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	<title>textbox. schreiben ist gold &#187; Lesezimmer</title>
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		<title>Die Extremsammler von Feldbach. Eine Rundfahrt</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Aug 2010 16:24:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Bezirk Feldbach wird der Sammelleidenschaft gefrönt wie sonst kaum wo in der Steiermark. Und dabei ist nicht von Briefmarken oder Bonuspunkten die Rede. Beginnen wir unsere Rundfahrt zu einigen der leidenschaftlichsten Sammlern in Edelsbach bei Feldbach, wo schon Franz Gsellmann seine berühmte „Weltmaschine“ aus zusammengesammelten Teilen erschuf. Eine zweite Attraktion des Dorfes ist das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Bezirk Feldbach wird der Sammelleidenschaft gefrönt wie sonst kaum wo in der Steiermark. Und dabei ist nicht von Briefmarken oder Bonuspunkten die Rede. Beginnen wir unsere Rundfahrt zu einigen der leidenschaftlichsten Sammlern in Edelsbach bei Feldbach, wo schon Franz Gsellmann seine berühmte  „Weltmaschine“ aus zusammengesammelten Teilen erschuf. Eine zweite Attraktion des Dorfes ist das „Brückenbaumuseum“ im Ortszentrum. Die Modellbauerin und Brückenexpertin Renate Theißl stellt hier ihre umfassende Sammlung von Modellbrücken zur Schau – von den einfachsten Holzbrücken bis hin zu hochkomplexen Träger-, Bogen- und Spannkonstruktionen. Und weil die Welt im Maßstab 1:30 nicht alles ist, hat die Sammlerin vor einigen Jahren begonnen, auch originale alte Brücken, die ausrangiert wurden, und brückenähnliche Objekte anzukaufen. Die sind nun im Freigelände des Museums zu sehen. Der ganze Stolz der Sammlerin: eine 30 Meter lange, zig Tonnen schwere Eisenbahnfachwerkbrücke aus massivem Stahl. </p>
<p>Gehören Sie auch zu den Leuten, die nichts wegwerfen können? – Dann sollten Sie die Sammlung verstoßener Schätze besuchen, die Alois und Margareta Schwarz in ihrem Haus in der Nähe von Trautmannsdorf ausgestellt haben. Herr Schwarz arbeitete bei einem Entsorgungsunternehmen; die letzten sechs Berufsjahre hat er auf seinen Fahrten mit dem Müllauto brauchbare Gegenstände aus dem Müll gerettet. Auf diese Weise haben sich rund 4.000 Objekte angesammelt, die er und seine Frau im umgebauten Heuboden ihres Hofes ausstellen: Unzählige Spieluhren finden sich da, Leuchter, bunte Flaschen, eine goldfarbene Elvis-Büste, Porzellanpuppen, Besteck und Geschirr, Heiligenbilder, Fernsehlampen in Form von Modellschiffen, Muschelsammlungen, alte Geldscheine, ein bayrischer Bierkrug aus dem Jahr 1918, zig Armbanduhren, Gläser, Krickerln und was sonst noch so alles die Wohnzimmer der Gegend zierte. Die „Sammlung verstoßener Schätze“ ist eine unendliche Fundgrube von herzerwärmendem Kitsch. Aber sie sie ist auch ein Spiegel unserer Überflussgesellschaft und des sich ändernden Geschmacks. </p>
<p><img src='http://www.textbox.at/wordpress/wp-content/material/sammlung.jpg' alt='' /> </p>
<p>Nicht weit entfernt können wir in der Nähe vom Buschenschank Dunst kurz vor Straden Franz Berghold besuchen. Der gelernte Mechaniker sammelt alles, was Motoröl braucht, hat sich aber insbesondere auf historische Motorsägen spezialisiert. Ob er die größte Motorsägensammlung in Österreich hat, kann er nicht sagen; aber mit 400 Stück aus ganz Europa und den USA ist er auf jeden Fall ein heißer Anwärter auf diesen Ehrentitel. Wuchtige Zweimannsägen aus den 1950er-Jahren sind in seiner Sammlung ebenso vertreten wie exotisch motorisierte Sägen. Die schönsten Stücke hat Herr Berghold in der Garage aufbereitet, doch im und hinter dem Haus türmen sich noch weitere Schätze, darunter zwei Oldtimer, über 30 alte Traktoren, etliche Motorräder, Standmotoren, zig jüngere Motorsägen (zum Tauschen), Rasenmäher, Balkenmäher und und und. Ein geplanter Zubau beim Haus soll die turbulente Ausstellungssituation zumindest der historischen Motorsägensammlung verbessern helfen.</p>
<p>Nach so viel geballter Sammelleidenschaft ist eine Einkehr angeraten. Weil es zum Thema passt, tun wir das beim Bulldogwirt südlich von Straden. Das zu 120 % urige Wirtshaus wird heuer 100 Jahre alt und ist eine Mischung aus busgruppen-geeichtem Gasthaus, Bikertreff und Freilichtmuseum. In über 45 Jahren Sammlertätigkeit hat Seniorchef Erwin Wiedner etliches zusammengetragen: von Bauernhäusern und Nebengebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert über eine komplette alte Schmiede und aberzählige alte landwirtschaftliche Geräte bis hin zur historischen Auto-, Traktor- und Motorradflotte, wobei hier eine gewisse Vorliebe für die nationalsozialistischen Jahre ins Auge sticht. Politisch sensiblen Menschen, aber auch Puristen steigt beim Bulldogwirt eher die Grausbirn‘ auf; alle anderen können sich freuen, dass es Orte gibt, wo noch tausend Mal mehr Zeugs zusammenkommt, als man selbst im Gartenhüttel gehortet hat. Gegessen wird beim Bulldogwirt übrigens im alten, vollgestopften Salettl, und drei Mal im Jahr findet am Gelände – ja was? – ein Flohmarkt statt.</p>
<p><img src='http://www.textbox.at/wordpress/wp-content/material/bulldogwirt.jpg' alt='' /> </p>
<p>Wir verlassen nun die Stradener Gegend und fahren über Bairisch Kölldorf ostwärts in Richtung St. Anna am Aigen. Was wir hier suchen? – Die einzige vollständige Sammlung aller je in der Steiermark gebauten Puch-Motorräder, angefangen vom Modell A aus dem Jahr 1903 bis zum Modell 250 SG. Wo wir die finden? – Im Örtchen Jamm im Motorradmuseum, das an Wochenenden geöffnet hat. Sepp Legenstein hat nicht nur alte Motorräder und Standmotoren gesammelt, er versteht es auch, sie zu präsentieren. In dem eigens für diesen Zweck errichteten Gebäude hat er einen Teil seiner Schätze übersichtlich aufgereiht. Es sind vor allem zivile Motorräder aus der Zeit bis 1945, die es dem Sammler angetan haben. Sein großer Stolz sind die erwähnten Puch-Motorräder, aber auch zahlreiche historische BMWs und weitere deutsche, englische und amerikanische Maschinen mit allerlei technischen Finessen können bestaunt werden, so zum Beispiel eine britische BSA Typ L (1922) mit geflochtenem Beiwagen. </p>
