Besessen vom Porträt

In seiner Obsession für das Porträt übertrifft er sogar Andy Warhol: Der in Graz lebende Maler Oskar Stocker ist besessen vom menschlichen Antlitz und vom Malen.

Oskar Stockers Porträtserien sind reif für das Buch der Rekorde: Für seinen Zyklus „Facing Nations“ porträtierte er innerhalb von acht Monaten 124 in Graz lebende Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Diese gigantische Porträtserie wurde 2008 in Graz gezeigt, wanderte dann ins Vienna International Center nach Wien und war schließlich 2010 im UN-Hauptquartier in New York zu sehen: ein Malerei gewordenes Bekenntnis zur Vielfalt der Menschen und zur Charta der Menschenrechte. Eröffnet wurde „Facing Nations“ in New York von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. – Eine große Ehre für den aus Tirol stammenden Künstler, der sich nach Umwegen über die Mathematik ganz für seine Leidenschaft, die Malerei, entschieden hat.

„Gesichter seiner Zeitgenossen faszinieren ihn. Ihnen geht Oskar Stocker in seinen Porträts auf den Grund“, sagt der Kunstkurator Guido Schlimbach von der Kunststation St. Peter zu Köln. Und weiter: „Oskar Stocker gestaltet keine fotorealistischen Abbilder, sondern er versucht in den Bildern, wesentlich etwas vom Individuellen der Person einfangen zu können.“

Porträtieren heißt bei Oskar Stocker: Menschen kennenlernen, ihnen Fragen stellen, zuhören, dabei Skizzen machen („meine Partitur“) und in einem nächsten Schritt das Bild, das er sich im Kopf vom Gegenüber gemacht hat, in seinem Atelier im Grazer Gries-Viertel großformatig auf Leinwand, Papier, Karton oder Spanplatte bringen.

Aktuell sind Oskars Stockers Bilder in zwei länger laufenden Ausstellungen in der Steiermark zu sehen: In Stift Rein ist es sein Zyklus „Verbo(r)gen“, und am Flughafen Graz können die Reisenden in die gemalten Antlitze von Menschen blicken, die Österreich verlassen haben, um rund um den Globus ihr Glück zu suchen. „Yearning – Sehnsucht“ nennt Stocker diesen Bilderzyklus, für den er Auslandssteirerinnen und -steirer porträtiert hat. Elf der Porträts sind aktuell im Terminalgebäude zwischen Abflugs- und Ankunftshalle zu sehen. Für Stocker der beste Platz für diese Bilder, denn: „Der Flughafen ist eine Drehscheibe für Sehnsüchte. Er ist ein Sehnsuchtsort für alle, die wegfliegen, aber auch für alle, die ankommen.“

Mit Vorliebe sind es große Räume, in denen Oskar Stocker seine überlebensgroßen Menschen-Bilder zeigt: Flughäfen, Konzert- und Kinosäle, Konferenzzentren. Und sogar der grenzenlose mediale Raum des Fernsehens wird von ihm „bespielt“, wenn er für die 14-tägliche ORF-Kultursendung „erLesen“ die Porträts der prominenten Gäste der Sendung anfertigt. Dass er in der Grazer Szene dennoch kaum bekannt ist, nimmt Stocker gelassen. Dem „Paintaholic“, der am liebsten von früh bis spät vor der Leinwand steht, geht es nicht um die Anerkennung einer Szene, sondern um die Malerei – und darum, dass seine Bilder, die oft mit einer humanistischen Botschaft aufgeladen sind, ihr Publikum erreichen.

Beispielsweise in der erwähnten Ausstellung „Verbo(r)gen“ in der barocken Basilika von Österreichs ältestem Zisterzienserstift in Rein bei Gratkorn: Während das Presbyterium aufgrund von Renovierungsarbeiten vom Rest des Kirchenraumes abgetrennt ist, bekommen die Kirchenbesucher anstelle von Heiligen großformatige, mit grobem Strich auf über 2 Meter hohe Altarblätter gemalte Porträts von Kindern zu sehen, die von ihren Familien vernachlässigt, geschlagen, verletzt, sexuell missbraucht oder getötet wurden. Stocker malte die fast expressiv anmutenden Bilder nach Fallschilderungen aus deutschen Gerichtsakten. Das christliche Leidens-Motiv, aber auch das Thema Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche eröffnen einen vielschichtigen Assoziationsraum für diese Gemälde, die noch bis 3. November 2013 in Stift Rein zu sehen sind.

Biografie | Ausstellungen

Oskar Stocker, Jahrgang 1956, lebt und arbeitet in Graz. Zahlreiche Ausstellungen in Österreich, Deutschland und Übersee. Oskar Stocker malt die Künstlerporträts für die ORF-Kultursendung „erLesen“. Als bisher einziger Österreicher konnte er im UNO-Hauptquartier in New York ausstellen: Dort war 2010 seine Serie „Facing Nations“ – Porträts von in Graz lebenden Personen aus 124 Ländern – zu sehen. Derzeit sind Porträtserien von ihm im Terminalgebäude am Flughafen Graz und in der Basilika von Stift Rein zu sehen.

„Painting is keeping me alive“ („Malen hält mich am Leben“) steht auf der Homepage des Künstlers, der sich im Internet mit Angaben über Werk und Wirken trotz akademischer Meriten und langer Ausstellungsliste ziemlich zurückhält. Für den Kölner Kunstkurator Guido Schlimbach ist Oskar Stocker einer der „glaubwürdigsten Vertreter der zeitgenössischen, von Gebrauchszwängen und Darstellungssüchten befreiten Porträtmalerei“.

www.oskarstocker.com

Werner Schandor

erschienen im Via Airportjournal 02/2013, S. 74f.

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