der Gesamtheit anschaut, ist es noch viel interessanter, wie viel Verschiedenartigkeit es gibt. Für mich existiert die Schönheit in der Verschiedenartigkeit der Menschen.“
Die Leidenschaft zur Fotografie entdeckte der Grazer übrigens auf Umwegen über das Skateboard: Es waren die Kunststücke und der Lifestyle seiner Skateboardfreunde, die ihn animierten, zur Kamera zu greifen. „Einer musste das Ganze bildlich festhalten, und das war eben ich“, erinnert sich der Fotokünstler. Nach dem Erfolg seiner „Freischwimmer“ im MUWA soll die Ausstellung auch in Wien und Sarajewo gezeigt werden. Weiters gibt es ein Angebot eine Serie der Arbeiten im neu eröffneten Grazer Bad Eggenberg auszustellen. Philipp Podesser wird unterdessen ab Juni 2010 für längere Zeit mit Kind(ern) und Kegel in die USA übersiedeln, wo seine Lebensgefährtin einen Job angenommen hat. Er will diese Zeit nutzen, die USA zu bereisen und Land und Leute, wie sie sich aktuell zeigen, im Rahmen verschiedener Fotoprojekte festhalten. Leute und Landschaften, beide von ihrer eher peripheren Seite, das sind die beiden großen Themen, die den Blick des Fotografen an sich ziehen. Einige Zeit wird Podesser aber auch auf Transkontinentalflügen verbringen, denn schon jetzt sind in Österreich Projekte fixiert, die im Herbst 2010 abgeschlossen werden wollen, darunter eines, wo Podesser Pendler im Zug porträtieren wird.
Werner Schandor
Stand: Juni 2010
Philipp Podesser im Internet: www.podesser.net
Der Text erschien im Juni 2010 in der Online-Künstlergalerie ARTfaces der Kultur Service Gesellschaft Steiermark. ARTfaces wird redaktionell von der textbox betreut.
Grüße aus der Steiermark!

Kürbisfeld im oststeirischen Auersbachtal im September 2009, (c) textbox
Unser neues Projekt: Ein Reiseführer der südlichen Steiermark, der im Herbst 2010 im Falter-Verlag erscheinen wird. Texte & Fotos kommen von der Textbox. Dafür waren wir im Sommer und Herbst 2009 auf Recherchefahrten in der Süd-, Ost- und Weststeiermark unterwegs und entdeckten die Heimat neu.

Fresken im romanischen Karner in Hartberg, Foto (c) textbox
PS: Sollten Sie Geheimtipps aus der Region für uns haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an: abc@textbox.at
Ein Leben für das Fahrrad
Eine kleine, patinierte Werkstatt in einem Grazer Hinterhof – seit 25 Jahren die Anlaufstelle von Leuten, bei denen die Luft draußen ist. Gemeint ist nicht die älteste Yoga-Gruppe der Stadt, sondern der letzte Fahrradmechaniker von Graz, der diesen Beruf nach allen Regeln der Kunst (und mit dem Segen der Wirtschaftskammer versehen) erlernt hat: Werner Kunster flickt Patschen, repariert Bremsen, entfernt Achter, gibt dem Drahtesel frisches Öl und erfreut sich zahlreicher Stammkunden, die er nicht im Stich lassen will. Pension – kein Thema, solange es Räder zu reparieren gibt.
PS: Im Mai 2009 erschien im Leykam-Verlag das Buch Radlerleben. 26 steirische Autorinnen und Autoren schrieben über Lust und Frust des täglichen Radelns. Textbox-Chef Werner Schandor würdigt darin den Fahrradmechaniker Werner Kunster.
New-Wave-Stories. Über die narrativen Bildserien von Walter Seidl
In seinem späten Essay „Die helle Kammer“ macht Roland Barthes an seinen Gedanken zur Fotografie unter anderem ein nachdrückliches Plädoyer für das unteilbare Recht des Individuums auf Subjektivität und Einzigartigkeit fest. Das war 1980. Nur eineinhalb Jahrzehnte später hatten sich die Paradigmen in der Fotografie vollständig gewandelt, und nicht mehr das einzigartige Individuum, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen unseres Lebens standen und stehen im Mittelpunkt des Interesses: Wie und aufgrund welcher gesellschaftlicher Vorgaben konstruieren wir unsere Identitäten? Wie repräsentiert der Körper die geschlechtliche Differenz? – Es sind Fragen wie diese, denen Walter Seidl Mitte der 1990er bei einem Studienaufenthalt in Seattle, USA, begegnet ist, und die von Beginn an in die Fotoarbeiten des Grazers eingeflossen sind.

D&S – (c) Walter Seidl
In seinen Bildserien verfolgt Seidl über Jahre hinweg die Geschichte des amerikanischen Paares D & S. Er fasste sie, 1995 beginnend, in Diaserien mit Namen wie „D&S“, „DISclose“, „DISsect“ zusammen. D & S, das sind eine Mann und eine Frau, die Seidl in Amerika kennenlernte, und die beispielhaft für die oben angedeuteten Fragen der Genderdebatte stehen, denn an D & S verblüfft, dass Mann und Frau sich absolut ähnlich sehen: Sie kleiden sich gleich, tragen gleiche Brillen, haben ähnlich Frisuren – wenn sie nebeneinanderstehen, könnte man sie fast verwechseln. Wie es sich aber für moderne Lebensabschnittspartnerschaften gehört, blieben D & S nicht ewig zusammen. Die Frau verliebte sich in eine Frau (die wiederum dem männlichen Ex-Partner verblüffend ähnlich sieht), der Mann begab sich auf Solo-Pfade. Diese Abschnitte dokumentierte Walter Seidl 2007 bis 2008 in den Serien „ST.“ und „A.o.D.“.