<p>Und weil wir in der Nähe sind, können wir die Fahrt durch das Sammlerland bei einer Sammlung der anderen Art ausklingen lassen: In der „Gesamtsteirischen Vinothek“ im Ortszentrum von St. Anna am Aigen stehen über 100 steirische Weine aus allen Regionen zur Verkostung bereit. Zahlreiche Radfahrer, die die Panorama-Radtour machen, kehren hier ein, um sich mit Welschriesling, Schilcher, Zweigelt und Co. legal zu dopen und auf der luftigen Terrasse ein Gläschen mit Aussicht auf das nahe Dreiländereck Österreich-Slowenien-Ungarn zu genießen. Weinfreunde erhalten an der Theke fachkundige Beratung, und jeden Samstag Nachmittag kann man unter Anleitung eines regionalen Winzers an seinem Geschmackssinn und seinem önologischen Fachvokabular arbeiten. Wir lassen hier unsere Runde ausklingen, um die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten; wohl wissend, dass wir eigentlich nur einen Teil dessen besichtigt haben, was in der Region so alles gehortet wird.</p>
<p><em>Werner Schandor</em></p>
<blockquote><p>Dieser Text erschien im Juli 2010 im Magazin &#8220;VIA. Airportjournal Graz&#8221;.<br />
Weitere Bilder gibt es unter <a href="http://www.textbox.at/Vulkan">www.textbox.at/Vulkan</a> </p></blockquote>
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		<title>Ideen en masse</title>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 12:11:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fachsimpelei]]></category>
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		<description><![CDATA[Seit der Stadt Graz das Geld ausgeht, dürfen die Kreativen überall mitmischen. Sie retten die Mariahilferstraße und beleben das Lendviertel; sie zerbrechen sich den Kopf darüber, wie man die Stadt urbaner machen könnte, und das Allerbeste ist: Sie tun es zu finanziellen Bedingungen, wo ein Handwerker nicht einmal ein Ohrwaschl dafür rühren würde. Das macht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit der Stadt Graz das Geld ausgeht, dürfen die Kreativen überall mitmischen. Sie retten die Mariahilferstraße und beleben das Lendviertel; sie zerbrechen sich den Kopf darüber, wie man die Stadt urbaner machen könnte, und das Allerbeste ist: Sie tun es zu finanziellen Bedingungen, wo ein Handwerker nicht einmal ein Ohrwaschl dafür rühren würde. Das macht die Kreativen bei der Stadtpolitik so beliebt. Der Designmonat zum Beispiel wird aus der Kaffeekasse der Wirtschaftsstadträtin bezahlt. </p>
<p>Apropos Kaffee: Ich persönlich nutze den Designmonat, um wilde Unordnung in die Nespresso-Kapselvorräte unserer Bürogemeinschaft zu bringen. Wo ansonsten die Kapseln säuberlich nach Farbe sortiert sind, herrscht jetzt inspirierendes Chaos unter den bunten Aluminiumhütchen. Das regt die Hirnzellen ungemein an, und wenn das nicht die UNESCO-Leute davon überzeugt, dass Graz eine würdige „City of Design“ ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Oder doch. Natürlich weiß ich weiter. Schließlich zähle ich mich zu den Kreativen der Stadt – auch wenn Texter und Autoren im Designmonat weniger präsent sind als etwa Vespafahrer, denen immerhin ein eigener Programmpunkt gewidmet ist &#8230; Als Kreativer weiß ich immer weiter. Und noch weiter.</p>
<p>Auch für die Problemzonen von Graz habe ich massig Ideen. Die Jakoministraße z. B., die zur Geisterstraße verkommen ist, würde ich überdachen, dann das Licht abdrehen, und schon hätte man eine Attraktion mehr: eine Geisterbahnstraße, wo die Linien 4 und 5 mit ausgeschalteter Beleuchtung durchrumpeln müssen. Wenn die Bim vorbeifährt, werden schlaglichtartig die Büros und Werkstätten erhellt, in denen Designerinnen und Modemacher Tag und Nacht schuften. Kurzfilme auf den Infoscreens in der Straßenbahn singen gleichzeitig ein Loblied auf die neue Selbstständigkeit, also auf Wochenendarbeit, bodenlose Sozialversichungszahlungen und null Einkommen im Krankheitsfall. Und alle gruselt’s.</p>
<p>Oder die Annenstraße, die in den letzten Jahren zum Eldorado für sehr günstige Koffer und Reisetaschen aus Fernost mutierte … fast wundert es mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, beim Roseggerhof und beim Eggenberger Gürtel je eines von diesen bunt lackierten, hölzernen Drachentoren aufzustellen, die hin und wieder die Pforten von Chinarestaurants zieren.  Nur dass die Drachentore in der Annenstraße groß wie Feuerwehrautos sein müssten und die ganze Straßenbreite zu überspannen hätten. Graz hätte dann ein Chinatown – als erst Stadt von da bis Hamburg!  Die Touristen würden nur so durchwuseln, und alle Asia-Lokale, die in den letzten Jahren wie Bambussprossen aus dem Boden schossen, würden sich um den Standort raufen.</p>
<p>Schade auch, dass die geplante neue Moschee in der Lazarettgasse keine Minarette haben wird. Gemeinsam mit der Kuppel vom nahen „Citypark“ hätte das nämlich fast eine Hagia Sophia ergeben. Nachdem das Franziskanerviertel bereits zum Little Italy mutiert ist, warum soll dann nicht rund um den Rösselmühlpark ein Klein-Istanbul entstehen? – Ah so, das hätte ich fast vergessen: Kreative sind nicht zuletzt deshalb bei der Politik so beliebt, weil man ihre Ideen, sobald sie die Kernwählerschichten verstören könnten, einfach in der Schublade versenken kann. Auf Nimmerwiedersehen. Hat ja nicht viel gekostet.</p>
<p><em>Werner Schandor</em></p>
<blockquote><p>erschienen am 23. Mai 2010 in der Grazer Wochenzeitung &#8220;G7&#8243;</p></blockquote>
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		<title>Die Brettljause</title>
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		<pubDate>Mon, 24 May 2010 12:14:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Leute am Land sind viel netter als in der Stadt. Wenn man in Graz jemanden anredet, wird man meist für einen Trickbetrüger gehalten, der es auf das Geldtaschl abgesehen hat, und man wird bestenfalls ignoriert. Das ist zu 100 % empirisch belegt. Und auch dass die Leute am Land weniger misstrauisch sind und oft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Leute am Land sind viel netter als in der Stadt. Wenn man in Graz jemanden anredet, wird man meist für einen Trickbetrüger gehalten, der es auf das Geldtaschl abgesehen hat, und man wird bestenfalls ignoriert. Das ist zu 100 % empirisch belegt. Und auch dass die Leute am Land weniger misstrauisch sind und oft sogar mit einer mehr oder minder geistreichen Volte antworten, wenn man sie anredet, können Sie bei jedem Ausflug ins Umland feststellen, das lässt sich als Experiment bei jeder x-beliebigen Brettljause bei jedem x-beliebigen Buschenschank wiederholen. Wo auch immer am Land Sie sich mit Ihrer Jause niederlassen, Sie werden freundliche, offene Menschen erleben. Aber versuchen Sie einmal im Gegenzug, eine Brettljause in der Herrengasse zu sich zu nehmen! Ganz abgesehen davon, dass Sie kaum ein Plätzchen finden werden, wo Sie Ihren Picknickkorb ungestört abstellen können, werden Sie innerhalb von fünf Minuten drei Schnorrer, die Ordnungswache und zwei rechtschaffene Vertreter von innerstädtischen Handelsbetrieben am Hals haben, die sich allesamt für Herz, Hirn und Zier dieser Stadt halten. „Brettljausnen behördlich verboten“, wird es heißen, und das läuft dann unter der Rubrik verordnete Zivilcourage. „Wo kämen wir hin, wenn jeder in der Herrengasse seine Jause auspackt?! Und was glauben Sie, warum hier so wenig Bänke und absolut keine Jausentische aufgestellt sind?!“ – Aber ich schweife ins Fiktionale ab. In Wahrheit will eh keiner seine Brettljause in der Innenstadt verzehren, wo sie doch am Land viel besser schmeckt. </p>
