Der Jahrhundertdichter aus Chile

„Nicanor wer?“, lautet die gängige Frage auf die Auskunft, dass der Chilene Nicanor Parra mein liebster Lyriker ist bzw. war, denn Parra ist 2018 gestorben, im Alter von 104 Jahren.

In Chile wurde er wie ein Popstar verehrt, und 2011 hat er den Cervantespreis erhalten, die höchste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt. Mehrere Male war er von verschiedenen Universitäten für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden. Das schwedische Gremium hätte gut daran getan, 2016 nicht dem steinalten Bob Dylan, sondern den über 100-jährigen, aber im Herzen ewig jungen Parra den Preis zuzuerkennen. Denn während Bob Dylan literarische Balladen spielmannshaft als Folk-, Rock- und Popsongs vorträgt, schrieb Parra Zeit seines Lebens Gedichte, die frisch, direkt und eingängig wie Punksongs waren (um einen Sager von Rolf Brinkmann abzuwandeln).

Parra, 1914 in Santiago geboren, machte erstmals 1937 mit einem Gedichtband in Chile von sich reden. An der Universität studierte er Physik und Mathematik. Nach dem Zweiten Weltkrieg lernte er während eines Auslandsjahres an der Brown University in Providence, Rhode Island, die Werke von Walt Whitman, T. S. Eliot und Ezra Pound kennen. Der unsentimentale, pointierte Ton dieser Vorbilder kennzeichnet Parras 1954 erschienen Lyrikband „Poemas y antipoemas“, der in Chile seinen Durchbruch als Dichter kennzeichnete.

Ein halbes Jahrhundert
war die Poesie
Ein Paradies für feierliche Trottel.
Dann bin ich gekommen
Mit meiner Achterbahn.

Steigen Sie ein,
             wenn Sie Lust haben.
Allerdings: ich hafte nicht, wenn Sie am Ende
Aus Mund und Nase bluten.

Ein skeptischer Geist

Nicanor Parras dichterische Achterbahn ist gekennzeichnet von schnörkellosen, frechen, gewieften, ungereimten Versen, die sich jedes Sentiment verbieten und in offener ästhetischer Opposition zu Chiles berühmtestem Dichter, Pablo Neruda, auftreten. Die „Antipoesie“ geht aber weit hinaus über eine bloße Abwehr der Neruda’schen Mythologisierung der Welt. Aus Parras Versen spricht oftmals ein modernes, assoziierendes, sich an den Widrigkeiten des Daseins reibendes Individuum, ein skeptischer Geist, der über die Brücke des Irrwitzes den schwankenden Boden der Vernunft erreichen will und dabei stets im Hinterkopf hat, wie lächerlich und banal das Leben letztlich ist.

Das wahre Problem der Philosophie
ist wer die Teller abwäscht
keine tiefsinnigen Ergründungen
Gott
          die Wahrheit
   die Vergänglichkeit

das natürlich auch
aber erst einmal wer wäscht die Teller ab
[…]

Von der Mühe, an Gott zu glauben

In vielen seiner Texte arbeitet sich Parra an Gott und der Religion ab – an der Frage, wo denn die Erlösung bleibt, die die Kirche ihren Gläubigen verspricht: „Es kostet ziemlich Mühe, an einen / Gott zu glauben, der seine Geschöpfe / ihrem eigenen Schicksal überlässt […]“. In manchen Gedichten münden existenzielle Fragen und triviale Schilderungen in surreale Fluchtpunkte, die von einer Weltanschauung zeugen, die Robert Musil (ebenfalls Physiker und Mathematiker) den „Möglichkeitssinn“ genannt hat: Nicht was wirklich, sondern was möglich ist, prägte das Denken des Dichters. In Reinkultur ist dies in seinem gern zitierten Gedicht „El hombre imaginaro / Der eingebildete Mann“ der Fall:

Der Mann den ich mir einbilde
wohnt in einem Landhaus das er sich einbildet
umgeben von Bäumen die er sich einbildet
am Ufer eines Flusses den er sich einbildet
[…]

usw. bis hin zum Schluss:

Und in Mondnächten die er sich einbildet
träumt er von der Frau die er sich einbildet
die ihm ihre Liebe gab die er sich einbildet
er spürt wieder denselben Schmerz
dasselbe Vergnügen das er sich einbildet
und es begann wieder zu schlagen
das Herz des Mannes den ich mir einbilde

Zwischen den Ideologien

Ich echten, nicht eingebildeten Leben durchlebte Parra bewegte Zeiten. Er schaffte es, die chilenische Diktatur der 1970er unbeschadet zu überstehen, ohne sich bei den Machthabern anzubiedern. Aber er war weder davor noch danach blauäugig genug, um die Verheißungen des Marxismus für bare Münze zu nehmen. Seine Fazit der politischen Ideologien hat in vier Zeilen Platz:

Kapitalismus:
Vergiftung des Menschen durch den Menschen
Bürokratischer Sozialismus:
Genau das Gegenteil

„Ökogedichte“ aus den 1980er

In den frühen 80er-Jahren legte Parra einen Band mit „Ökogedichten“ vor. Selbst in seiner Sorge um den Zustand der Welt blieb der Dichter frei von Sentiment. Einer dieser Verse war 1998 der ersten Ausgabe der „schreibkraft“, dem Heft „weltenende“, als Motto vorangestellt. Das kurze Gedicht hat nichts von seiner Aktualität und sarkastischen Schärfe verloren:

Gute Nachrichten:
Die Erde erholt sich
in 1 000 000 Jahren
Was verschwindet
sind wir

1986 erschien eine Auswahl von Parras Gedichten unter dem Titel „Und Chile ist eine Wüste. Poesie und Antipoesie“ als Fischer-Taschenbuch. Es versammelte 85 Gedichte des Meisters, ins Deutsche übersetzt unter anderem von Nicolas Born und Hans-Magnus Enzensberger. Das Buch scheint sich nicht rasend gut verkauft zu haben, denn schon 1988 rettete ich ein Exemplar aus einer Ramschkiste. Parras Gedichte öffneten mir – feierlicher Trottel, der ich damals war – die Augen. Seit 30 Jahren lese ich wieder und wieder in diesem Band, der schon in alle Einzelteile zerfällt, und bin immer wieder angetan von der Frische, dem Humor und der Zeitlosigkeit der meisten Texte, von denen nur ganz wenige Patina angesetzt haben.

Der schwierige Alte

2016 unternahm der kleiner Berliner Verlag PalmArtPress den ehrenwerten Versuch, die Aufmerksamkeit wieder auf den großen chilenischen Dichter zu lenken. Im Band „Parra Poesie“ legt der deutsche Physiker Ingolf Brökel vier ausgewählte Gedichte (darunter die „Achterbahn“ und „El hombre imaginaro“) und eine Reihe epigrammatischer „Artefactos“ aus dem Parra’schen Kosmos in eigener Übersetzung vor. Ergänzt wird der schmale Band von Schwarzweiß-Fotografien von Ulrike Ertel und einem Nachwort des Romanisten und Parra-Experten Nils Bernstein. „Parra Poesie“ eignet sich gut, die kleine Zehe in den großen See der inspirierenden Dichtung des Chilenen zu stecken. Noch schöner wäre freilich die Wiederveröffentlichung einer umfassenderen Textauswahl. Und wenn geht, bitte auch mit meinem absoluten Lieblingsgedicht. Es heißt „Der schwierige Alte“ und ist ein Musterbeispiel für den lakonischen Ton, der viele Texte von Parra charakterisiert:

Dieser Alte war ein schwieriger Fall
Einmal hat ihn jemand überrascht
Wie er sein Radio
Mit Schwamm und Seife wusch
Er nagelte Tomaten auf den Tisch
Und erfand die Butterdose aus Samt
Er stand früh auf und sagte
Ich langweile mich. Was kann ich tun.

Bücher:

  • Nicanor Parra: Und Chile ist eine Wüste. Poesie und Antipoesie. Hg. von Peter Schultze-Kraft. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main 1986
  • Nicanor Parra: Parra Poesie. Ausgewählt und übersetzt von Ingolf Brökel. PalmArtPress: Berlin 2016

Der Beitrag erscheint in Heft 34 des Feuilletonmagazins schreibkraft in der Rubrik „vergilbt, but not forgotten“.