Jeweils 81 Dias – die Anzahl, die in ein Diakarussell passt – umfassen Walter Seidls analog aufgenommene SW- und Farb-Serien von D & S. Unterlegt sind sie bei Ausstellungen – und auf Seidls Homepage www.walterseidl.net – von Soundtracks, für die der Fotograf zum Teil international renommierte Soundtüftler wie John Parish gewinnen konnte. Seidls Bilder weisen stark narrative Elemente auf und können auch als Storyboards von Filmen über das Alltagsleben eines Paares gesehen werden. Die Bilder zeichnen sich – so die Kunstkritikerin Marina Gržinić im Vorwort zum Buch „DISplay“, das 2008 in der Edition Fotohof erschienen ist und die Arbeiten über D & S zusammenfasst – durch Anleihen der New-Wave-Ästhetik aus. Damit ist unter anderem gemeint: Bunte Farben oder harte Schwarzweißkontraste, urbane Settings, Künstlichkeit als Lebensstil, Betonung androgyner Formen. Die Kunstkritikerin Ursula Maria Probst, die das zweite Vorwort zu „DISplay“ beisteuert, konstatiert: „In seinen Bildkompositionen gelingt es Seidl, Ethik und Ästhetik zu verbinden; es ist ein teilnehmender Blick, der einen Lebensstil porträtiert und zugleich die Instabilität von lebendigen Menschen festhält, die im echten Leben permanenten Veränderungen unterliegen.“
Walter Seidl debütierte als Fotograf 1997 beim steirischen herbst im „Raum für Kunst“, der jetzigen Galerie >rotor< . Es folgten Ausstellungen in Antwerpen, München, Wien, Marburg, Sofia und Tokio. Den gebürtigen Grazer, der an der Uni Graz seinen Doktor in Zeitgeschichte machte, ereilte das übliche steirische Künstlerschicksal: Er exilierte nach Wien, wo er in der klassischen KKK-Rolle als Künstler, Kurator und Kritiker unter anderem die „Kunstsammlung“ der Erste Bank leitet. Mit seiner Heimatstadt Graz ist Walter Seidl nach wie vor eng verbunden, nicht zuletzt durch seine kuratorische Tätigkeit bei „Camera Austria“. In seinem nächsten Projekt, der Video-/Diainstallation mit Sound, "Beyond Darkness“, wird sich der Vielreisende mit der Sicherheits- und Globalisierungsfrage in Städten beschäftigen.
Werner Schandor für die Reihe
ARTfaces der Kulturservice Gesellschaft Steiermark, die von der Textbox seit 2008 redaktionell betreut wird.
Junge Meister
„Es gibt viele Leute, die sich mit Kunst beschäftigen – schade, dass man sich an manche nach einer gewissen Zeit nicht mehr erinnert“, sagt die Fotografin Severin Hirsch. In ihrem Projekt „Die Straße“ (2008) kämpft sie fotografisch gegen das Vergessen an, indem sie Künstlerinnen und Künstler porträtiert, die in den Bezirken Gries und Lend leben und arbeiten. Die beiden Stadtbezirke bilden mit dem Kunsthaus, dem Atelier RONDO und der Kreativmeile um den Mariahilferplatz das kreative Aushängeschild der steirischen Landeshauptstadt. Unter den Porträtierten finden sich bildende Künstler wie ILA, Videofilmer (das Kollektiv „Shot Shot Shot“), Designer (Tobias Kestel – white elephant) und der Maler Alfred Resch, dessen vielschichtige Arbeiten Severin Hirsch seit Jahren fotografisch begleitet. Kunst ist die Obsession der Fotografin, die seit 2003 in Graz lebt und arbeitet: „Egal wo ich bin, fotografiere ich immer die Leute, die künstlerisch etwas machen.“
Severin Hirsch ist 1972 in Celje (Cilli) geboren. In Ljubljana (Laibach) hat sie die Höhere Lehranstalt für grafische Gestaltung, Design und Fotografie absolviert. Auf ihrer Homepage www.6×7.biz präsentiert sie technisch perfekte Architekturaufnahmen, Theaterfotos sowie Porträts, die in ihrer Vitalität und Tiefe ihr psychologisches Interesse erahnen lassen.

Die Fotografin Severin Hirsch im Selbstporträt
Vergleichsweise geradlinig sind dagegen die Künstlerporträts, die Severin Hirsch beim Straßenfestival „Lendwirbel“ im Mai 2008 ausgestellt hatte. Die Künstlerinnen und Künstler stehen meist im prallen Tageslicht auf der Straße, sind etwas außerhalb der Bildmitte platziert und blicken direkt und ernst in die Kamera. In einer Hand halten sie – aber das sieht man erst auf den zweiten Blick – ein Accessoire ihrer Arbeit. Dieser Gegenstand, der auf die Tätigkeit verweist, und der ernste Blick erinnern an Porträts von Handwerkern der Renaissance, wo die Suche nach der Individualität des Menschen ihren Ausgang nahm. Ähnlich wie die Porträts der alten Meister gewinnen auch die scheinbar schlichten Künstlerfotografien von Severin Hirsch an Würde und Substanz, je länger man sie betrachtet.