<p>Zum Glück fängt das Land direkt in Graz an. Nehmen Sie nur die Schweinbergstraße, nehmen Sie das Schaftal, nehmen Sie das Lustbühel oder das Rastbühel, nehmen Sie den Lineckberg, nehmen Sie den Mühlberg, den Gaisberg, den Kollerberg, den Ölberg, den Höhenberg oder den Pfangberg – so viel Berge hat Graz! Nehmen Sie die Untere Schirmleiten, nehmen Sie den Hauenstein, nehmen Sie den Reinerkogel, nehmen Sie den Buchkogel, nehmen Sie den Frauenkogel oder nehmen Sie einfach den Weinhang bei Schloss St. Martin in Webling, und Sie werden herrliche Plätze für Ihre Grazer Brettljause finden. Da müssen Sie weder bis zum Milchgraben in Hart fahren noch auf den Madersberg nach Unterbichl, weder auf die Leber bei Stattegg noch auf den Fuß der Leber (eine anatomische Besonderheit) ebendort; und nach Seiersberg fahren Sie bitte als loyaler Grazer und loyale Grazerin sowieso nicht, oder? Wo wollten Sie dort auch Ihre Brettljause essen?</p>
<p>Vor einiger Zeit war eine Bekannte auf Neapel zu Besuch. Sie hatte einen Vortrag an der Uni Wien gehalten und am Rückweg nach Bella Italia Zwischenstation in unserer schönen Stadt gemacht. Es war Sonntag, es war Abend, und ich wollte sie in das pulsierende Grazer Nachtleben entführen. Ja, Schmarrn! Natürlich war die Innenstadt wie ausgestorben. Am Sonntagabend ist das Pulver in Graz verschossen, die urbane Energie verpufft; nicht mal die Puffs haben an diesem Tag Konjunktur. Und nun erklären Sie mal Ihrem Gast aus Neapel – dieser lauten, lebendigen, dreckigen, wurligen Millionenstadt – dass das, was sich sonntagabends im aufgeräumten, abgeschleckten Graz (nicht) abspielt, ebenfalls unter der Bezeichnung „Stadt“ läuft. Da können Sie genau so gut Ihre Brettljause auf den Stiegen vom Erzherzog-Johann-Denkmal ausbreiten und den Schilcher entkorken, da wird Sie keiner beim Jausnen stören, solange der Schilcher alkoholfrei ist. </p>
<p>Am Sonntagabend ist tote Hose, aber dafür sind die Leute in Graz sagenhaft nett, wie eine Bekannte aus Frankfurt/Main meinte, die ein paar Wochen hier verbrachte. Kein Wunder, ist Graz doch zu 80 Prozent eine Landgemeinde. Als Stadt hat sie nur zu bestimmten Zeiten und in eng gesetzten Grenzen geöffnet. Und dann herrscht Brettljausenverbot.</p>
<p><em>Werner Schandor</em></p>
<blockquote><p>erschienen am 18. April 2010 in der Grazer Wochenzeitung &#8220;G7&#8243;</p></blockquote>
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		<title>Das Ego streicheln</title>
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		<pubDate>Mon, 10 May 2010 13:24:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Oder: Wie einer auszog, das Dienstleisten zu lernen Der Wiener Autor Clemens Berger, Jahrgang 1979, hat ein witziges Buch geschrieben über einen Typen, der die zündende Geschäftsidee hat, Streicheleinheiten anzubieten. Es geht nicht um Massage und schon gar nicht unter der Gürtellinie, nein, im „Streichelinstitut“ in der Wiener Mondscheingasse können sich Leute das holen, was [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oder: Wie einer auszog, das Dienstleisten zu lernen </p>
<p>Der Wiener Autor Clemens Berger, Jahrgang 1979, hat ein witziges Buch geschrieben über einen Typen, der die zündende Geschäftsidee hat, Streicheleinheiten anzubieten. Es geht nicht um Massage und schon gar nicht unter der Gürtellinie, nein, im „Streichelinstitut“ in der Wiener Mondscheingasse können sich Leute das holen, was ihnen in unseren postmodernen Zeiten fehlt: Berührung. </p>
<p>Severin Horvath lautet der Künstlername, den sich der verbummelte Student Sebastian für seine Streichelarbeit zulegt. Er kommt aus dem Burgenland, hat Philosophie studiert und zitiert gerne große Denker. Anders als seine Freundin Anna hat Sebastian es nicht geschafft, an der Uni Karriere zu machen. Bis zu dem Tag, an dem er einen Gewerbeschein als Lebensberater erwirbt, lebt er in den Tag hinein, trinkt billigen Wein und fragt sich, wie er die nächste Miete zusammenkratzen soll – ein typischer Vertreter des akademisch geschulten Prekariats eben. </p>
<p>Doch mit seinem Streichelinstitut wird aus dem Kaffeehausmarxisten und ratlosen Eklektiker des besseren Lebens mit einem Streich ein Vertreter der neuen Selbstständigkeit, ein Ich-Aktionär, dessen Kapital zwei unglaublich sanfte Hände sind; einer, der nun nicht mehr Foucault zitiert, sondern einer geregelten Arbeit nachgeht, will heißen: sich permanent selbst zur Arbeit regelt. Erste Kunden und Kundinnen stellen sich ein; eine Ex-Freundin holt sich, was sie während ihrer Beziehung nie von Sebastian bekam; die Wiener Stadtzeitung vulgo „Sozialfaschistenblatt“ hebt den Streichler auf ihr Titelblatt und sorgt für noch mehr Kundenzulauf.</p>
<p>Clemens Berger beschreibt Sebastians Wandlung vom sozialkritischen Saulus zum prototypischen Dienstleister Paulus/Severin, der in Zielgruppen denkt, mit Witz und beißender Gesellschaftskritik. Dabei wird er nicht müde, die nach wie vor skeptische Grundhaltung seines Ich-Erzählers bis in alle Einzelheiten im Buch auszubreiten. Von der Ich-AG zum Ego-Maniac ist es oft nur ein kleiner Schritt. Und so entpuppt sich der verkopfte Sebastian/Severin mit den Goldhänden als ziemlich mühsamer Zeitgenosse, der andauernd den Blick auf seinen eigenen Nabel gerichtet hat, der sich zielsicher in ein Gefühlsdilemma manövriert, aus dem er viele Seiten lang nicht herausfindet, und der schließlich regelmäßig zu tief in die Flasche schaut, ohne darin eine Lösung für seine Drangsal zu finden. Hier hätte Clemens Berger ohne Schaden für das Buch gern die eine oder andere mäandernde Gedankenschleife begradigen können. </p>
