Der schönste Ort der Welt. Eine Begegnung in Siebenbürgen

„Sibiu ist für mich der schönste Ort der Welt – neben Hollywood und San Francisco!“ Tomaş muss es wissen, hat er sich doch uns gerade in bestem Amerikanisch als Ex-CIA-Agent, Ex-Drogenbaron und Ex-Millionär vorgestellt. Es ist Ende Mai, wir sitzen bei sommerlichen Temperaturen in einem Gastgarten in der belebten Fußgängerzone von Sibiu (Hermannstadt), und ich hatte mich schon die längste Zeit gefragt, was das wohl für ein Mensch sein mag, der sich da an unseren Tisch gesetzt hatte. Rein äußerlich wirkte er wie ein Darsteller aus „Einer flog übers Kuckucksnest“: Kräftige Statur, Stoppelglatze, abstehende Ohren, über der Stirn eine deutlich erkennbare Narbe. Immer wieder schnupperte er an einem Stück Seife, das sich in der Brusttasche seines ausgewaschenen Hemdes befand. Und obwohl er so aussah, als könne er die eigene Miete kaum bezahlen, drückte er jedem, der vorbeikam und ihm etwas andrehen wollte, einen grünen Schein in die Hand, 10.000 Lei, umgerechnet 30 Eurocent, das reicht in Rumänien für ein Bier. Zuerst war es eine Gruppe Zigeuner, die ihn anbettelte, dann ein Roma-Mädchen mit Pfingstrosen, schließlich ein rumänischer Junge mit postkartengroßen Hinterglasbildern. Tomaş muss unser Staunen ob seiner Freigiebigkeit bemerkt haben, denn er, der bis dahin wortlos an unserem Tisch gesessen war, erklärte grinsend: „Ich brauche das Bild gar nicht, ich wollte nur dem Jungen Geld geben. Es ist besser, als wenn er stiehlt!“ Und beim Lachen entblößte er offenherzig seine lückenhaften Zahnreihen. Dann erzählte er uns, er wäre an einer amerikanischen Militärakademie ausgebildet worden und hätte im Jugoslawienkrieg als Berater der Amerikaner fungiert. Er sei unantastbar gewesen und hätte mit Drogengeschäften Millionen Dollar verdient. Doch dann habe sich das Blatt gewendet, sein Mentor bei der CIA sei ermordet worden, und er hätte zusehen müssen, wie er mit heiler Haut davon kam. Eine Anklage wegen Mordes und 18 Monate in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher – „mit 50 anderen Verrückten!“ – hätten seinen Ruin bedeutet. Alles dahin: der Status, die Millionen, die Frauen. Doch es wären bessere Zeiten in Sicht: „Ich bin nahe daran, das Perpetuum mobile fertig zu stellen, an dem schon mein Vater gearbeitet hat. Es funktioniert mit Magneten und wird die Energiegewinnung der Erde revolutionieren. Dann bin ich wieder ein reicher Mann, ich werde mir die Zähne richten lassen und mir eine Frau wie deine suchen,“ sagte Tomaş und grinste meine Liebste an. Das war zweifellos als Kompliment gemeint, aber wäre Ihnen bei all den irren Geschichten ganz wohl dabei? Mir war es das nicht, auch wenn das Irrste an diesem Typen vielleicht sein sprühender Geist und seine herzliche Offenheit war.

Hochfliegende Träume
Warum ich das erzähle? – Weil Tomaş auf eine gewisse Weise Rumänien verkörpert: Eine turbulente Vergangenheit, eine leidige Gegenwart und hochfliegende Träume für die Zukunft. Kein Wunder, dass wir ihn in Sibiu kennen gelernt haben. Die an den Ausläufern der Südkarpaten liegende Stadt mit ihren 170.000 Einwohnern (Rumänen, Ungarn, Deutsche, Roma) bildet beinahe den geografischen Mittelpunkt Rumäniens. Vom Glockenturm der frisch restaurierten, denkmalgeschützten Hermannstädter Altstadt aus kann man im Süden den mit 2.540 Metern höchsten Berg Rumäniens, den Moldoveanu, sehen. Auf der anderen Seite, Richtung Nordwesten, erstreckt sich das leicht hügelige Karpartenbecken von Siebenbürgen. Sibiu ist der perfekte Ausgangspunkt für Tagestouren zu weiteren der historischen Städte Siebenbürgens, etwa Braşov (Kronstadt) mit seiner ab 1385 errichteten „schwarzen Kirche“, der größten evangelischen Kathedrale in Südosteuropa. Oder Sighişoara (Schässburg), dem „siebenbürgischen Nürnberg“, Heimatstadt des Raketenpioniers Hermann Oberth, dem die NASA viel verdankt; Schässburg ist aber auch als Wohnort der Eltern des Grafen Ţepeş vom Drachenorden, besser bekannt als Graf Dracula, der hier im 15. Jahrhundert geboren sein soll.

Auf Zeitreise
Eine Fahrt durch Siebenbürgen ist eine Zeitreise. Die weitläufige Gegend erinnert an die nichtalpinen Landstriche Österreichs. Doch auf den Straßen sieht man mehr Fuhrwerke und Fahrräder als Autos. Und die Felder werden mit Pferden bestellt oder mit Gerätschaften, die man bei uns nur mehr aus dem Heimatmuseum kennt. In den Dörfern ist lediglich die Hauptstraße asphaltiert, der Rest der Straßen höchstens geschottert. Und während bei uns die Flächen links und rechts der Dorfstraße vor allem als Parkplätze genutzt werden, sieht man in Rumänien vor den Häusern tatsächlich noch spielende Kinder und Leute, die am Abend eines langen Tages auf Bänken sitzen. Wenn man stehen bleibt, kann man in einer fantastischen Ruhe Kinderstimmen hören, entferntes Hundegebell, krähende Hähne, schnatternde Gänse, aber kaum Autolärm, keine Fernsehgeräusche, kein Handyklingeln. Freilich: In den Wirtschaftszahlen des Landes schlägt sich diese Idylle katastrophal zu Buche. Deshalb weckt eine Fahrt durch Siebenbürgen zweischneidige Empfindungen: Zum einen erkennt man unschwer die Armut der Menschen, für die schon eine Packung Kaffee oft einen kaum erschwinglichen Luxus darstellt. Zum anderen trifft man viele Leute, die offen auf einen zugehen, und man macht in der persönlichen Begegnung unweigerlich die Erfahrung, dass die in Rumänien lebenden Menschen, die bei uns einen denkbar schlechten Ruf weg haben, zu den freundlichsten Europäern gehören, die man nur treffen kann.

Hollywood und San Francisco sind bestimmt traumhaft. Aber auch der unglaubliche Tomaş hat Recht: Sibiu gehört zu den schönsten Orten der Welt. Hoffentlich klappt die Sache mit seinem Perpetuum mobile eines Tages!

Werner Schandor