Apokalypse und Hormone

Der österreichische Autor Johannes Gelich schickt einen neurotischen Müßiggänger, Nörgler und Apokalyptiker buchstäblich aufs Eis. Von Werner Schandor

Die Verliererfiguren haben es dem 43-jährigen Wiener Autor Johannes Gelich angetan: Die Typen, die den Job loswerden oder angesichts des Wahnsinns auf der Welt einfach zu matt werden, um sich noch vom Sofa zu erheben. So wie Nepomuk „Muki“ Lakoter, 41-jähriger Anti-Held in Gelichs neuem Roman, „Wir sind die Lebenden“.

Wien, Anfang März 2011: Im Radio werden nach den neuesten Hits die neuesten Nachrichten aus Fukushima gebracht: vom Leck in den Reaktoren, vom austretenden Kühlwasser. Lakoter ändert spontan seinen Tagesplan. Nicht mehr das Hallenbad ist sein Ziel, sondern der nächste Supermarkt, wo er sich mit dem Notwendigsten eindecken will, um die dräuende Welt-Atomkatastrophe zu überstehen. Auf einer Eisplatte rutscht er aus und bricht sich das Bein.

Wir begegnen dem Helden, wie er mit einem Gipsbein auf seinem Kanapee liegt und seine rumänische Haushaltshilfe herumdirigiert. Muki Lakoters Leben ist – gleich wie seine versiffte Wohnung – ein ziemliches Durcheinander. Mit seiner Schwester teilt er sich ein Mietshaus in Baden, wo seine Hälfte total verkommt, weil er sich unfähig fühlt, etwas zu unternehmen: Die Wasserrohre sind leck, Papiermüllberge verschandeln den Innenhof, und die Mieter ärgern sich über zwei Prostituierte und einen Obdachlosen, die sich im Haus eingenistet haben. Lakoters Hauptbeziehung zur Außenwelt besteht indessen darin, Beschwerdebriefe an Handelsketten und Institutionen zu schreiben, wobei er aus Mücken Elefanten macht und sich beispielsweise über die Münzschlitze in Einkaufswagen aufregt. Im Übrigen räsoniert er über die Verkommenheit der Welt, wenn ihn seine verbliebenen drei Freunde besuchen, die allesamt das prekäre Leben der Generation X teilen.

„Das Berufsleben ist ein einziger Bürgerkrieg geworden. Jedes Wellness-Wochenende ist doch nur ein getarnter Fronturlaub“, ist einer von diesen Sätzen, die Lakoter mehr oder weniger pausenlos vom Stapel lässt, wenn er sich nicht gerade bei einem Joint von den Strapazen des Nichtstuns erholt. Man könnte die Gesellschaftskritik glatt ernst nehmen, wenn sie nicht aus dem Mund eines saturierten Losers stammte, der sich dank seines Erbes – die Eltern kamen als Bestattungsunternehmer zu Wohlstand – entspannt auf dem Diwan breitmachen kann.

Das gebrochene Bein kommt Muki gerade Recht, um sich so richtig gehenlassen zu können. So weit, so Oblomow-mäßig. Wie in seinen früheren Büchern lässt Johannes Gelich auch in „Wir sind die Lebenden“ einige Motive aus der Weltliteratur einfließen (Oblomow eben). Dazu gesellen sich Anspielungen auf Gelichs Hallenbad-Roman „Chlor“ aus dem Jahr 2006, der dem neuen Buch thematisch bereits ähnelte.

Die Wendung in „Wir sind die Lebenden“ bringt ein Brief, der Lakoter zum Handeln zwingt: Das Schriftstück stammt von den Mietern im Badener Zinshaus, die ihm eine Frist für die überfälligen Reparaturarbeiten setzen. Andernfalls würden sie die Mietzahlungen einstellen. Als dazu auch noch Mukis geschäftstüchtige Schwester damit liebäugelt, ihren Bruder teilentmündigen zu lassen, um seine Haushälfte zu übernehmen, ist endgültig Handeln angesagt.

So faul Muki zu Beginn des Buches herumliegt und sich gallig über den Zustand der Welt auslässt, dass man meint, man habe es hier mit einer bewegungsunwilligen Thomas-Bernhard-Figur zu tun, so ironisch entwickelt sich der Roman, als Schwung in die Geschichte kommt: Muki schickt seinen sexsüchtigen Freund Simon nach Baden, um die Hausangelegenheit zu regeln. Simon erliegt natürlich den Umgarnungen der beiden, von den Mietern angefeindeten, Sexarbeiterinnen im Haus. Die diesbezüglichen Telefonate zwischen Simon und Muki sind zum Brüllen komisch. Das welke Blatt von Lakoters Leben wendet sich endgültig, als seine rumänische Haushaltshilfe in die Heimat fährt und ihre attraktive Nichte Ana als Ersatz in die Wohnung des Junggesellen schickt. Merke: Die Angst vorm Weltuntergang hat keine Chance, wenn sich die Hormone melden.

Es ist eine sehr eigenwillige Mischung, die Johannes Gelich den Lesern in seinem neuen Buch präsentiert: Zukunftsängste und Gesellschaftskritik aus dem Mund einer neurotischen, eher unsympathischen Anti-Identifikationsfigur auf der inhaltlichen Ebene; Sarkasmus, Ironie und leiser Witz als Stilmerkmal, und das Ganze kombiniert mit zelebrierter Faulheit und Liebeswirren auf der Handlungsebene. Wunderbarerweise funktioniert dieser Cocktail: „Wir sind die Lebenden“ ist komplex und widersprüchlich wie das Leben selbst. Und dank der erzählerischen Versiertheit des Autors, die unaufdringlich im Hintergrund wirkt, auch sehr fein zu lesen.

Johannes Gelich: Wir sind die Lebenden. Roman. Haymon 2013. 240 Seiten.

Diese Rezension erschien am 25. Mai 2013 in der Wiener Zeitung.

 

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