<p>Alles in allem aber muss man dem Autor, der wie sein Protagonist im südlichen Burgenland aufgewachsen ist, Respekt zollen: Bergers Sprache ist klassisch-elegant und formvollendet mit ein paar „recht eigentlich“ altmodischen Einsprengseln; sein Erzählwille ist ebenso ausgereift wie subtil raffiniert. Vielleicht nur ein Detail: Bergers Hauptfigur erhält regelmäßig dubiose SMS, die von der eigenen Nummer abgeschickt werden. Der Handyanbieter steht vor einem technischen Rätsel. Die meisten anderen Autoren hätten das Geheimnis im Lauf der Handlung mit einer banalen Koinzidenz oder mit schizoiden Anwandlungen erklärt. Berger aber widersteht der Versuchung und hält gerade dadurch den Zauber des Rätselhaften aufrecht, von dem unser Leben immer wieder gestreift wird. </p>
<blockquote><p>Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Roman. Wallstein Verlag: Göttingen 2010, 356 Seiten. </p></blockquote>
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		<title>Heiter scheitern</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Mar 2010 12:07:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[In griechischen Tragödien steigt oft einer der Götter vom Olymp und greift ins Geschehen ein. In heutiger Zeit heißt der Olymp Finanzkapitalismus, und weltumspannende elektronische Systeme entscheiden über Wohl und Weh der Menschen. Investmentbanker sind die Hohenpriester der Geldreligion. Wie einst beim kultischen Opfer alter Kulturen ist den Normalsterblichen schleierhaft, was im Allerheiligsten – an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In griechischen Tragödien steigt oft einer der Götter vom Olymp und greift ins Geschehen ein. In heutiger Zeit heißt der Olymp Finanzkapitalismus, und weltumspannende elektronische Systeme entscheiden über Wohl und Weh der Menschen. Investmentbanker sind die Hohenpriester der Geldreligion. Wie einst beim kultischen Opfer alter Kulturen ist den Normalsterblichen schleierhaft, was im Allerheiligsten – an den Börsen – vor sich geht, und es ist auch nebensächlich, solange nur die Götter nicht erzürnt sind, solange das gemeinschaftliche Leben prosperiert. Dazu wird immenser Aufwand betrieben, und wenn es einmal schief geht, hilft nur noch beten.</p>
<p>Kristof Magnusson, 1976 in Hamburg geborener Autor mit isländischen Wurzeln, hat in seinem zweiten Roman, „Das war ich nicht“, den vielleicht ersten deutschen Roman zur Finanzkrise vorgelegt, im weiteren Sinn aber einen Roman der Lebenskrise im allgemeinen. Da sich Tragödien in der Geschichte gerne als Farce wiederholen, hat Magnusson sein Buch gleich als Tragikomödie angelegt und mit drei Hauptdarstellern in bewegten Lebensabschnitten versehen: Da ist einmal die Übersetzerin Meike, die bemerkt, dass sie sich unter ihren Hamburger Bobo-Freunden im falschen Film befunden hat. Sie trennt sich von ihrem Lebensabschnittspartner, zieht in die Einöde und wartet aufs nächste Manuskript „ihres“ Autors. Der heißt Henry LaMarck, lebt in Chicago und ist Anwärter auf den Pulitzer-Preis. Henry ist gerade 60 geworden, und am Anspruch, den großen amerikanischen Roman zum 11. September zu schreiben, gescheitert, was er sich – und seinem Verlag – noch nicht eingesteht. Schreibkrise Hilfsausdruck, würde Wolf Haas sagen. In seiner Panik verliebt sich Henry in das Bild eines Bankers, das er in der Zeitung sieht. Und bald läuft ihm der Mann, dessen Bild Henry immer bei sich trägt, persönlich über den Weg: Es ist Jasper Lüdemann, ein junger Deutscher, der in einer großen Investmentbank in Chicago arbeitet. </p>
<p>Jasper will Karriere machen und ist von der Verwaltungsabteilung seiner Bank in den Händlersaal aufgestiegen. Blöderweise steigert er sich beim Versuch, einen ohne Erlaubnis erwirtschafteten kleinen Gewinn im Buchungssystem zu vertuschen, immer tiefer in den Abgrund einer Spekulation hinein. Der einzige Mensch, dem er sich anvertraut, ist die Übersetzerin Meike, der er zufällig begegnet. Denn die hat ihr letztes Geld zusammengekratzt, um LaMarck in Chicago aufzusuchen und das Manuskript, das es nicht gibt, persönlich abzuholen.<br />
In dieser schönen, überschaubaren Konstellation zieht Magnusson immer engere Kreise um Irrungen und Wirrungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, die krisenhafte Lebensabschnitte so auszeichnen – abwechselnd erzählt aus der Perspektive jeder seiner drei Hauptfiguren. Dabei hat der Autor, Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, seine Hausaufgaben gemacht, vor allem was Jaspers Kampf gegen den Mahlstrom einer fatalen Börsenspekulation betrifft: Als Leser erfährt man hautnah, wie schnell so etwas gehen kann, dass aus 20.000 Dollar Gewinn 200 Millionen Verlust erwachsen, ohne dass es bei den 200 Millionen bliebe. Es ist, als wollten die Götter den unbedarften Nachwuchspriester der Finanzreligion persönlich strafen … Darüber hinaus lernt man in Magnussons Buch die Sehnsüchte alternder Homosexueller ebenso kennen wie die Versagensängste deutscher Frauen in ihren Dreißigern: „Wer unter dreißig ist und viel trinkt, ist ein Partytyp, jenseits der dreißig ist man Alkoholiker; aus sympathisch verplant wird schnell verlebt. Jenseits der dreißig entscheidet sich, ob der Mensch, der man geworden ist, für die restlichen fünfzig Jahre taugt.“</p>
<p>Auch wenn es Magnusson sehr unterhaltsam gelingt, die kleinen und großen Wehwehchen seiner Protagonisten pointiert zu benennen, so tut es dem Buch insgesamt nicht sonderlich gut, dass er das Bankenthema auf triviale Weise mit privaten Krisen verknüpft. „Das war ich nicht“ kann die gesellschaftliche Dimension, auf die es anspielt, nur im heiteren Scheitern der handelnden Personen auflösen, und das ist – wie der allzu versöhnliche Schluss – ein eher unbefriedigender Ansatz. „Das war ich nicht“ ist ein Buch, das gut geschrieben ist, sich flockig liest und letzten Endes dennoch enttäuscht, ohne dass das allzu schmerzhaft wäre.</p>
<blockquote><p>Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Roman. Verlag Antje Kunstmann. München 2010. 285 Seiten.</p>
<p>Rezension erschienen am 27. Februar 2010 in der <a href="http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3948&#038;Alias=wzo&#038;cob=475196&#038;Page12014=2" target="_blank">Wiener Zeitung</a></p></blockquote>
