26 glückliche Buchstaben können nicht irren

Da gerade das Schullexikon „Die Welt von A bis Z“ aus dem Jahr 1952 bei Ebay verramscht wird (s. Ebay), habe ich mich entschlossen, auch eine kleine Inventarisierung meiner Welt von A bis Z vorzunehmen.

A wie Alkohol – Wenn man sich anschaut, wie viel bei uns getrunken wird, und bei welchem Promillestand sich die Leute noch komplett nüchtern fühlen, dann braucht einen in Österreich eigentlich gar nichts mehr wundern.

B wie Bettlerverordnung – direkte Fortsetzung der gegenwärtigen österreichischen Beschäftigungs- und Sozialpolitik. Sprich: Demnächst wird den sozial Schwachen per Regierungsbeschluss das Betteln verordnet.

C wie Computer – Wer ist eigentlich für die neurotischen Computer verantwortlich? Kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, dass technische Geräte über ein Eigenleben verfügen. Aber warum zum Beispiel mein Drucker daheim immer nur bei mir spinnt und nie, wenn meine Liebste ihn bedient, ist mir ein Rätsel. – Statt EDV-Technikern bräuchte man Computerpsychologen.

D wie Dialog – Wird immer dann angeboten, wenn es nichts mehr zu diskutieren gibt.

E wie Ebay – Neulich unterhielt ich mich mit einem Fotoexperten (s. auch: W wie Wahn). Er sagte, er schaut am Abend gern ins Internet rein, wie die Foto-Auktionen bei Ebay laufen. Nachsatz: „Wenn meine Frau nicht daheim ist.“ Ich musste schmunzeln, denn ich dachte an den Buchtitel: „Warum Frauen immer telefonieren und Männer die ganze Zeit vorm Computer hocken (wenn man sie lässt).“

F wie Fernsehen – Sag mir, welches Programm du schaust, und ich sag dir, wie paranoid du bist.

G wie geistige Gesundheit – Am liebsten fahre ich in Länder, wo ich keine Zeitung lesen kann. Erstens fühle ich mich dadurch dem Leben näher, zweitens merke ich, wie mein Hirn innerhalb weniger Tage Schlacke abbaut. Nach ein paar Tagen bin ich geistig wieder richtig erholt. Aber kaum steige ich in den Flieger, und kaum sehe ich die Headline irgendeiner österreichischen Zeitung, schon ist der ganze Effekt schlagartig beim Teufel! (Daher heißt die Überschrift im Deutschen auch Schlagzeile: Sie wirkt wie ein Schlag auf den Kopf.)

H wie „Hat’s gepasst?!“ – „Ja, danke!“. Das heißt übersetzt: „Die Suppe war versalzen, das Fleisch zäh und der Salat letschert. Die Rechnung bitte.“

I wie Intelligenz – ist eine relative Geschichte. Wenn man zum Beispiel 100 Deppen hernimmt und den Durchschnitt bildet, erhält man einen Durchschnittsintelligenzquotienten von 100. Dieser Deppen-IQ 100 wird allerdings weniger Intelligenz ausdrücken als der IQ 100, der rauskommt, wenn man den Durchschnittswert von 100 Physik-Nobelpreisträgern hernimmt. Oder anders gesagt: Seit es die Gratiszeitung „Graz im Bild“ gibt, kommt mir immer vor, ich lese die „Zeit“, wenn ich den „neuen Grazer“ aufschlage.

J wie jenseits – detto

K wie Kunst – … ist ein Kadaver; der Rest nur ein Palaver.

L wie lustig – Vor allem im Fasching eine gefährliche Drohung.

M wie Meinung – Die Meinung ist bei uns so schnell zur Hand wie im Wilden Westen der Revolver: Zuerst wird geschossen, danach erst wird gefragt, warum und wozu.

N wie Nichts – kein Kommentar.

O wie „oum“ – gemeint ist nicht die heilige Silbe der Hindus, sondern das fast gleichlautende steirische Lokaladverb, das z.B. in der Verbindung „oum ummi“ die besondere Geschmeidigkeit unseres Idioms verdeutlicht. Auf Hochdeutsch hieße die gleiche Wendung „oben hinüber“ oder „oben rüber“. – Arme Hochdeutsche!