Die Vergangenheit mit der Gegenwart zu kreuzen und daraus Aussagen über den Menschen von heute abzuleiten, ist auch die Kernidee des kommenden Projekts der Fotografin, das sie im Frühjahr 2009 in Celje umsetzen wird. In einer Serie von Aktaufnahmen will sie Menschen in einer Studioumgebung ablichten, wie sie für das frühe 20. Jahrhundert typisch war: gemalte Hintergründe, gedämpftes, natürliches Licht, anmutige Posen. „Ich will bei diesem Projekt zeigen, wie sich der Körper und das Körperbild in den vergangenen 100 Jahren geändert hat“, sagt die Fotografin. Inspiriert wurde sie dazu vom Ausstellungsort: Es ist das ehemalige Atelier des in Slowenien sehr bekannten Fotografen Josip Pelikan, der ab den 1920er-Jahren bis zu seinem Tod 1977 Hunderte Porträts auf Glasplatten anfertigte. Aufgenommen hatte er sie in seinem großzügigen. lichtdurchfluteten Atelier, das inzwischen zum städtischen Fotomuseum umgewandelt wurde.
Werner Schandor
Homepage von Severin Hirsch: www.6×7.biz
Der Text erscheint im Projekt “ARTfaces” von der steirischen Kulturservice Gesellschaft. Die Textbox hat die Redaktion dieses Online-Lexikons steirischer Künstlerinnen und Künstler inne.
Der Herr der Bilder
Der Softwareentwickler Irfan Skiljan erhält jeden Monat hunderte Dankes-E-Mails aus aller Welt. Millionen User haben seine Bildbetrachtungssoftware IrfanView auf dem Computer installiert. Doch nicht einmal seine Nachbarn in Niederösterreich ahnen, dass der gebürtige Bosnier einer der erfolgreichsten Programmierer Österreichs ist. Von Werner Schandor
IrfanView war – lange vor Google-Picasa – eines der ersten Programme, mit denen man elektronische Bilddaten auf dem Computer betrachten konnte, und es ist bis heute eines der beliebtesten Bildbetrachtungsprogramme für Windows geblieben. Zwischen der ersten öffentlichen Version 1.7 im Jahr 1996 und der aktuellen Version 4.1 im Jahr 2008 liegen ca. 70 Millionen Downloads. Es gibt Übersetzungen des Programms in knapp 30 Sprachen, darunter Chinesisch, Japanisch, Arabisch, Usbekisch und Esperanto. Seit der Erstveröffentlichung von IrfanView hat Irfan Skiljan ca. 70.000 Dankes-E-Mails aus der ganzen Welt erhalten. Der älteste User, der sich mit dem Entwickler in Verbindung setzte, um sein Programm zu loben, war übrigens ein 95-jähriger Mann aus Japan. In IrfanView-Userforen werden im Internet Tipps und Tricks zum Programm ausgetauscht. Und in Holland, Polen und Frankreich wurden bereits Fachbücher über IrfanView veröffentlicht. Dieser Erfolg hat mehrere Gründe:
- IrfanView ist eines der raren Programme, die halten, was sie versprechen: Es braucht wenig Speicherplatz, läuft schnell, stürzt so gut wie nie ab und lässt sich installieren und de-installieren, ohne eine Sauerei in den Einstellungen des Windows-Betriebssystems zu hinterlassen.
- Mit IrfanView kann man nicht nur jpg, tiff und gif, sondern auch selten gebrauchte Bildformate öffnen und betrachten – darunter auch welche, die bereits zum Forschungsgebiet für Software-Archäologen zählen, wie zB jpeg2000 oder pcx.
- IrfanView kann alles, was andere Bildbetrachtungsprogramme auch können, und hat darüber hinaus einige Features, die andere Programme nicht bieten – zum Beispiel die komfortable Skalierung und Umbenennung ganzer Bilderordner.
- IrfanView ist für Privatbenutzer gratis, ebenso für Schulen, Unis, Bibliotheken und humanitäre Organisationen.
So viel Gutes für kein Geld macht neugierig: Wer ist eigentlich der Mensch, der sich auf der IrfanView-Homepage als Urheber dieser Software vorstellt? Die Homepage gibt nur vage Auskunft: Irfan Skiljan, in Österreich lebender Bosnier aus Jajace, Absolvent der TU Wien, Katzenfreund und Freund des schwarzen Humors, wie nicht zuletzt das IrfanView-Programmicon beweist, das eine überfahrene, flachgewalzte Katze darstellt, die unter einer Lupe liegt. Dazu eine Postfachanschrift in Wiener Neustadt und eine E-Mail-Adresse.
Ich schreibe Irfan Skiljan ein Mail und bitte um ein Interview. Wir verabreden uns vor dem Multiplexx-Kino in der Shopping City Süd und setzen uns für das Interview in ein Themenrestaurant, Marke Country-Saloon. Für Irfan Skiljan ist es erst das zweite Interview, das er von Angesicht zu Angesicht gibt. Alle anderen Anfragen hat er bisher ausnahmslos per E-Mail abgewickelt. Mich interessiert vor allem, warum er sein tolles Programm gratis anbietet, wie er mit einer Gratissoftware seinen Lebensunterhalt verdienen kann, und wie es ihm als Bosnier in Österreich geht … Doch der Reihe nach.

Irfan Skiljan vor einer nicht mehr ganz taufrischen Fototapete in der Shopping City Süd.
Foto: Textbox.