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		<title>Im Ernst: die neue schreibkraft</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 18:49:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Da gab das österreichische Feuilletonmagazin „schreibkraft“ in seiner gewohnt vieldeutigen Manier ein Thema vor, das man durchaus humorig hätte auffassen könnte, und was kam heraus? – Das literarischste Heft seit langem: schreibkraft Nr. 19, „im ernst?“. Eventuell liegt es daran, dass die Redaktion im Frühjahr 2009 einen Wettbewerb zur Rettung des Reimes ausgeschrieben hatte, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da gab das österreichische Feuilletonmagazin „schreibkraft“  in seiner gewohnt vieldeutigen Manier ein Thema vor, das man durchaus humorig hätte auffassen könnte, und was kam heraus? – Das literarischste Heft seit langem: schreibkraft Nr. 19, „im ernst?“. Eventuell liegt es daran, dass die Redaktion im Frühjahr 2009 einen Wettbewerb zur Rettung des Reimes ausgeschrieben hatte, der aufzeigen sollte, dass der in der Literatur vielgeschmähte reine Endreim zu mehr gut ist als zu Propagandasprüchen rechtspopulistischer Parteien. Dutzende Zusendungen waren die Folge, eine Auswahl an gereimten Gedichten und Sprüchen wurde in „schreibkraft“, Heft 19, aufgenommen. </p>
<p><img src='http://www.textbox.at/wordpress/wp-content/material/sknr19cover_01.jpg' alt='schreibkraft Heft 19' /> </p>
<p>Der literarische Teil der neuen „schreibkraft“ ist nicht nur stark, sondern auch sehr am Motto „im ernst?“ orientiert. Myriam Keil etwa geht der Frage nach, wie der Alltag von Ernst aussieht. Sie präsentiert uns Ernst auf dem Weg zur Arbeit und danach im Büro, in der Mittagspause und später am Abend daheim bei seiner Frau. Felix Wallner wiederum berichtet vom ernsten Eifer, Kinder zu zeugen, und verwendet in seiner Geschichte das schöne, viel zu selten verwendete Wort „Insemination“. Darüber, wie man diese Kinder, wenn sie etwas größer sind, missbraucht, erzählt Roland Steiner in seiner „Familienserie“. Auch bei Kerstin Kempker finden sich die familiären Bande auf dem Fundament einstürzender Böden wieder, womit die Institution Familie von unseren Autorinnen und Autoren endgültig als fragloser Ernstfall ausgewiesen wäre. Warum das in Zeiten wie diesen so sein mag, darauf gibt Harald A. Friedl Antwort, der, bevor er seinen Text schrieb, seinen rosa Wollpullover in der Mülltonne versenkte und seinen auf Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen abonnierten Fernsehapparat aus dem Fenster seines Einfamilienhauses warf.</p>
<p>Ein Thema durchwirkt die neue Ausgabe des österreichischen Feuilletonmagazins jedoch durchwirkt wie kein anderes, und das war gewissermaßen Sinn der Übung: die Rede ist von DER Krise, die sich seit Monaten als dunkler Schatten über die Marktwirtschaft legt, worüber einigen schon das Lachen vergangen ist, während andere noch immer glauben, DIE Krise wäre lediglich eine drei Grad unterhaltsamere, besonders hartnä¬ckige Variante vom Villacher Fasching. Nix da! Caroline Fürholzer, Ernst Kilian und Vasile V. Poenaru entführen uns in die Krisenherde Wien, Berlin und Bukarest; Bernhard Horwatitsch erklärt derweil von München aus, wie die Mongolen ihre ökonomisch erfolglosen Anführer hinzurichten pflegten; und Erich Schirhuber wünscht sich, dass der Ernst des Lebens jetzt zu seinem Recht kommt. Dass uns trotz Alter, Tod und Einsamkeit – mit denen sich Anna Weidenholzer, Doris Neidl und Katharina Bendixen beschäftigen – das Lachen nicht vergeht, dafür sorgen die Kabarettisten. Ob die in der Krise witziger sind als sonst, das wird Kabarettexpertin Iris Fink vom Österreichischen Kabarettarchiv in einem Interview gefragt. Und sie negiert.</p>
<blockquote><p><strong>schreibkraft, Heft 19, &#8220;im ernst?&#8221;</strong><br />
Mit Essays und Feuilletons von Erich Schirhuber, Bernhard Horwatitsch, Caroline Fürholzer, Ernst Kilian, Vasile V. Poenaru, Anna Weidenholzer, Doris Neidl, Harald A. Friedl und Katharina Bendixen. Literarische Texte von Myriam Keil, Kerstin Kempker, Roland Steiner, Christoph Janacs, Cordula Simon, Felix Wallner, Tobias Falberg und Ron Winkler. Grafiken von Teresa Präauer.</p>
<p>Um 6 Euro zu beziehen über <a href="mailto:schreibkraft@mur.at">schreibkraft@mur.at</a><br />
Die schreibkraft im Internet: <a href="http://www.schreibkraft.adm.at" target="_blank">www.schreibkraft.adm.at</a></p></blockquote>
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		<title>Die Nacht beginnt mit einem Schrei</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jan 2010 14:14:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lesezimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Künstlerporträts]]></category>

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		<description><![CDATA[Oder: Warum Schriftsteller intensiver leben müssen als andere Valerie Katrin G. Fritsch ist 20 Jahre jung, aber man glaubt ihr, wenn sie sagt, dass sie in ihrem Leben schon viel erlebt hat. Im Sommer 2009 verbrachte sie beispielweise einige Wochen in Äthiopien und half dort in einem Kinderkrankenhaus mit. Die Erfahrungen von Not, Elend und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oder: Warum Schriftsteller intensiver leben müssen als andere</p>
<p>Valerie Katrin G. Fritsch ist 20 Jahre jung, aber man glaubt ihr, wenn sie sagt, dass sie in ihrem Leben schon viel erlebt hat. Im Sommer 2009 verbrachte sie beispielweise einige Wochen in Äthiopien und half dort in einem Kinderkrankenhaus mit. Die Erfahrungen von Not, Elend und Schönheit des Landes verarbeitete sie in Fotos und Texten; einer der Texte, „einundzwanzig“ betitelt, erschien in der <a href="http://www.kulturservice.steiermark.at/cms/beitrag/11201189/39527334" target="_blank">KSG-LiteraturBox der Zeitschrift „korso“. </a></p>
<p>Valerie Fritsch hat Grazer „Akademie für angewandte Photographie“ in Graz absolviert und verdient derzeit als Fotografin ihren Lebensunterhalt. In ihren Fotografien schwankt sie zwischen der Unmittelbarkeit von spontanen Momentaufnahmen auf Reisen und einem Hang zu Inszenierungen in ihren sonstigen Arbeiten – vor allem weibliche Akte. Gemein ist den Bildern aus den beiden so unterschiedlichen fotografischen Betätigungsfeldern die Tendenz zu starken Kontrasten. </p>
<p><img src='http://www.textbox.at/wordpress/wp-content/material/valeriefritsch.jpg' alt='Valerie Fritsch' /><br />
<em>Valerie Katrin G. Fritsch, (c) privat</em></p>