P wie Papagei – „Mein Name ist Tina Meier, was kann ich für Sie tun?“ – Sofern man nur über einen Funken Mitleid verfügt, fühlt man sich sofort als Mensch entwürdigt, wenn einem jemand mit diesem Sprüchl am Telefon kommt.

Q wie Qualität – Die Wirtschaft wächst und wächst, es gibt immer mehr Zeugs auf dem Markt, und die Qualität wird immer schlechter. Aber weil sich in unserer schnelllebigen Zeit keiner mehr auch nur an vorgestern zu erinnert scheint, fällt die Ramschwerdung der Welt niemandem auf. Siehe auch: T wie Technik.

R wie Ruf – Es ist erstaunlich, wie viel PR die Politik betreibt, und wie schlecht ihr Ruf trotzdem ist.

S wie Selbstgespräch – Wenn man auf der Straße jemanden sieht, der mit sich selbst sprich, vermutet man gleich, die Person hält ein Handy am Ohr. Bemerkt man dann, dass kein Handy im Spiel ist, atmet man erleichtert auf: „Endlich wieder ein normaler Mensch!“. Siehe auch:

T wie Technik – „Hrchlo, vrsstscht’d mirrsxch? Rrch wflflte frrrgn, ob D heusste Ztsch hrchxt?“ – Das neue Motorola L6 hat ein ultraflaches Design, ein TFT-Farbdisplay (65k) aus kratzfestem Glas, eine integrierte VGA-Kamera mit Videofunktion und 4-fach Zoom, Bluetooth, 10 MB interner Speicher und tolle MP3 Klingeltöne. Der einzige Nachteil dieses Handys: Man kann damit nicht telefonieren, weil das eingebaute Mikro zum Vergessen ist.

U wie un- – die wichtigste Vorsilbe für den Misanthropen. Aus dem Gustl wird ein Ungustl und aus dem netten Kerl ein Unsympath. Die Beispiele kommen Ihnen pummelwitzig vor? – Liegt nur an meinem Un-Terzucker!

V wie Versicherungen – Quasi die legale Form des Pyramidenspiels. Die einzigen, die mit Sicherheit am Ende profitieren, sind die Versicherungsanstalten. Grund: In den meisten Versicherungsverträgen lautet der Zusatz zu § 1 im Kleingedruckten wie folgt: „Der Schadensfall ist von der Versicherungsleistung ausgeschlossen.“

W wie Wahn – Seit geraumer Zeit habe ich den Fotowahn; eigentlich den Fotoartikelwahn. Angefangen hat’s 2002, als ich mir einen neuen Fotoapparat kaufen wollte. Ich erkundigte mich ein bisschen über die Geräte, und erkundigte mich und erkundigte mich, und nach drei Monaten hätte ich problemlos die Prüfung zum Fotofachhändler absolvieren können. Aber damit nicht genug. Ich wollte ja wissen, ob ich mich für das richtige Produkt entschieden hatte, und deshalb schaue ich bis heute, was es in den Schaufenstern der Grazer Händler Neues gibt, und was sich im Internet so tut. Kurzum: In der Zwischenzeit könnte ich als Gerichtsgutachter für Fotogeräte fungieren. Ach ja: Bilder mach ich manchmal auch.

X wie Wikipedia – „X bzw. x ist der 24. Buchstabe des lateinischen Alphabets und ein Konsonant. Der Buchstabe X hat in deutschen Texten eine durchschnittliche Häufigkeit von 0,03%. Er ist damit der 25.-häufigste und zweitseltenste Buchstabe in deutschen Texten.“ – Gab es ein Leben vor Wikipädia? Allein zum Buchstaben X kennt das freie Online-Lexikon 878 Einträge von X (dem Buchstaben) bis Xyphoid (einem Teil des Brustbeins). Fast ein Drittel der Beiträge widmet sich technischen Bezeichnungen. Der seltenste Buchstabe im Deutschen ist übrigens das Q.

Y wie Yoga – Die Yogazentren schießen aus dem Boden. Ganz Graz steht Kopf.

Z wie Zank – Er: „Ist dir schon aufgefallen, dass die meisten österreichischen Landeshauptstädte ein Z im Namen haben?! – Graz, Linz, Salzburg, Bregenz, Inzbruck…“ – Sie: „Du hast Zankt Pölten vergessen!“

erschienen in korso, Mai 2006

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