Wien-Westbahnhof, 10 D-Mark in der Tasche
„Ich bin 1992 als Flüchtling nach Österreich gekommen“, erzählt der heute 35-Jährige. „Ich besuchte in Belgrad ein Militärgymnasium und habe dort im Juni 92 maturiert. Dann ist der Bosnienkrieg ausgebrochen, und ich war als Bosnier in Serbien nicht mehr erwünscht. Ich habe mein bisschen Geld zusammengekratzt und habe mich zusammen mit einem Freund zu einem Flüchtlingslager in Ostserbien durchgeschlagen. Dort wurde uns das Geld abgenommen, dafür bekamen wir einen Pass und eine Bahnkarte bis Wien-Westbahnhof. In Wien bin ich in einem Flüchtlingszug angekommen, mit 10 D-Mark in der Tasche.“
Die bosnischen Flüchtlinge wurden in der Kaserne Wöllersdorf bei Wiener Neustadt untergebracht; Einheimische boten Deutschkurse an, Kontakte wurden geknüpft. Irfan Skiljan hatte Glück: Junge Leute wie er wurden oft bei älteren Ehepaaren untergebracht, die große Häuser mit leerstehenden Kinderzimmern hatten und sie gegen Mithilfe im Haushalt zur Verfügung stellten. Mit seiner Gastfamilie hat der Bosnier bis heute sehr guten Kontakt. Von seiner echten Familie hörte er während des Bosnienkrieges fünf Jahre lang gar nichts. Erst Mitte der 90er-Jahre konnte er wieder Verbindung aufnehmen.
Der junge Mann aus Bosnien hatte aber nicht nur Glück, sondern bewies auch Verstand, denn unter den wenigen Habseligkeiten, die er bei seiner Flucht mitgenommen hatte, waren seine Matura- und Abschlussklassenzeugnisse. Sie wurden in Österreich anerkannt, und Irfan Skiljan konnte an der TU Wien Informatik inskribieren. Im dritten Studienjahr, 1995, schrieb er die erste Version seines Bildbetrachtungsprogramms, das er an Freunde und Studienkollegen verteilte. „Die waren begeistert, denn damals gab es noch nicht so viele Grafik-Viewer wie heute. Außerdem hatte IrfanView alle Features, die damals für uns wichtig waren, um die großen Bildmengen, die im Internet kursierten, schnell und mühelos betrachten zu können. So ist das Ganze ins Laufen gekommen.“ Nach Abschluss des Studiums arbeitete Irfan Skiljan ein Jahr lang bei einer Softwarefirma. Aufgrund der ständig steigenden Nachfrage nach IrfanView kündigte er dort und machte sich selbstständig. Seither widmet er sich beruflich ganz der Weiterentwicklung seines Programms.
Alle nutzen IrfanView
„Warum bietet man eine Software gratis an, und wie kann man damit trotzdem Geld verdienen?“, will ich von Irfan Skiljan wissen. Mit Cyber-Idealismus habe das wenig zu tun, stellt der Softwareentwickler klar. „IrfanView ist für private Benutzer und Non-Profit-Einrichtungen gratis, nicht aber für Firmen und sonstige Institutionen“, erklärt er. „Firmen müssen Lizenzgebühren zahlen, die sich nach der Zahl der verwendeten Programmlizenzen richten.“
Die Unternehmen und Institutionen, die IrfanView verwenden, ergeben ein kleines Who’s who mitteleuropäischer Leitbetriebe: Audi, Mercedes und EADS sind ebenso darunter wie T-Mobile, A1 und der ORF, zudem Pharmafirmen, etliche Banken, der deutsche Bundestag und das österreichische Bundeskanzleramt. Viele amerikanische Firmen geben Spezialversionen seiner Software bei Irfan Skiljan in Auftrag, also Softwareadaptionen, die ganz auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten sind. „Ich denke, Firmen haben Geld, ein normaler User hat eher weniger Geld – so ist es eine gute Lösung, von der alle etwas haben, es für Privatbenutzer gratis zur Verfügung zu stellen“, lautet das Credo des Entwicklers. Zusatz: „Aber auch eine Firmenlizenz ist nicht so kostspielig.“
Dass eine Software für Private gratis ist, heißt noch lange nicht, dass der Programmcode dafür frei zugänglich wäre. Freeware ist nicht gleich Open Source. Im Falle von IrfanView stehen hinter dem Programm einige hundertausend Zeilen Programmcode. „Ich sehe keinen Grund, das freizugeben, denn dann kommen sofort Leute, die den Code klauen und selbst Grafikprogramme daraus machen, die sie verkaufen“, sagt Irfan Skiljan. Sehr wohl aber hat er in seinem modular aufgebauten Programm einige Software-Development-Kids eingebaut – Andockstellen für andere Entwickler, die ihrerseits Ergänzungen und Zusatzmodule anbringen können: Übersetzungen zum Beispiel, ergänzende Funktionen bis hin zu grafisch veredelten Programmoberflächen.