<p>Als Autorin machte Valerie Fritsch erstmals 2008 auf sich aufmerksam, als ihr Prosatext „Die dritte Regennacht“ beim Grazer Minna-Kautsky-Literaturpreis für Frauen ausgezeichnet wurde. Es folgten das Literaturstipendium des Landes Steiermark 2009, ein Preis beim Literaturwettbewerb 2009 der Akademie Graz und das Interesse eines namhaften österreichischen Verlages an den literarischen Arbeiten der Grazerin, die ihr kleines, schwarzes Notizbuch stets bei sich trägt und mit einem Strom an Beobachtungen und Erkenntnissen füllt. „Ich bin immer ganz nah an dem, was ich schreibe“, erzählt sie. „Ich mag nicht über eine Stadt schreiben, ohne dort gewesen zu sein, oder über ein Bordell, ohne mindestens eine Nacht darin verbracht zu haben.“ Viele von Fritschs Texten spielen in Städten – Graz, Amsterdam, Paris –, und in vielen dieser Texte ist Sex ein wiederkehrendes Motiv. „Sex ist Zerbrechlichkeit im Kopf und Zerbrechlichkeit von Körpern, aber ich sehe es nicht als Hauptmotiv in meinen Texten“, stellt die Autorin klar. Vielmehr gehe es in ihrer Literatur um die Fülle, die das Leben biete. Fritschs Texte muten assoziativ an, sind schnell geschnittenen und transportieren Inhalte eher auf der Ebene von Bildern denn durch konventionelle Handlungsstränge. Trotz der oft freizügigen Bilderwelten hat diese Literatur weder Pornografie noch Provokation im Sinn. Vielmehr sind Fritschs Texte Ausdruck des Hungers nach unmittelbarer, sinnlicher Erfahrung: „Meine Figuren glauben, finden zu können, was sie suchen, und sie glauben, dass man in einer modernen Großstadtdichtung an gebrochenem Herzen sterben kann und nicht nur an Krebs, aber auch, dass man das beste Leben leben muss, das man leben kann.“ </p>
<p>Dieser Erlebnishunger macht sich literarisch im expressiven Duktus ihrer Texte bemerkbar. Nächte beginnen darin mit einem Schrei (im Kurztext „Amsterdam“), und Sterben und Gebären „mit zum Verkehr hin aufgerissnen Leibern“ sind – im Äthiopien-Text „einundzwanzig“ – nur einen Schritt voneinander entfernt. Aufplatzende Wolkendecken und Kondensstreifen, die die unheilbare Wunde des Himmels zunähen, wölben sich über das literarische Paris von Fritsch, wo ihre jüngste, in Arbeit befindliche Prosa angesiedelt ist, die 2010 als Buch erscheinen soll.<br />
„Als Schriftsteller muss man mehr leben als andere“, ist Valerie Fritsch überzeugt. „Ich halte es für meine persönliche Verpflichtung, dem Leben auf unterschiedlichste Arten zu begegnen.“ Ergänzt wird dieser Drang, das Leben in allen Facetten zu erfahren, von politischem Interesse und sozialem Engagement: Fritsch möchte es nicht bei einem einmaligen Engagement in einem afrikanischen Kinderkrankenhaus belassen, sondern Kunst und (aufklärerisches) Handeln generell stärker miteinander verbinden. In der Literatur gehe es ihr um Geschichten, „wo die Menschen nicht nur auseinanderbrechen, sondern auch zusammenkommen. Ich mag die kleinen Momente, in denen sich die Schichten vermischen. Ich will, dass die Wunden der Welt auch irgendwo verheilen in meiner Sprache.“</p>
<p>Valerie Fritschs Fotohomepage: <a href="http://www.ein-ausdruck.at" target="_blank">www.ein-ausdruck.at</a></p>
<blockquote><p><strong>Werner Schandor</strong> für die Reihe<br />
<a href="http://www.kulturservice.steiermark.at/cms/ziel/25411206/DE/" target="_blank">ARTfaces der Kulturservice Gesellschaft Steiermark</a>, die von der Textbox seit 2008 redaktionell betreut wird.
</p></blockquote>
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		<title>Skelette in Tschechiens Schrank</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Nov 2009 15:14:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lesezimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Radka Denemarková erzählt in ihrem ausgezeichneten Buch „Ein herrlicher Flecken Erde“, wogegen sich Tschechiens Präsident so vehement wehrt – eine Neubewertung der tschechischen Nachkriegsgeschichte. Die Tschechen haben keine Leichen im Keller, sie haben Skelette im Schrank, und da seien Politiker vom Schlag eines Václav Klaus vor, dass diese Skelette ans Licht der europäischen Öffentlichkeit gelangen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Radka Denemarková erzählt in ihrem ausgezeichneten Buch „Ein herrlicher Flecken Erde“, wogegen sich Tschechiens Präsident so vehement wehrt – eine Neubewertung der tschechischen Nachkriegsgeschichte. </p>
<p>Die Tschechen haben keine Leichen im Keller, sie haben Skelette im Schrank, und da seien Politiker vom Schlag eines Václav Klaus vor, dass diese Skelette ans Licht der europäischen Öffentlichkeit gelangen. Beneš-Dekrete hin oder her, die in Prag lebende Autorin Radka Denemarková, Jahrgang 1968, öffnet in ihrem ersten Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ (im Original „Peníze od Hitlera“ – „Geld von Hitler“) die Schranktüren des tschechischen Selbstverständnisses und lässt die Skelette nur so rauspurzeln. Im Zentrum der Handlung: Gita, die Tochter des deutschen Großgrundbesitzers Lauschmann, der den Leuten im kleinen böhmischen Dorf Puklice Arbeit gab. Wir lernen das Mädchen Gita Lauschmannová im Jahr 1945 kennen, wie sie abgezehrt und halb tot aus dem Konzentrationslager nach Hause kommt und die Villa ihrer Eltern von ehemaligen Arbeitern ihres Vaters in Beschlag genommen vorfindet. Würde sich nicht die Schwester des Wortführers erbarmen und Gita im Schuppen, wo sie verstaut wird, heimlich durchfüttern, das Mädchen wäre in ihrem Elternhaus dem Tod geweiht, nachdem sie nur knapp dem Tod im KZ entronnen ist. So aber kommt sie zumindest ein wenig zu Kräften und kann sich ins nächste Sammellager für Deutsche flüchten.</p>
<p>60 Jahre später, im Sommer 2005, kehrt die betagte Frau Doktor Gita Lauschmannova, Pathologin aus Prag, zum zweiten Mal ins Dorf ihrer Kindheit zurück. Diesmal mit einem Anwalt, der ihren Forderungen Nachdruck verleihen soll. Gita will den Besitz ihrer Familie nicht zurück, sie will nur, dass ihrem Vater Gerechtigkeit widerfährt. Herr Lauschmann wurde als Jude im KZ vergast, bei den Leuten im Dorf, die den Besitz enteigneten, wurde der Deutsche aber automatisch als Nazi gehandelt und als Ausbeuter obendrein. Gita, die Tochter, möchte das ändern, sie möchte ein Museum und ein Denkmal für ihren Vater errichten lassen. Doch damit beißt sie bei den Dorfbewohnern auf Granit. „… am liebsten würde sie alle nur ausnehmen, jeden von uns, die wir seit eh und je mit ehrlicher Arbeit unseren Lebensunterhalt bestreiten“, sagt der Bürgermeister bei den Verhandlungen. „Nur, dazu müsste die Gnädigste zurechnungsfähig sein. Und das ist sie leider nicht, keine Chance! Ich hab hier nämlich was gefunden!“</p>
