Charlotte Roche und die Grazer Sensation

Die Sensation in Sachen literarische Performance in Graz passierte genau einen Tag, bevor Bestsellerautorin Charlotte Roche in der Stadt angesagt war: Die Literaturzeitschrift „perspektive“ präsentierte am 27. Mai in der Reihe „Wortlaut“ ihr Heft 58, „rabbiD“, im ESC-Labor in der Jakoministraße. Am Programm stand eine Lesung rein Grazer Provenienz, deren Line-up da lautete: perspektive-Altmeister, Jungakademiker und Bierliebhaber Helmut Schranz, Stefan „Beatnik“ Schmitzer sowie Rastaman Max Höfler, dialogisch unterstützt vom Komponisten Martin Pichler. Die beiden Letztgenannten waren die Knüller des Abends. Doch dazu später.

„Hefte für zeitgenössische Literatur“ nennt sich die „perspektive“ im Untertitel, und durch ihren ebenso radikal beschworenen wie hartnäckig exekutierten Avantgardebegriff hat sich die Graz-Berliner Zeitschrift in den letzten Jahren mühsam und nachhaltig (endlich passiert Nachhaltigkeit in der Kunst!) den Ruf der Unlesbarkeit erworben. Die Bilanz des Abends auf der Besucherseite daher, durchaus positiv unter diesen Voraussetzungen: 17 Zuhörerinnen und Zuhörer. Verdient hätte die Lesung freilich mindestens 170 Leute, denn was Schranz, Schmitzer und Höfler/Pichler boten, war, wir deuteten es schon an, äußerst unterhaltsam bis schlicht sensationell.

Äußerst unterhaltsam: Helmut Schranz mit seiner Puff-Saga „abwinken. tell it to your storyboard“ – die Geschichte eines Mannes aus der Provinz, der sich in der großen Stadt Wien in ein Etablissement des Rotlichtmilieus verirrt und dort nichts anderes will, als drei, vier Bierchen genießen. Hernach Schranzens zweiter Streich: Die „NEWS“-Litanei. Dazu sammelte der Autor aus den Kulturseiten des Wiener Boulevardblattes sämtliche Adjektive samt nebenstehenden Substantiva und brachte sie in alphabetische Reihung. Das amüsante Ergebnis: Sprachakrobatische Worthülsigkeit der möchtegernigen Sensationsklasse I. (Schon wieder „Sensation“.) Literatur zum Selbstbasteln und Niederbrechen.

Unterhaltsam und etwas übersteuert kam dann Stefan Schmitzer mit seinen Beiträgen rüber, „ballad of a trend-scout“ (erschienen und nachzulesen in „perspektive“ 56-57) und „so ein pfaffen-stream“ (aus der aktuellen Nummer). Schmitzer schreibt eingängige Beatlyrik mit gesellschaftskritischem Unterton, die er mit Wiederholungen, Refrains und wohlkalkulierten Pointen akzentuiert und mit fliegenden Metaphernteppichen unterlegt. So dicht hat hierzulande schon lange keiner mehr gedichtet.

Den Vogel aber schoss an diesem Abend eindeutig Max Höfler ab (der Grazer Autor, nicht zu verwechseln mit dem Kölner bildenden Künstler gleichen Namens). Mit Martin Pichler an seiner Seite und unter Mithilfe vom Vorleseprogramm seines Computers transformierte er seine hochgradig sprachreferentiellen Texte „Bildvorlage“ und „leeres orchester“ aus der aktuellen „perspektive“ auf unaufgeregte und gut getaktete Weise in Sphären der Vielschichtigkeit und Doppelbödigkeit, die in dieser Güteklasse nur sehr selten zu hören sind. In reinem Text wiedergegeben, deutet sich auch die Musikalität dieser anspielungsreichen Literatur zart an:

„in zeichen am zeiger obenauf oder eben auch
nur
untenrum am zeuger
werkzeuge am sack oder so“

In der Performance aber entpuppten sich Max + Martin (Höfler + Pichler = der Autor + der Komponist) als kongeniales Duo, das jedes Poetry Slam-Publikum zum Rasen bringen würde, und neben dem jede am After operierte Selbstentblößungsprosaistin vermutlich ziemlich blass aussieht. Aber das ist nur eine Vermutung, denn den Auftritt von Frau Roche am 28. Mai in Graz habe ich mir gespart. Besser als bei der „perspektive“-Präsentation im ESC-Labor kann es ohnehin kaum kommen.

Werner Schandor

Die „perspektive“ im Internet:
www.perspektive.at

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