Möglichst wenig Stress
Wenn man so lange an einer Software arbeitet, wird man da nicht zum Computernerd, zur realitätsfernen Bildschirm-Assel? – So zurückhaltend Irfan Skiljan auch auftritt, man merkt doch bald, dass man es mit einem bodenständigen Menschen zu tun hat, der Sport und Bewegung als Ausgleich zum Programmieren sucht, der mit einer Österreicherin liiert ist, in einem Dorf in Niederösterreich eine Familie gegründet hat und sich einmal in der Woche mit Freunden zum Fußballspielen und Bauernschnapsen trifft. Er pflegt Umgang mit seinen Studienkollegen von der TU Wien, doch Software-Tagungen und -Kongresse meidet er. Und vom Reichtum eines Bill Gates ist der Bosnier Kontinente entfernt. Das Geschäft laufe gut, so viel ist ihm zu entlocken. Doch auch ein gewisser Hang zum Fatalismus ist bemerkbar, wenn Irfan Skiljan sagt: „Ich denke nicht so viel an die Zukunft, da kriegt man nur Magenweh.“
Ansonsten gehört zum größten Luxus, den sich der Softwareentwickler gönnt, keine Uhr zu tragen und kein Handy zu besitzen. „Mein Motto ist: Möglichst wenig Stress, denn Arbeit gibt es eh genug. Wenn ich ein Handy hätte und die Nummer auf die Homepage stellen würde, dann würde es ununterbrochen läuten.“
Noch etwas interessiert mich zum Schluss: Wie empfindet ein Einwanderer, der hier seinen Universitätsabschluss gemacht und sich völlig eingelebt hat, die herrschende Diskussion um Integration und Multikulturalität in Österreich? – Die Meinung des Bosniers, der zwar von Geburt her Moslem ist, sich aber seit seinem 18. Lebensjahr als Atheist sieht, ist eindeutig: „Ich finde, dass sich Einwanderer auch anpassen müssen“, sagt Irfan Skiljan. „Was mich stört, sind diese ghetto-artigen Gruppen, die sich total abkapseln, wie man es in Deutschland bei den Türken öfter sieht. Man muss sich öffnen, muss Bräuche und Gesetze des Landes, in das man kommt, akzeptieren. Aber auch die Einheimischen, egal in welchem Land, müssen sich öffnen und sich von ihren Ängsten und Vorurteilen lösen. Ich finde, je vermischter das Ganze ist, desto besser ist es für alle.“
Ist es nun in Österreich gut oder schlecht? Was die Politik betrifft, hat Irfan Skiljan eine klare Meinung: „Seit Wolfgang Schüssel die rechten Parteien in die Regierung geholt hat und bestimmte Typen salonfähig gemacht hat, hat sich stimmungsmäßig viel verschlechtert. Die Leute sind vom Charakter her egoistischer geworden, stellen sich selbst über alles andere. Von dieser Entwicklung bin ich schwer enttäuscht.“
Doch das war schon die einzige kritische Bemerkung über seine Heimat Österreich, die der Softwareentwickler in eineinhalb Stunden Gespräch fallen gelassen hat. Auch Ausländerfeindlichkeit ist kein Thema für ihn: In knapp 10 Jahren waren gerade mal ein bis zwei ausländerfeindliche Mails in seiner Mailbox – also nichts, verglichen mit den 70.000 Dankes-E-Mails aus der ganzen Welt. Österreich, ein Paradies mit kleinen Flecken?! – Fast könnte man es so sehen. Und dazu passt dann auch der Hintergrund, den wir für das Foto ausgesucht haben, das ich von Irfan Skiljan mache. Die PCs im Elektromarkt um die Ecke hätten sich ebenfalls angeboten, doch das war zu naheliegend. Stattdessen entdeckten wir im Eingang zur SCS eine Fototapete eines Paradiesstrandes, vor das sich Irfan Skiljan platzierte, um seiner Art gemäß in die Kamera zu lächeln – sehr zurückhaltend. Dass auch Wandausbesserungen auf der Fototapete zu sehen sind, stört nicht wirklich.
IrfanView im Internet:
www.IrfanView.com
Erschienen im “extra” der Wiener Zeitung am 24. Mai 2008.
PS: Textbox-Chef Werner Schandor schreibt seit 1992 in schöner Unregelmäßigkeit Buchbesprechungen, Porträts und Reiseberichte für das “extra” der Wiener Zeitung.
Das große Bilderschmelze
Die meisten Leute glauben, dass die Gletscher schmelzen, weil die Atmosphäre durch das viele CO2 beschädigt wird. Manche hoffen, der Katastrophe mit Fotos entgegenwirken zu können. Doch auch die Fotografie ist dabei, vor die Hunde zu gehen. Lassen Sie mich diesen Gedanken erklären, ich habe dazu ein paar Aufnahmen vorbereitet.
1. Du lieber Scholli
2007 geht ein Bild um die Welt: Ein ausgewachsener Eisbär balanciert, als wär’s ein Zirkuskunststück, auf der Kuppe einer Eisscholle, die kleiner als sein Körper zu sein scheint. Der Bildtext erklärt, dass Klimawandel und CO2-Emmissionen … – aber das haben wir in den letzten Jahren bestimmt 100 Mal gelesen. Nächstes Bild, bitte!
2. Pasterze, ade!
Thematisch verwandt, wenn auch nicht ganz so prägnant umgesetzt: Eine Fotoserie dokumentiert das Schmelzen ausgewählter Gletscherzungen Österreichs im Lauf der letzten 100 Jahre. Besonders seit 1990 fällt der Rückgang der Gletscher drastisch aus: Wo früher Eis war, ist oft nur mehr Geröll. Zurück bleibt ein nackter Berg. Auch Österreichs Eisheiligtum, der Pasterzengletscher am Großglockner, ist massiv von der Schmelze betroffen. Zu sehen war die Fotoserie 2007 im Foyer des Naturhistorischen Museums in Wien.