<p>Gleich wie die Dorfbewohner in Gitas traumatischer Vergangenheit stöbern, um ihre Unzurechnungsfähigkeit zu beweisen, wühlt Radka Denemarkova in ihrem Roman in den dunklen Wunden der tschechischen Geschichte. „Das Thema ist tabu in der tschechischen Gesellschaft“, erzählte die Autorin bei einer Lesung im Oktober in Graz. „In der Schule haben wir gehört, die Deutschen wären 1938 als Besatzer ins Land gekommen und seien 1945 wieder rausgeschmissen worden. Kein Wort von der jahrhundertelangen Nachbarschaft von Deutschen und Tschechen in Böhmen. Und auch jetzt spricht man nicht über die Vertreibung der Deutschen.“</p>
<p>Der Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ hat dementsprechend für Aufsehen und für Diskussionen in Tschechien gesorgt. Die Drastik, mit der Denemarkova beschreibt, wie grausam und niederträchtig Deutsche nach 1945 in Tschechien oft behandelt wurden, ist nichts für schwache Nerven. Sie kulminiert in einer Szene, in der Gita Lauschmannova schildert, wie sie in den frühen 50er-Jahren in Prag von drei jungen Männern in ihrer Wohnung überfallen und vergewaltigt wird, und dem nicht genug, töten sie auch ihren Säugling auf bestialische Weise. Die Dorfbewohner aber sind von der Schilderung Gitas wenig beeindruckt. Sie finden es im Gegenteil verdächtig, dass sie in ihrem Leben mehrere schwere Schicksalsschläge auf sich zieht und – der Gipfel des Hohns – alle überlebt.<br />
„Kinder sind das Symbol für das Leben“, legt die Autorin im Gespräch eine symbolhafte Deutung der erbarmungslosen Tötungsszene des Babys nahe, „wenn Kinder sterben, dann stirbt auch die Hoffnung“. </p>
<p>Der Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ lebt stilistisch von packendem Realismus, der immer wieder symbolisch gedeutet werden kann, ohne symbolschwanger zu wirken. So ist Denemarkovás Schauplatz Puklice, wo die Leute eine komplexe geschichtliche Wahrheit  stur auf eine historische Schwarzweißaufnahme reduzieren – hier die bösen Nazi-Deutschen, dort die guten Tschechen – als Metapher für die tschechische Gesellschaft zu verstehen. Im Buch sind es letztlich nur Denis, der Sohn der Frau, die das Mädchen Gita 1945 vor dem Verhungern bewahrte, und seine altersschwache Mutter, die ein Einsehen haben und das Geschehene nicht durch Verdrängen aus der Welt schaffen wollen, sondern dem Zusammenleben durch Verstehen-Wollen eine neue Basis geben.</p>
<p>Dass Radka Denemarková für dieses vielschichtige, komplex erzählte Buch 2007 mit dem höchsten tschechischen Literaturpreis, dem Litera Magnesia, ausgezeichnet wurde, zeigt zumindest, dass in der tschechischen Öffentlichkeit die Zeit reif sein könnte für eine Neubewertung der historischen Ereignisse. Da können sich à la longue Politiker wie Václav Klaus noch so sehr gegen die Schranktüren der tschechischen Nachkriegsgeschichte stemmen.  </p>
<p><img src='http://www.textbox.at/wordpress/wp-content/material/denemarkovakl.jpg' alt='' /> </p>
<p>Radka Denemarková: Ein herrlicher Flecken Erde. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Deutsche Verlags-Anstalt: München 2009. 294 Seiten</p>
<blockquote><p>Rezension von Werner Schandor, erschienen am 21. 11. 2009 in der <a href="http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabId=3950&#038;alias=wzo&#038;cob=451853" target="_blank">Wiener Zeitung</a></p></blockquote>
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		<title>Ein Zimmer zu viel</title>
		<link>http://www.textbox.at/wordpress/?p=207</link>
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		<pubDate>Thu, 19 Nov 2009 08:01:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lesezimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Künstlerporträts]]></category>

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		<description><![CDATA[Erika Lässer-Rotter entwirft in ihren Gemälden spannende Farb- und Bildwelten, die die Zuverlässigkeit von Wahrnehmung und Erinnerung hinterfragen. Eines ihrer Gemälde zeigt ein einfach eingerichtetes, menschenleeres Zimmer mit einer Vase auf einem Tisch, einem Stuhl, zwei Hockern, einem Teppich, Vorhang, Fenster. Es stammt aus einer Serie aus dem Jahr 2009. In dieser Serie malte Erika [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Erika Lässer-Rotter entwirft in ihren Gemälden spannende Farb- und Bildwelten, die die Zuverlässigkeit von Wahrnehmung und Erinnerung hinterfragen.</p>
<p>Eines ihrer Gemälde zeigt ein einfach eingerichtetes, menschenleeres Zimmer mit einer Vase auf einem Tisch, einem Stuhl, zwei Hockern, einem Teppich, Vorhang, Fenster. Es stammt aus einer Serie aus dem Jahr 2009. In dieser Serie malte Erika Lässer-Rotter aus der Erinnerung heraus Räume ihrer Kindheit. Das leere Zimmer, das wirkt, als warte es auf etwas, das nie eintrifft, war das Gästezimmer in ihrem Elternhaus – ein Raum, der nur selten genutzt wurde. „Ein Zimmer zu viel“, wie Erika Lässer-Rotter sagt. Die Malerin wuchs in Vorarlberg auf, in den „üppigen 70er-Jahren“, in denen die Gesellschaft so zukunftsfroh war, dass man Häuser baute, die viel zu groß geraten waren – und wo man nicht damit rechnete, dass man all die Räume gar nicht nutzen können würde. </p>
<p><img src='http://www.textbox.at/wordpress/wp-content/material/lsserrotter.jpg' alt='' /> </p>
<p>Interieurs, Stillleben und Landschaften, das sind Hauptmotive Lässer-Rotters, die in den 1980er-Jahren nach Graz kam und hier ab 1985 die Meisterklasse für Malerei bei Gerhard Lojen besuchte. Die Kraft der Malerei entdeckte sie Anfang der 1980er-Jahre während eines Aufenthalts in Madrid, genauer: in einer Madrider Wohnung, in der sie oft zu Gast war, und die voll von Bildern junger, zeitgenössischer spanischer Maler war. „Dort erkannte ich, wie Bilder einen Lebensraum interessant machen können. Im konkreten Fall erzählten diese Bilder von der damals erst wenige Jahre zurückliegenden Franco-Diktatur.“</p>
