Allmächtiger!

Manche Bücher lassen einen an der Verlagswelt zweifeln. Baret Magarians Debütroman „Die Erfindung der Wirklichkeit“ ist so ein Fall.

Alles könnte so lustig sein, und „Die Erfindung der Wirklichkeit“ könnte jenes wunderbare, anregende, doppelbödige Buch sein, das es laut Verlagsversprechen sein soll, wenn sein Autor Baret Magarian das Handwerk des Romanschreibens beherrschte. Aber das tut er leider nicht. Ob der in London geborene und in Florenz lebende Journalist mit angloarmenischen Wurzeln absichtlich dilettiert oder aus Unvermögen, lässt sich nicht sagen. Fest steht nur, dass er literarisch dilettiert, und das lässt sich an mehreren Faktoren ablesen: Zum einen sind die Figuren in seinem Romanerstling Karikaturen ihrer selbst, also reine Abziehbilder, wie sie in schlechten Comics vorkommen. Kein Klischee, und sei es noch so platt, wird ausgelassen – vom gescheiterten Künstler über den leidenden Autor bis hin zur feinsinnigen Blumenhändlerin, deren Herz so rein ist.

Plumpe Dialoge

Mit solchen Klischees könnte man trefflich spielen, Magarian allerdings zieht es vor, sie auf geschwätzige Weise breitzutreten. Man weiß als halbwegs geübter Leser bei jedem Abschnitt nach 15 Zeilen, was sich auf den nächsten 15 Seiten ereignen wird. Denn man erfährt es direkt von den Figuren, die einander in plumpen Dialogen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ihre ganze Lebensgeschichte auf die Nase binden.

Auf umständliche Weise ergibt sich daraus der Plot, dass der gescheiterte Maler Oscar Babel von einem fiesen PR-Agenten quasi gegen seinen Willen zum Guru des Internetzeitalters aufgebaut wird. Parallel dazu vergeht der Schriftsteller Daniel Bloch zusehends, der Oscars Aufstieg vom Mauerblümchen zum strahlenden Held in einem Text vorweggenommen hat. An sich eine spannende Konstellation, die an die surrealen literarischen Spielereien eines Raymond Queneau oder Boris Vian erinnert – Klassiker des Absurden, die die Realität ins Groteske übersteigerten.

Etwas Bedeutsames gehört

Bei Magarian allerdings geht das Konzept nicht auf. Denn „Die Erfindung der Wirklichkeit“ ist auf seinen 480 Seiten völlig redundant erzählt. Man könnte ohne Verlust nur jede zweite Seite lesen und wüsste trotzdem über alles Bescheid, weil einem jede Information doppelt bis dreifach serviert und am Ende oft noch von einer Figur auf platteste Weise kommentiert wird, á la: „Oscar hatte das unbestimmte Gefühl, soeben etwas Bedeutsames gehört zu haben.“ Da plattitüdelt es nur so vor sich hin.

Auch der ästhetische Verlust beim Überblättern hielte sich in engen Grenzen, weil der Autor in einem mit überflüssigen Adjektiven gespickten Stil schreibt, mit dem andere Autoren aus guten Gründen nicht an die Öffentlichkeit gehen. Ein Mädchen, das Seifenblasen macht, tut das natürlich „fröhlich“; der Mond am Himmel hängt selbstverständlich „traurig da, eine bleiche Scheibe, die sich noch nicht richtig durchgesetzt hatte.“ Veredelt wird dergleichen literarischer Kitsch von einzelnen besonders verunglückten Sprachbildern und Beschreibungen. Da ist etwa von „wuschigen Streichquartetten“ die Rede; an anderer Stelle heißt es: „Webster machte ein unausgereiftes Geräusch“, und wieder an anderer Stelle steht umständlich: „Er zog eine bedrohlich schwarze Visitenkarte aus dem Schlitz in seinem Jackett, wo er sie zuvor griffbereit verborgen hatte.“ – No na, wer soll der Figur die „bedrohlich schwarzen“ Visitenkarten sonst dorthin gesteckt haben?!

Blödheiten über Blödheiten

Man fragt sich beim Lesen mehr als einmal, ob es ein Lektorat für dieses Buch gab. Eine Figur „strahlte wie ein Solarpanel“, liest man. Irgendjemand hat da das Prinzip der Photovoltaik nicht verstanden. Ein andermal ist von „wummernden Bässen“ im Adagio von Beethovens Streichquartett op. 132, ausgeführt vom Belcea Quartet, die Rede. Das wiederum schreit nach Reparatur des Radioapparats und Besuch beim Ohrenarzt, denn wo ein einzelnes Cello eines Streichquartetts – selbst wenn es so innig gespielt wird wie von Belcea-Cellist Antoine Lederlin – für „wummernde Bässe“ sorgt, da stimmt die Akustik nicht. Und schließlich gibt’s noch die Stelle, wo eine Figur einem Kätzchen Schokolade füttert, um ihm etwas Gutes zu tun. Das Kätzchen taucht im nächsten Kapitel auf, als wär nichts geschehen. Bitte nicht nachmachen, wenn Sie Ihre Katze nicht umbringen wollen!

„Ein allmächtiger Furz …“

Vielleicht hat Magarian diese und weitere Dummheiten bewusst eingesetzt und vielleicht ist auch die stilistische Unbeholfenheit des Buches nur das Spiegelbild einer geschwätzigen Zeit, in der anspruchsvolle Literatur am absteigenden Ast ist. Dass es sich bei dieser Erzählweise um Anklänge an die armenische Literaturtradition handelt, wie der Verlag behauptet, möchte man im Sinne der armenischen Literatur nicht hoffen. Denn um es in den Worten des Schriftsteller-Protagonisten Bloch zusammenzufassen, dessen Fiktionen zu den skurrilen Ereignissen im Roman führen: „Ein allmächtiger Furz hallte durch die Geschichte.“

Das Wunderbare an diesem Buch ist allein, dass sich ein Verlag gefunden hat, der sich bereiterklärte, diesen Furz zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Noch dazu einer, der bisher nur positiv durch erstklassige Übersetzungen aufgefallen ist – siehe https://www.textbox.at/lesetipp-papa-mia/


Baret Magarian: Die Erfindung der Wirklichkeit. Roman. Aus dem Englischen von Catherine Hornung. Folio Verlag: Wien 2022. 482 Seiten.

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