3. Die Kiste aus der Vorzeit
Die Kiste in der Größe einer Schuhschachtel, die Sie hier über ein Spiralkabel mit einer kantigen Nikon-Spiegelreflexkamera verbunden sehen, ist quasi die Speicherkarte für die erste professionelle digitale Spiegelreflexkamera. Die DCS-100 wurde 1991 von Kodak auf den Markt gebracht. Die Auflösung betrug 1,2 Megapixel, also etwas weniger, wie heute durchschnittliche Fotohandys mitbringen. Die Kamera wog samt Speicher über 5 Kilogramm und kostete 25.000 Dollar. Eine dicke Geldtasche und eine starke Schulter, um sich das Teil umhängen zu können, waren Voraussetzung für den Erwerb. Dass sich die Digitalfotografie trotzdem durchgesetzt hat, ist nur der rasanten technologischen Entwicklung am Fotomarkt zu verdanken. – Nächstes Bild, bitte! Im Durchschnitt passiert in der Digitalfotografie alle 2 Jahre ein Entwicklungsschritt, der sich – vereinfacht gesagt – in höherer Pixelzahl, besserer Ausstattung und höherer Farbtreue der Bilder auszeichnet, wobei gleichzeitig die Kameras in Relation immer erschwinglicher werden. Hier sehen Sie zum Beispiel:
4. „Meine neue Waffe“
– so nennt der Kriegsfotograf Frank Perry im „Nikon Pro“-Kundenmagazin (Ausgabe Nr. 12/2006) seinen Fotoapparat, die Nikon D200. Dieses auch für gut verdienende Amateure erschwingliche Modell, das sich für den Einsatz in Afghanistan und anderen Krisengebieten der Erde eignete, wurde im Dezember 2007 von der nochmals verbesserten Nikon D300 abgelöst. Diese Kamera galt bei ihrem Erscheinen mit einem CMOS-Sensor mit 12 Megapixel Auflösung und einem vollständig gegen das Eindringen von Schmutz und Feuchtigkeit versiegelten Gehäuse nebst einem hervorragenden Bildwandler als heißestes Eisen für Enthusiasten und ambitionierte Amateure und kostete – Listenpreis – 1.899 Euro (ohne Objektiv, versteht sich). Die entsprechend ausgestatteten Modelle von Canon hießen 5D oder 1D Mark III. Die billigste digitale Spiegelreflexkamera war übrigens mit Jahresbeginn 2008 die Pentax K100D Super. Sie ist bei geizhals.at bereits ab 379 Euro gelistet. Inzwischen – 2009 – sind digitale Spiegelreflexkameras auch schon unter 300 Euro zu haben.
5. Japanische Invasion
Rätselfrage: Wo wird am meisten Geld für Fotoapparate ausgegeben? Japan, Europa oder USA?
– Falsch! Dem Klischee der alles und allzeit knipsenden Japaner zum Trotz ist Europa die richtige Antwort. Die Manager der Fotosparte von Canon und Nikon haben über dem Bett vermutlich die Verkaufs-Charts des alten Kontinents hängen, die sie in süßen Schlaf verfallen lassen. Die Säulengrafik auf dem Bild verdeutlicht es: 38 Millionen Kameras wurden 2006 in Europa verkauft – mehr als in den USA (28 Mio.) und Japan (8 Mio.) zusammen! Der „Rest der Welt“ folgt abgeschlagen mit 17 Mio. Fotoapparaten. Die Hersteller und Technologieführer der Fotoindustrie sitzen aber erwartungsgemäß nach wie vor in Japan, auch wenn sie Geräte mittlerweile in China fertigen lassen. 1,58 Trilliarden Yen betrug der weltweite Umsatz der Fotoindustrie im Jahr 2005, das sind ca. 18 Milliarden Dollar. Von 2006 auf 2007 ist der weltweite Absatz von Fotogeräten erneut um 10 % gestiegen.
Licht an!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich hoffe, Sie sind nicht eingeschlafen vom Surren des Diaprojektors. Entschuldigen Sie bitte die veraltete Technologie, einen Beamer will ich mir noch nicht leisten. Ich warte auf den Preisverfall. Dafür habe ich hier ganz etwas Tolles: Einen elektronischen Wechselrahmen. Hier an der Seite des Dinges setzt man die Speicherkarte mit den Bilddaten ein, und schon kann man sich bis zu 4000 Bilder abwechselnd anzeigen lassen. Quasi das Tischpendant zu den Rollplakaten im öffentlichen Raum.
Über meinen Wechselrahmen laufen momentan nur 3 Aussagen zur Fotografie. Ich habe sie schön abgetippt. Die wichtigsten Essayisten des 20. Jahrhunderts haben sich über die Fotografie den Kopf zerbrochen. Lassen Sie sich ruhig Zeit beim Lesen.
1.) […] die exakteste Technik kann ihren Hervorbringungen einen magischen Wert geben, wie für uns ihn ein gemaltes Bild nie mehr besitzen kann. Aller Kunstfertigkeit des Photographen und aller Planmäßigkeit in der Haltung seines Modells zum Trotz fühlt der Beschauer unwiderstehlich den Zwang, in solchem Bild das winzige Fünkchen Zufall, Hier und Jetzt, zu suchen, mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleichsam durchgesengt hat […].
Aus: Walter Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie (1931)
2.) In der Tat können sich solche Bilder der Realität bemächtigen, weil eine Fotografie nicht nur ein Bild ist (so wie ein Gemälde ein Bild ist), eine Interpretation des Wirklichen, sondern zugleich eine Spur, etwas wie eine Schablone des Wirklichen, wie ein Fußabdruck oder eine Totenmaske.
Aus: Susan Sontag: Die Bilderwelt (1977)
3.) Die Gesellschaften konsumieren jetzt Bilder statt Glaubensinhalte.
