Aus meiner Fachbibliothek: Langsamer lesen!

Beim Lesen auf genügend Bewegung achten, den Fernseher aus der Wohnung verbannen, Internet und Handy abschalten und sich weder die Bücher und Unterlagen nicht durch Essenskrümeln vollbröseln noch die Bude beim Lesen vollqualmen, dafür aber auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr achten – das zählt der Schreibforscher Otto Kruse zu seinen „Acht goldenen Regeln für wissenschaftliches Lesen“.

Professor Kruse leitet das Zentrum für Professionelles Schreiben am Departement für Angewandte Linguistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Seine „Goldenen Regeln“ fürs Lesen hat er im Buch mit dem schlichten Titel „Lesen und Schreiben“ festgehalten, in dem er detailliert und gut strukturiert den Prozess des sinnerfassenden Lesens und sinngenerierenden Weiterentwickelns des Gelesenen in Geschriebenes abbildet. Wer immer ein akademisches Schreibprojekt vor Augen hat, eine wissenschaftliche Arbeit abliefern muss oder gerade an seiner Bachelor-Arbeit verzweifelt, ist mit Kruses Tipps und Darstellungen gut beraten.

In den Kapiteln, die sich dem Schreiben widmen, finden sich neben ausführlichen Anweisungen über den Aufbau von Texten und über wissenschaftlichen Jargon beispielsweise auch die Frage nach der eigenen Autorenrolle oder den rhetorischen Grundformen wissenschaftlichen Argumentierens. In Sachen Stilistik bzw. Stiltipps ist Kruses „Lesen und Schreiben“ nicht schlechter, aber auch nicht besser als vergleichbare Werke, die sich vielfach an „Sprachpapst“ Wolf Schneider orientieren. In puncto Methodik – also in der Frage, wie man sein wissenschaftliches Schreibprojekt planen und abwickeln soll – sind angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vielleicht bei Helga Esselborn-Krumbiegels „Von der Idee zum Text“ besser aufgehoben. Aber was die Anleitungen betrifft, wie man den Leseprozess inkl. Exzerpt und Zusammenfassung optimal gestalten kann, ist „Lesen und Schreiben“ das Buch der Bücher. Zudem bietet Kruse in zahlreichen, optisch hervorgehobenen Absätzen Anleitungen, Wortlisten und Tipps, die akademischen Novizinnen und Novizen helfen, ihre ersten wissenschaftlichen Arbeiten zu meistern.

Sehr lesenswert ist auch das zusammenfassende fünfte und letzte Kapitel, „Die eigene Kompetenzentwicklung planen“, in dem der Schreibforscher nochmals prägnant die Anforderungen des wissenschaftlichen Schreibens umreißt.  „Lesen und Schreiben trainieren Selbstständigkeit im Umgang mit Wissen, sie verhelfen Ihnen zur Entwicklung eigener Expertise und verlangen von Ihnen, eigene Standpunkte zu vertreten wie auch die anderer zu erkennen“, richtet Kruse das Wort an Studentinnen und Studenten. Und weiter schreibt er: „Literalität und Intellektualität entwickeln sich also im Gleichschritt. Der Intellekt braucht das Sprachvermögen, um sich artikulieren zu können[,] und  Sprachvermögen ohne Intellekt wird, wenn es sich denn auszudrücken wagt, schnell zu Geschwätzigkeit.“

Einen Wermutstropfen gibt es bei „Lesen und Schreiben“ leider auch: Die ungewöhnlich vielen Satzzeichenfehler sowie vereinzelte orthografische und Ausdrucksfehler sind bei einem akademischen Buch, das sich dem professionellen Lesen und Schreiben widmet, ziemlich irritierend. Da hätten Autor und Universitäts-Verlag gut daran getan, vor der Veröffentlichung noch eine Korrekturrunde einzulegen.

Fazit: Otto Kruse, Professor für professionelles Schreiben, liefert auf 180 Seiten zahlreiche fundierte und teils sehr detaillierte Hinweise, wie man erste wissenschaftliche Arbeiten bewältigt. Die besondere Qualität bezieht „Lesen und Schreiben“ aus seinen Hinweisen zum „richtigen“ Lesen im akademischen Kontext – dies unter den Kernprämissen: Lesen ist Arbeit und langsamer ist besser.

Werner Schandor

 

Otto Kruse: Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium. UVK Verlagsgesellschaft mbH: Konstanz 2010. (= UTB 3355)