Christoph Dolgans starker Debütroman

Der Weg zur Toilette wird immer länger. Nachts ist er ihr kaum noch möglich. Sie schläft am Küchentisch ein, und ihr Kopf fällt vornüber auf die rot-weiß-karierte Plastiktischdecke, die unzählige Zigarettenbrandlöcher hat. […] So kotzt sie gleich im Schlafen, und das Erbrochene liegt feinsäuberlich vor ihrem Mund auf der Tischdecke.

Das Prosadebüt des Grazers Christoph Dolgan ist nichts für schwache Magennerven. Dabei beschreibt er in „Ballastexistenz“ etwas sehr Alltägliches, nämlich die Stimmungslage eines Kindes, von dem ein Elternteil alkoholkrank ist. 350.000 Österreicher gelten als alkoholabhängig im pathologischen Sinn. Und doch ist der Alkoholismus in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer seltsam unterrepräsentiert. Von der Literatur ganz zu schweigen.

Christoph Dolgan, Jahrgang 1979, hat in Graz Germanistik studiert und über die „Poesie des Begehrens“ bei Leopold von Sacher-Masoch dissertiert. Vielleicht ist er deshalb mit psychischen Abgründen so vertraut. In „Ballastexistenz“ beschreibt er die Seelenlage eines jungen Burschen, der bei seiner alkoholabhängigen Mutter aufwächst. Genauer: Dolgan schreibt aus dem Gefühl der Beklemmung heraus, die sich in dieses Kind frisst.

Die Mutter arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt und schwemmt nach Geschäftsschluss die Klage über ihr Leben in einem Tankstellentschecherl mit Wodka weg. Nach ein paar Runden ist sie oft nicht mehr in der Lage, nach Hause zu finden. „Die Leute in der Langfeldsiedlung kennen Mutter: Sie ist ein Begriff, selbst noch unter denen, die ein Begriff sind. […] Die Leute rufen mich an, wenn sie sie irgendwo herumliegen sehen. Oft ist es auch nur eine SMS, die ich bekomme. Eine Ortsangabe, ohne Kommentar.“

Der Verfall der Mutter zieht sich als roter Faden durch die erste Hälfte des Buches und konfrontiert den Leser direkt mit der emotionalen Überforderung des Kindes. Wenn der Sohn die neben der Straße liegende Mutter nicht mehr aufheben und heimbringen kann, setzt er sich einfach neben sie, um Wache zu halten, oder er legt sich zu ihr in den Straßengraben. „Die Nächte im Straßengraben, eigentlich bin ich und muss ich dankbar für sie sein. Die Nächte sind kühl und feucht, aber sie sind frei von Sprechen. Schlimmer sind die Nächte daheim, die Nächte, in denen Mutter, entstellt von Alkohol und Zorn und …“

In drei Punkten versiegt an dieser Stelle das Reden. Was dort stehen könnte: Existenzielle Ratlosigkeit, die darin gipfelt, dass die Mutter dem Kind die Schuld an ihrem verpfuschten Leben zuschiebt. Er sei ihre Ballastexistenz, wirft die Mutter dem Jungen vor. Der wiederum lagert seinen längst versiegten Schmerz aus, indem er sich verletzt – beispielsweise das Glas von Glühbirnen zerkaut; bevor er später, im zweiten Teil des Buches, in die Mühlen der Kinder- und Jugendpsychiatrie gerät. „Ich platze auf in der Angst: Mein Gegen bin ich selbst, d.h. nur wenn ich nicht bin, bin ich sicher, nur Auslöschung würde auch die Angst auslöschen.“

Die Gratwanderung dieses Buches besteht darin, die in die Kinderseele gepflanzte Angst mit Worten und Wendungen zu schildern, die jenseits der Angst liegen und von hohem Reflexionsgrad zeugen. In Dolgans Text mischen sich souverän Beobachtungen, Assoziationen und Bilder, die am Ende die emotionale Ausweglosigkeit des Jungen auf den Punkt bringen und betroffen machen. Ein starkes Debüt, das besser als jedes Sachbuch erklärt, welche seelischen Abgründe sich in Alkoholikerfamilien auftun können.

Werner Schandor

Christoph Dolgan: Ballastexistenz. Literaturverlag Droschl. Graz 2013. 150 Seiten.

Die Rezension erschien am 15. Februar 2014 unter dem Titel „Aufplatzen in der Angst“ in der Wiener Zeitung.

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