Aus: Roland Barthes: Die helle Kammer (1989)
Das magische Herz
Dass Fotografie einen magischen Aspekt hat, das empfinden alle, die es nicht übers Herz bringen, Bilder von Menschen, die sie mögen, beim Aufräumen wegzuwerfen, selbst wenn sich die Fotoberge schon schuhschachtelweise türmen. Darin offenbart sich noch ein Rest an fotografischem Geisterglauben, wie ihn Susan Sontag in ihrem berühmten Aufsatz über die Fotografie benennt: Die Fotografie ist nicht bloß Abbild der Wirklichkeit, sondern Spur des Wirklichen im Bild. In den Urzeiten der Fotografie, so steht im nicht minder berühmten Fotografie-Aufsatz von Walter Benjamin zu lesen, wagten die Betrachter es oft nicht, ein Bild länger anzusehen, weil sie meinten, die abgebildeten Personen selbst würden sie aus den Fotos heraus anschauen. Und Roland Barthes eröffnet sein philosophisches Staunen über die Fotografie mit dem Satz „Ich habe die Augen gesehen, die den Kaiser gesehen haben!“
Das unschuldige Staunen über das verblüffend wirklichkeitsgetreue Abbild, das uns die Fotografie liefern kann, ist uns Heutigen sicherlich verlorengegangen. Bilder sind keine Rarität mehr, sondern Treibgut der Moderne. Eines ist aber geblieben: In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war der „perfekte Moment“ das Um und Auf in der Fotografie. Und auch heute noch gilt diese Binsenweisheit vielen Menschen als Maß der fotografischen Dinge, nämlich dass ein Bild dann gelungen ist, wenn der Fotograf in jenem Moment auf den Auslöser drückt, der das Hier und Jetzt gleichsam definiert. Ein Eisbär auf einer Scholle zum Beispiel. Das Magische an der Fotografie besteht nicht zuletzt darin, solche Zeitmarken zu setzen, in denen ein winziger Moment zur Ewigkeit gerinnt.
Aber Fotografie ist nicht nur mystischer Gottesdienst unter Mithilfe japanischer Technologie. In ihrem Essay „Über Fotografie“ betont Susan Sontag den aggressiven Aspekt des Fotografierens: „Menschen fotografieren heißt ihnen Gewalt antun“, urteilt die Autorin streng. Auch dass man im Englischen und Deutschen davon spricht, Bilder zu „schießen“, dass bei modernen Spiegelreflexkameras oft die gleichen Hartplastiklegierungen Verwendung finden wie in Schnellfeuerwaffen, dass Kamerahersteller wie Nikon und Canon zudem in Werbeprospekten ihrer Profikameras oft die Waffenästhetik aufgreifen – das alles deutet auf einen aggressiven Zug des Fotografierens hin. Aber wir wissen auch, dass noch niemand daran gestorben ist, dass ein Fotograf den Auslöser drückt (außer es handelt sich um eine eigens präparierte Kamera und der Fotograf heißt James Bond), dass also die Aussage des Kriegsreporters Frank Perry, „Meine neue Waffe ist die Nikon D200“, nicht wörtlich verstanden werden darf. Fotoapparate sind keine Waffen. Sie töten niemanden. Sie rauben einem nicht die Seele, auch wenn das im 19. Jahrhundert eine weitverbreitete Furcht war.
Ich glaube vielmehr, es verhält sich einfach so: Man drückt auf den Auslöser und dadurch verewigt man eine Szene, einen Ausschnitt der Wirklichkeit, ein Stück Jetzt. Als Fotograf hat man in diesem Moment – selbst wenn rundherum alles in die Luft fliegen sollte – den Eindruck, an einem Hauch Ewigkeit teilzuhaben, quasi an der Unsterblichkeit. („Immortal Perry“ lautet zufällig auch der Spitzname unseres Kriegsfotografen).
Der Fotoapparat ist nicht nur, wie Susan Sontag schreibt, eine Maschine, um sich in der Wirklichkeit zu orientieren, indem man Bilder von ihr zieht, sondern auch eine Apparatur, die Augenblicke gefrieren lässt und somit das Gefühl der Vergänglichkeit bannt, neutralisiert und überwindet. Man könnte genauso gut beten oder meditieren, um dieses Ewigkeitsempfinden zu erlangen, aber der Nikon-Buddhismus ist einfacher auszuüben: Klick!
Verlassen, verlassen!
Was hat das alles mit den Gletschern und Eisbären zu tun? – Ich sehe es so: Die Natur ist der letzte Hort des Menschen, der Unvergänglichkeit vorgaukelt. Aus der Geschichte – und aus den Zeitungen – wissen wir, dass Staatssysteme, Herrscher und Völker kommen und gehen, dass Habsburgische und Tausendjährige Reiche in Nullkommanix von der Landkarte verschwinden können, dass das Wirtschaftssystem kracht und die Pensionsvorsorge für unsereinen, der noch nicht mit dem Rentenanspruch liebäugeln kann, alles andere als gesichert ist, ja dass sogar heilige Kühe wie die immerwährende österreichische Neutralität nach Schweizer Originalrezeptur von Regierungsparteien in Frage gestellt werden. Kein Wunder, dass wir Trost in der Natur suchen, die zwar unberechenbar, launisch und gefährlich sein kann, die aber zumindest Beständigkeit versinnbildlicht. Wenn man sich sonst auf nichts verlassen kann, dann bleibt nur noch das Alter der Alpen, die Weite des Meeres, das ewige Eis. – Und nun das: Die Gletscher schmelzen, die Alpen korrodieren, das Meer frisst die Städte. Schock total! Die Natur droht den Menschen im Stich zu lassen.
