Charme?! – Schas mit Quasten!

Ein Bekenntnis zum guten, alten Postamt als letztes Reservat des Prinzips Hoffnung. Von Werner Schandor

Eine der kuriosesten Ideen des vergangenen Jahres war der Vorschlag von Arthur Oberascher, dem Chef der Österreichwerbung, den österreichischen Charme zum Weltkulturerbe zu erklären. Zur Erinnerung für alle, die dieses Erbe in Graz vertranscheln wollen: Ein Weltkulturerbe adelt eine kulturelle Errungenschaft und soll dazu beitragen, sie a) vor dem Verschwinden zu bewahren, und b) möglichst viele Touristen in die geschützte Region zu schleusen. Im Fall des österreichischen Charmes ist es fraglich, wo er seine Rückzugsgebiete wirklich hat. Aus den Touristengebieten ist der Charme entweder vom Nepp verdrängt worden, oder er ist nur noch in einer mumifizieren Form erhalten geblieben.

Vom Verbleib der ausgetrockneten Charme-Variante konnte ich mich vor wenigen Wochen bei einem Kurzbesuch in Wien persönlich überzeugen. Schauplatz war das Café Aida direkt neben dem Stephansdom, eine gastronomische Wiener Institution (das Aida, nicht der Steffl …), deren Inneneinrichtung ganz gewiss zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Im Aida hat sich offensichtlich seit den 70ern innenarchitektonisch nichts mehr verändert. Das Café im Stile sowjetischen Pop-Art-Imitats war proppenvoll, als wir einkehrten. Vor den Klos stellten sich die Notdürftigen in Zweierreihen an. Auf den filigranen Tischen Marke thailändisches Freiluftgasthaus stapelte sich das angebrauchte Kaffeegeschirr. Mit angemessen finsteren Mienen verteidigten wir unseren mühsam eroberten Eckplatz. So verbrachten wir gut 10 Minuten vor einem lauschigen Stillleben aus Kuchenresten und eingetrocknetem Kaffee auf abgenütztem Porzellan, während der niemand in unsere Nähe kam, der sich durch eine aida-rosa Schürze befugt gezeigt hätte, Gäste zu bedienen. Endlich war doch ein beschürztes Wesen in der verrauchten Ferne des vorderen Lokalabschnitts auszumachen. Wir wollten die Kellnerin zu unserem Tisch winken, doch sie rief uns zu: „Ist nicht mein Tisch! Ich weiß auch nicht, wo die Kollegin ist!“ Pech gehabt! Kein Kaffee. – Sehen Sie: Das ist österreichischer Charme, wie ihn Touristen tagtäglich erfahren! Das gilt es als Weltkulturerbe zu bewahren.

Das letzte Charme-Reservat von Graz
So einen Charme findet man in Graz selten. Ein letztes Reservat hat er in meinem Grazer Lieblingspostamt. Ich werde nun natürlich nicht verraten, wo sich das befindet, schließlich habe ich kein Interesse daran, dass dieses Postamt von Touristen gestürmt wird, die aus ihren Bussen stürzen, um 3 Minuten original österreichischen Charme zu erleben, bevor sie auf den Schlossberg gekarrt werden. Nur so viel: Dieses Postamt ist noch ein richtiges, altmodisches Postamt! Es gibt dort keine Hit-CDs zu kaufen, kein Handyzubehör und auch sonst keine Spompanadeln; ja es hat nicht einmal einen PSK-Schalter. Dieses gute alte Postamt erfüllt nur einen Zweck: Dass man seine Briefe und Pakete dort aufgibt und/oder entgegennimmt. So soll es sein.

Wenn man also in dieses Postamt kommt und zum Beispiel in seinem Postfach einen Zettel vorfindet, es sei eine persönliche Briefsendung am Schalter hinterlegt, und man geht zum nahe liegenden Schalter A, um das Stück dort entgegenzunehmen, dann wird man zuerst von Schalter A zu Schalter B geschickt, der sich in einem anderen Trakt des Gebäudes befindet. Wenn man allerdings gleich zu Schalter B geht, ist das gesuchte Poststück mit ziemlicher Sicherheit bei Schalter A hinterlegt. Aber egal, ob A oder B: am jeweiligen Schalter wird man garantiert eine Person vorfinden, die von dieser Briefsendung keine Ahnung hat, die sich aber dennoch gleich auf die Suche macht. „Für wen ist die Sendung bestimmt?“ lautet die erste Frage des Beamten. „Wie schaut denn der Brief oder das Packerl aus?“ für gewöhnlich die zweite.

