Das Gackern des Norbert Frickl

Die beiden Meister-Puppenspieler Neville Tranter und Nikolaus Habjan nehmen in ihrer ersten gemeinsamen Produktion „The Hills are Alive“ Österreich-Klischees und den ehemaligen FP-Innenminister aufs Korn.

Ex-Innenminister Herbert Kickl hat nicht nur zahlreiche Satiriker zu eindeutigen Vergleichen animiert. Auch der in Amsterdam lebende „King of Puppetry“ Neville Tranter ließ sich vom Charme des Politikers zur Figur des österreichischen Schreibtischtäters Norbert Frickl inspirieren, dessen Puppen-Physiognomie rein zufällig an Hitler erinnert. Dieser Frickl entscheidet über Einwanderungsanträge und macht nichts lieber, als „illegalen Immigranten“ einen Stempel auf den abgelehnten Bleibeantrag zu donnern, und dabei gackert er vor Freude wie ein Huhn. „Immigration Officer Frickl“ ist eindeutig der Ungustl in Neville Tranters englischsprachigem Stück „The Hills are Alive“, das am 15. November am Schauspielhaus Graz uraufgeführt wurde.

„The Sound of Music“ wird zur Groteske

Es ist eine Groteske, für die Tranter und Nikolaus Habjan insgesamt acht Puppencharaktere zum Leben erwecken. Der Plot knüpft sehr frei an den Hollywoodklassiker „The Sound of Music“ an und ist mehr als schräg: Max und Maria von Trüb (wie die Trapps bei Tranter heißen) und ihre Kinder bescherten als singende und jodelnde Familie im amerikanischen Exil der Heimat Austria über Jahrzehnte hinweg Millionen Touristen. Nun wollen sie hochbetagt nach Österreich zurückkehren, weil Donald Trump ihnen einen Zaun durch den Garten baut. Diesem Wunsch steht Magister Norbert Frickl entgegen. Er sieht die Stunde der Rache gekommen, denn die Trübs hatten durch ihre geglückte Flucht 1939 Frickls Vater, Gauleiter Keller (Achtung, Sprachwitz: „Keller-Nazi“!), zum Gespött der Ostmark gemacht. Wer meint, das sei schon absurd genug, darf sich vom Auftritt eines verliebten Ziegenbocks in der Mitte des Stücks und von Arnold Schwarzenegger am Ende eines Besseren belehren lassen. – Im Universum der Klappmaulpuppen, in denen Tranter und Habjan regieren, ist nichts unmöglich.

Neville Tranter und der verliebte Ziegenbock. Foto: Lex Karelly

Flach, aber unterhaltsam

Will man alle Anspielungen in „The Hills are Alive“ verstehen, sollte man „The Sound of Music“ kennen. Sowohl der sprechende Ziegenbock als auch das Bühnengemälde mit Alpenpanorama und nicht zuletzt Habjans famose Gesangs-Dekonstruktionen beziehen sich darauf. Und selbst der Titel des Stücks ist ein wörtliches Zitat aus dem Song „The Sound of Music“. Nur leider: Echte Tiefenschichten gewinnt das von Neville Tranter geschriebene und inszenierte „The Hills are Alive“ durch diese Bezüge nicht. Aber was will man erwarten, wenn schon die Vorlage kaum aufgrund der psychologischen Finesse oder historischen Komplexität, sondern vielmehr durch ihre heimeligen Kitschfantasien weltberühmt wurde. Dem Kitsch macht das Puppenspieler-Duo zwar den Garaus, aber verglichen mit dem genialen „F. Zawrel“ Habjans oder der international ausgezeichneten Tranter-Produktion Schicklgruber alias Adolf Hitler, ist „The Hills are Alive“ eine unterhaltsame, aber eher flache Angelegenheit. Wäre Kickl noch im Amt, würde einem zumindest das Lachen im Halse stecken bleiben.

Nach 18 Jahren erstmals gemeinsam auf der Bühne

Es hat übrigens einen guten Grund, dass die beiden Puppenmagier ihren ersten gemeinsamen Auftritt in Graz haben. Denn es war im hiesigen Schauspielhaus, wo anno 2001 der damals 14-jährige Habjan an einem Workshop von Tranter teilnahm und dabei sein untrügliches Gespür für das gehobene Puppenspiel entdeckte. 18 Jahre später würdigte das Publikum die beiden Virtuosen bei der Uraufführung ihrer kurzweiligen Groteske mit Standing Ovations. Bis Mitte Februar 2020 stehen noch elf weitere Aufführungen von „The Hills are Alive“ am Spielplan.

Die Kritik der Uraufführung wurde für die Tageszeitung „Der Standard“ vom 18.11.2019 geschrieben.