Intuitiv hängen wir uns unsere mikroprozessorgesteuerten Laterna magicas mit den lichtempfindlichen Aufnahmesensoren um, stürmen in die Alpen, buchen Reisen nach Patagonien und in die Arktis, um den drohenden Untergang aufzuhalten. Jetzt ein Bild machen und schnell noch eines von diesem schwindenden Gletscher, auf dass wir ihn Freunden und Verwandten zeigen oder in unserer Webgalerie veröffentlichen können. Kurz gesagt: Bild um Bild um Bild vom Eisbären oder vom Gletscher, der sich zurückzieht, soll helfen, die Polschmelze durch den magischen Akt des Fotografierens zu verhindern. Nicht allein durch den Appellcharakter, mit dem uns diese Bilder zur Umkehr auffordern, sondern instinktiv auch durch das neuschamanische Zeremoniell des Fotografierens selbst, das den Augenblick beschwört und die Geister der Ewigkeit anruft.
Bilderschmelze
Doch die Fotografie ist drauf und dran, sich durch inflationären Gebrauch selbst die Magie zu nehmen. Nicht nur die „Vereinigung für Digitalkameraverweiger“ (www.vfdkv.de – Vereinsmotto: „analog rockt.“) verspürten Unbehagen angesichts des allzu unbedachten, schnellen Umgangs mit Bildern. Nicht nur, dass man bei Digitalphotos auf das ganze alchemistische Brimborium der Analogausarbeitung – Entwickeln, Wässern, Fixieren, Trocknen – verzichten kann; und nicht nur, dass trotz Pixelwahn und Technologiefortschritt ein vergrößertes Analogbild auf ein geschultes Auge im Regelfall nach wie vor nuancenreicher und dadurch lebendiger wirkt als ein Digitalbild. (Nebenbei bemerkt: Die Digitalfotografie hat immer mehr Leute sehschwach und anspruchslos gemacht: Krasse Farbsäume an Hell-Dunkel-Grenzen, ekelhafte Kontrastverläufe, Hautfarbwiedergaben wie mit Plastilin – alles, alles wird einem Digitalfoto von Ottonormalbetrachter verziehen, solange nur das Bild gleich am Kameradisplay zu bewundern ist.)
Der eigentliche Grund für die „Seelenlosigkeit“ der Digitalfotografie ist folgender: Je mehr wir fotografieren – und die Digitalfotografie macht es möglich, quasi unendlich viele Bilder zu machen und die Aufnahmen entweder gleich wieder zu löschen oder in einem Datenfriedhof auf einer Festplatte verschwinden zu lassen –, umso mehr verschwindet auch das Jetzt-Gefühl, dieser Kurzschluss zur Ewigkeit, beim Druck auf den Auslöser. Früher kehrte man aus dem Urlaub mit 36 ausgewählten Aufnahmen zurück, wovon 4 verwackelt und 3 unterbelichtet waren, aber man behielt sie wegen des Erinnerungswerts. Heute schießt man im gleichen Urlaub 500 Bilder, löscht davon 300 beim ersten Sichten und bearbeitet die restlichen 200 mit Photoshop Elements, sodass man – überspitzt gesagt – zum Schluss schwerlich noch von authentischen Aufnahmen eines Moments sprechen kann.
Die Beständigkeit des Bildes wird von der Digitalisierung unterminiert und zum Schmelzen gebracht. Die Fotos der Liebsten, die ich in meinem Büro stehen habe, zu verräumen und die Aufnahmen von Frau und Kindern über einen digitalen Wechselrahmen laufen zu lassen – Frau, Überblendeffekt, Kinder, Überblendeffekt, Frau, Überblendeffekt, Kinder, Überblendeffekt … – würde mir pervers vorkommen. Denn es entzieht der Beständigkeit, die Bilder auch signalisieren, ihren Boden. Ich weiß, ich bin ein Nostalgiker, was das betrifft. Und ich werde die herrschende Entwicklung nicht aufhalten können, weder am Fotomarkt noch bei der Gletscherschmelze. „Unser niederdrückendes Gefühl der Flüchtigkeit hat sich nur noch verstärkt, seit uns die Kamera die Möglichkeit gegeben hat, den flüchtigen Augenblick zu ‚fixieren’“, schreibt die hellsichtige Susan Sontag im Aufsatz „Die Bilderwelt“ lange Jahre vor dem Siegeszug der Digitalfotografie.
In der Zwischenzeit überfluten die Bilder unsere Städte, der Meeresspiegel steigt, das ewige Eis schmilzt. Das Foto mutiert zusehends zum flüchtigen elektronischen Signal, es leuchtet kurz auf und verschwindet wieder. Wie der Eisbär. Wie die Gletscher. Wie wir. Bilder wird es Abermilliarden geben, aber wer wird sie noch betrachten, wenn der Eisbär im Polarmeer ersoffen ist?
Werner Schandor
Text für Heft 16 des Feuilletonmagazins “schreibkraft”, Thema: für immer
Die schreibkraft im Internet: http://schreibkraft.adm.at
Textbox-Bilder bei Panthermedia

Die deutsche Bildagentur Panthermedia hat Fotos der Textbox in ihre Datenbank aufgenommen, wie etwa diese rasante Aufnahme aus dem Grazer Lechwald. Foto: textbox.at
Panthermedia im Internet: www.panthermedia.de
Hilfe für Kinder in stürmischen Zeiten
Der Verein Rainbows Österreich betreut Kinder und Jugendliche nach der Trennung der Eltern bzw. nach dem Verlust einer nahen Bezugsperson. Textbox entwarf und fotografierte eine Serie von Symbol- und Pressebilden für den Verein.
Rainbows im Internet: www.rainbows.at
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