Dem Volk aufs Maul hauen

Haben Sie heute schon getschendert?
von Werner Schandor

Willkommen im EU-Jahr der Chancengleichheit! Insider sprechen übrigens auch vom Jahr der „Diversity“, sprich: „Daivörsiti“ – auf gut Deutsch: „Vielfalt“. Und dieser Begriff Diversity bringt mich auf einen weiteren schönen Begriff, der mich als Texter seit einiger Zeit verfolgt, nämlich „Gender Mainstreaming“. Das ist nicht nur schwer auszusprechen („Tschenda Meeinstrieming, da haut’s da die Zähn’d aus der Pappen!“ – © Der Bockerer), sondern gibt sich zu allem Überdruß auch noch unübersetzbar. Wörtlich könnte man von „Geschlecht hauptströmen“ sprechen, aber das – wie es mittlerweile so schön heißt – macht einfach total keinen Sinn! Übertragen bedeutet Gender Mainstreaming, dass der sozialen Rolle von Männlein und Weiblein ein Hauptaugenmerk in der politischen und gesellschaftlichen Reflexion gewidmet wird. Bezweckt wird damit, das Vorhandensein, die politischen Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen von Ungleichbehandlung aufzuzeigen und zu beseitigen. Dieses Ziel kann wohl jeder der Aufklärung verbundene Mensch des 21. Jahrhunderts voll und ganz unterschreiben. Und dennoch gibt es einen Aspekt des Gender Mainstreaming, der in deutschen Landen meines Erachtens manchmal etwas überbetont wird, nämlich die so genannte geschlechtsneutrale Schreibweise, die unlängst sogar aufs Feld der Zeichen ausgeweitet wurde.

Das Strichweiberl
Mitte Dezember des verflossenen Jahres verblüffte die Stadt Wien mit der Meldung, sie wolle 50 Prozent aller in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln angebrachten Schilder austauschen und mit „getschenderten“ Symbolen versehen: Das Manderl auf den grünen Fluchtweg-Schildern wird zum Weiberl mit Rockerl. Das Hinweisschild zum Wickelraum ziert wiederum ein Strichmanderl, das weder Brüste noch Kleid erkennen lässt: Es handelt sich also entweder um eine Frau mit kurzen Haaren und Hosen oder um einen schmal’pickten Mann, der ein Baby (Geschlecht schon gar nicht erkennbar) vor sich liegen hat.
„Bin ich beim neuen Fluchtwegschild überhaupt angesprochen? Ich trage nie Röcke“. – Diese Frage stellte meine Liebste in den Raum, als sie die neuen Schilder in der Zeitung betrachtete. Und mit dieser simplen Frage zeigte sie die Ironie auf, die darin besteht, stilisierte Figuren, bei denen weder Hut noch Hose und schon gar kein Zipferl zu erkennen sind, durch altbackene Frauenbilder zu ersetzen, bei denen Rock und lange Haare als weibliches Erkennungsmerkmal dienen.

Ein Tisch ist ein Tisch
Gender Mainstreaming in der Welt der Zeichen und der Sprache erinnert mich immer ein bisschen an Peter Bichsels Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“. In dieser Geschichte beschließt eines schönen Tages ein Mann, dem fad ist, alle Dinge in seinem Zimmer umzubenennen. Zum Bett sagt er „Bild“, zum Tisch „Teppich“, zum Bild „Tisch“ usw.. Das gewöhnt er sich so an, und zum Schluss hat er sich eine verdrehte Sprache geschaffen, die außer ihm kein Mensch mehr versteht. Diese Geschichte versinnbildlicht zweierlei: 1.) dass die sprachliche Benennung der Welt willkürlich ist: und 2.), dass sie eine Konvention ist. Will heißen: Wichtig ist nicht, wie man etwas nennt, sondern primär, dass man sich mit anderen auf einen Namen für einen Sachverhalt einigt.
Vor diesem Hintergrund wollte mir nie recht einleuchten, warum man, wenn man von allgemeinen Angelegenheiten der Menschen spricht, nicht mehr davon ausgehen mag, dass Männer und Frauen gleichermaßen gemeint sind, wenn man, werte Leser, wie üblich den Plural maskulinum für die Bezeichnung von Personengruppen verwendet. Das funktioniert im Englischen auch ganz gut. Doch im Deutschen wird auf dem grammatikalischen Geschlecht herumgeritten, als ob es schuld an der beruflichen Benachteiligung von Frauen wäre. Die Sprache wird in Broschüren, die auf geschlechtsneutrale Schreibe bedacht sind, nach Strick und Faden „getschendert“. Wer das noch lesen mag oder gar selber so schreibt, ist ein(e) hartgesottene(r) Leser/in, ein(e) von der Sache (und der Sprache!) überzeugte(r) Sozialevolutionär/in, vielleicht sogar ein(e) gute(r) Kommunikator/in beim Reden, aber ein Mensch, dessen/deren geschriebene Sätze man/frau bis zum Ende lesen mag, ist das eher nicht!

Der Machotisch
Um der Sprache willen wäre es fein, wenn man sich damit arrangieren könnte, dass die Grammatik an sich geschlechtsneutral ist, weil das biologische Geschlecht (dient der Fortpflanzung) und das grammatikalische Geschlecht (dient der Kommunikation) in der Regel zwei Paar Schuhe sind. Ein Tisch ist ein Tisch, und obwohl es „der Tisch“ heißt, bedeutet das nicht, dass er ein Macho ist. Aber selbst wenn man völlig am Wortlaut klebt und die soziale Rolle der Menschen 1:1 auf die Sprache übertragen möchte, selbst dann gibt es etwas, das den Sprachpolizisten der politischen Korrektheit zu denken geben und ihnen zeigen sollte, dass das Deutsche sogar in seiner männlichen Form zutiefst feminine Züge hat. Der Beweis: Wie heißt der Plural von „die Frau“? – Richtig: „die Frauen“. Der weibliche Artikel bleibt gleich. Wie aber heißt der Plural von „der Mann“? – Siehe da: „die Männer“. Der Plural wird mit dem femininen Artikelwort gebildet! – Aber hallo! Jetzt könnten natürlich die MaskulinistInnen (die sich in Deutschland bereits zu formieren beginnen) hergehen und einen spezifisch männlichen Artikel auch für die männlichen Pluralformen einfordern! Sie könnten sagen: Wir identifizieren uns nicht länger mit dem weiblichen Artikel „die“ vor unserer Mehrzahl! Das „die“ diskriminiert unser soziales Geschlecht in der Sprache! Wir müssen das politisch ändern! Und wer weiß, vielleicht gibt’s dann in einigen Jahren, wenn den Politikern nichts Besseres einfällt, ein EU-Jahr der Sprachkorrektur, das so richtig mit dem geschlechtlichen Saustall in allen Amtssprachen der Union aufräumt.
Bis dahin werden wir wohl oder übel damit leben müssen, dass das Deutsche auch weiterhin übereifrig getschendert wird, und dass in Wien demnächst Strichfrauerln mit Petticoats den Fluchtweg weisen.

Der Text ist in der Zeitschrift korso im Jänner 2007 erschienen.