<p>Nach über 20 Jahren erzählen Erika Lässer-Rotters eigene Bilder – zumindest die aktuellen, die im Sommer 2009 im Grazer Kunst- und Begegnungszentrum KuBeg im Psychosozialen Zentrum Ost in der Plüddemanngasse 45 zu sehen waren – vor allem von Abwesenheiten und von den feinen Nuancen der Malerei. Porträts macht die Künstlerin zwar auch, doch mehr noch als Menschen scheinen sie Landschaften, Einrichtungen, Gegenstände und das Licht an sich zu interessieren. Lässer-Rotter konzentriert ihre Wahrnehmung auf Farben und Strukturen. Selbst wenn diese Arbeiten auf konkrete Orte wie den Blick aus ihrem Atelierfenster in Graz oder den Höhenzug des obersteirischen Zirbitzkogel Bezug nehmen, ist der Malerin mehr die Farbnuance, die Lichtstimmung, der Pinselstrich, die Bildkomposition, kurz: die Spannung im Bild wichtig. So verdichtet sie vor allem Landschaften zu farblichen Arrangements an der Kippe zur Abstraktion. Verliert sie während der Arbeit das Interesse an einem Motiv, dann wird das Bild einfach übermalt. Und schon allein dadurch, dass man erkennen kann, dass hinter dem, was man sieht, ein weiteres Bild verborgen ist, stellt sich auch für den Betrachter die Spannung – eine erhöhte Sensibilität für das, was man vor Augen hat – automatisch ein.</p>
<p>Ihre Bilder, die immer wieder mit gedeckten Farbflächen und irritierenden Kontrasten die ästhetischen Bruchlinien entlang des Schönen ausloten, brauchen Zeit, um sich dem Betrachter in ihrer ganzen Tiefe zu erschließen. Das kontemplative Moment in ihren Arbeiten hat zuletzt Josef Fürpaß bei der Eröffnung einer Ausstellung im Verein Galerie Centrum Graz anno 2007 gewürdigt. Er sprach von „Imaginationspartikel“, die aus Lässer-Rotters Atelier „in die Welt und ins Weltall hinausflocken, in ein staunend-lustvolles oder betroffen-verunsicherndes Wahrnehmen von Unendlichkeit eintauchen können, um mit unbeirrbarer Konsequenz ins Hier und jetzt zurückgeholt zu werden.“</p>
<p>Erika Lässer-Rotter im <a href="http://laesser-rotter.blogspot.com/" target="_blank">Internet</a></p>
<blockquote><p><strong>Werner Schandor</strong> für die Reihe<br />
<a href="http://www.kulturservice.steiermark.at/cms/ziel/25411206/DE/" target="_blank">ARTfaces der Kulturservice Gesellschaft Steiermark</a>, die von der Textbox seit 2008 redaktionell betreut wird.
</p></blockquote>
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		<title>130 Seiten Sonnenschein</title>
		<link>http://www.textbox.at/wordpress/?p=208</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Nov 2009 12:09:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Schandor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lesezimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine einfach Liebesgeschichte zu schreiben, ist mindestens so schwer wie Gitarre lernen. „I always liked simple rock“, gesteht John Lennon im berühmten „Rolling Stone“-Interview, in dem er nach den Beatles ein wenig Schmutzwäsche wäscht. Nicht die Schmutzwäsche, aber John Lennon und das Einfache scheint auch Andreas, der Ich-Erzähler in Andreas Unterwegers Romandebüt „Wie im Siebenten“, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine einfach Liebesgeschichte zu schreiben, ist mindestens so schwer wie Gitarre lernen.</p>
<p>„I always liked simple rock“, gesteht John Lennon im berühmten „Rolling Stone“-Interview, in dem er nach den Beatles ein wenig Schmutzwäsche wäscht. Nicht die Schmutzwäsche, aber John Lennon und das Einfache scheint auch Andreas, der Ich-Erzähler in Andreas Unterwegers Romandebüt „Wie im Siebenten“, zu mögen. In diesem Roman versucht Andreas etwas Schwieriges, nämlich ein ganz einfaches Buch zu schreiben. Fröhlich gestimmt erzählt er davon, wie es damals war, mit ihm – Andreas – und seiner großen Liebe Judith, als sie eine Wohnung im 7. Wiener Gemeindebezirk bezogen. Andreas übt Gitarre und schreibt ein Buch, Judith geht morgens zur Arbeit, kommt abends heim zu ihrem Liebsten – der Rest sei Friede, Freude, Sonnenschein. Nur: so leicht, wie man es gerne hätte, ist gar nichts, weder die Gitarre noch das Schreiben und schon gar nicht die Liebe bzw. das Schreiben über die Liebe. Und so gerät das vermeintlich einfache Buch des 1978 in Graz geborenen Autors, Germanisten und Gitarristen der Band „Ratlos“ zu einem Spiel mit doppelten Böden, hinter denen Abgründe lauern. „Ich hatte fast alles geschluckt“, erinnert sich Andreas. „Tabletten zum Beispiel. Wenn ich eine Tablette in das Loch warf, das mein Mund war, hörte ich den Aufprall nicht: so tief war das Loch. Als ich Judith begegnete, hatte mich das Loch schon halb verschluckt.“</p>
<p>Judith und das Schreiben und die Gitarre sind Andreas‘ Rettung vor dem Verschlucktwerden. Schließlich ist man heutzutage, wie die Rockwelt lehrt, spätestens mit 27 ein Fall für den Holzpyjama. Aber wie verhindern, dass einem die Liebe und das Leben wieder entgleiten? Andreas versucht es mit Zweckoptimismus. Alles soll ganz einfach sein, stellt er in den Raum, um diese Forderung im nächsten Augenblick schon wieder einzuschränken, zu relativieren und mit der nicht so einfachen Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Und so zersplittert das Buch zunehmend in einzelne Textabschnitte, wo in immer neuen Anläufen darüber reflektiert wird, welche Schwierigkeiten im Leben im Allgemeinen und in Andreas‘ Bemühen um das Schreiben, die Gitarre und Judith im Besonderen auf einen warten. </p>
<p>In Unterwegers Buch wechseln Erzählung und Reflexion einander ab, lyrische Passagen mischen sich in die Prosa, sogar Fotos und das Märchen von den Mundpupsern in Oralflatulenzien werden als Beweisstücke vorgelegt, um zu verhindern, dass Andreas den Boden unter den Füßen verliert. Er klammert sich an seine Liebe. Doch was ist die Liebe? Wie in einem Puzzle fügen sich die postmodernen Textsplitter des Romans um etwas herum, von dem Anton Čechov, den Andreas Unterweger zitiert, sagte: „Bis heute ist über die Liebe nur ein einziger wahrer Satz gesprochen worden, nämlich: ‚Dies Geheimnis ist groß‘ […]“. </p>
<p>Andreas Unterweger besingt in „Wie im Siebenten“ das Geheimnis der Liebe schließlich mit einem eingeschobenen Essay, der viel von dem auflöst, was der Autor zuvor an Fragen gestellt und an Fährten ausgelegt hatte. In diesem Essay geht es um Bob Dylan und Sara Lownds, es geht um Dante und Beatrice, und auch John Lennon und Yoko Ono kommen vor – als Kronzeugen dafür, dass es so etwas überhaupt noch gibt: eine Liebe, die das Leben verändert und die Kunst beseelt. Ganz einfach. John Lennon hätte Unterwegers Buch vermutlich gemocht.</p>
<p><strong>werner schandor</strong></p>
<p>Andreas Unterweger: Wie im Siebenten. Roman. Graz-Wien: Droschl 2009. 137 Seiten</p>
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