Für wen die Sendung bestimmt ist, weiß man meistens, weil man in der Regel weiß, wie man heißt. Schwerer ist oft zu sagen, wie eine Postsendung aussieht, die man noch nie gesehen hat. Und das ist auch die Schwierigkeit für den suchenden Postbeamten, denn die am Schalter hinterlegten Brief- und Paketsendungen werden in meinem Lieblingspostamt nach einem Spezialsystem abgelegt, das offenbar selbst die Postbeamten von einem zum anderen Mal nicht durchschauen. Immer wenn der Postbeamte nach der hinterlegten Briefsendung sucht, fürchtet man für ein bis zwei Minuten, in denen der Beamte alle möglichen Fächer und Ablageflächen inspiziert, das versprochene Stück wäre für immer verloren. Und immer, wenn man zusammen mit dem suchenden Postler die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, taucht die vermisste Briefsendung in einem Winkel, wo sie der Beamte nie vermutet hätte, doch noch auf. Was lernt der Postkunde aus dieser sich in meinem Lieblingspostamt regelmäßig wiederholenden Episode?! – Dass man das Prinzip Hoffnung nie aufgeben darf!

Appell an Arthur Oberascher
In meinem Lieblingspostamt kann es weiters auch vorkommen, dass man seine Gebühren, z.B. die Postfachgebühren, nicht begleichen kann, weil der Beamte, der dafür zuständig ist, seinen freien Tag hat, und jener andere Beamte, den man antrifft, möchte keine Unordnung in die Angelegenheiten des Kollegen bringen. Man muss dann an einem anderen Tag wieder kommen, aber nur zu den festgesetzten Uhrzeiten, an denen der Kollege Dienst hat. Und genau das lobe ich mir! In diesem Postamt ist der Beamte noch eine Persönlichkeit, die nicht davor zurückschreckt, die Kunden zurückzuweisen, ja sogar zurechtzuweisen, wenn es nötig ist; zum Beispiel wenn Briefe schlampig oder unleserlich adressiert sind; der einem rundheraus kundtut, mit seiner Massensendung könne man gleich wieder abmarschieren, wenn man die benötigten Begleitformulare nicht richtig ausgefüllt hat! Das ist doch ganz etwas anderes als der unpersönliche, stets aufgesetzt freundliche 08/15-Dienstleistungsschas, der sich in den letzten Jahren in Österreich ausgebreitet hat, wo jeder freundlich ist, aber keiner mehr eine Ahnung hat! In meinem Postamt dagegen gibt es Experten für jedes postalische Untergebiet von der Massensendung bis zur Paketaufgabe. Sie stellen einem ihr Know-how exklusiv zur Verfügung. Dafür haben sie weder anbiederndes Getue noch oberflächliche Freundlichkeit nötig. Die Dankbarkeit ihrer Kunden ist ihnen auch so gewiss, denn trotz aller Schrullen klappt dort am Ende immer alles wie am Schnürchen.

Nicht die spärlichen Reste des österreichischen Charmes, sondern Postämter wie dieses gehören zum Weltkulturerbe erklärt! Daher ein Appell an Arthur Oberascher: Stellen Sie bei der UNESCO den Weltkulturerbe-Antrag für die gute, alte Post! Und setzen Sie sich bei Ihren Freunden in der Regierung dafür ein, dass die Post nicht verscherbelt wird, dieser letzten Hort der Hoffnung! Die Regierung soll lieber die Kaffeehauskette Aida für die globale Wirtschaft fit machen oder wenigstens für den Wiener Tourismus. Aber sie möge die Post in Frieden lassen! So wäre allen geholfen.

erschienen in: korso, Heft 2/2006