Der Strafzettel

Am elegantesten macht es Ines. Sie geht auf ihr Auto zu, lässt mit dem Funkschlüssel die Blinker aufleuchten und pflückt im Vorbeigehen den Strafzettel von der Windschutzscheibe, als würde das zum Einsteigen dazugehören wie das Aufsperren des Autos. „Hast du die Zeit übersehen?“, frage ich. „Nein“, meint sie, „ich hatte kein Kleingeld für den Parkschein.“ – „Ah so.“

Nur wenige Verkehrsteilnehmer nehmen den Eingriff in ihre Autoprivatsphäre derart gelassen hin wie Ines – schließlich ist es nicht leicht zu verdauen, wenn man sich beim Parken 60 Cent sparen will, aber am Ende 21,80 Euro zahlen muss. Es gibt Leute, die fluchen, ärgern sich und beschimpfen jeden, der sich in ihre Nähe wagt, wenn sie einen Strafzettel hinter dem Scheibenwischer ihres Autos entdecken. Dabei handelt es sich um ein in Graz alltägliches Phänomen. Im Schnitt wird in den ausgedehnten Kurzparkzonen der Stadt jede Minute – genauer gesagt jede Minute werktags von 9 bis 19 Uhr und samstags zwischen 9 und 13 Uhr – einem Autobesitzer eine „Organverfügung“ wegen „Abgabenhinterziehung“ ausgestellt. Die Hinterziehung bezieht sich auf die nicht erbrachten Parkgebühren. Unglaubliche 168.000 mal ist das allein im Jahr 2005 passiert.

Foto: Heinz Pachernegg für VIA

„Ich war nur kurz beim Arzt, und musste länger warten und konnte nicht weg!“ oder: „Ich habe außerhalb der blauen Markierung geparkt, ich dachte da brauch’ ich keinen Parkschein.“ – So lauten die häufigsten Interventionen, die beim zuständigen Referat für Parkraumbewirtschaftung der Stadt Graz vorgebracht werden. „Viele Leute sagen auch, sie hätten eine Ladetätigkeit durchgeführt, dabei haben sie nur einen Schuhkarton irgendwo hingetragen und dafür eine halbe Stunde gebraucht“, heißt es aus dem Amt. Ergo: Die meisten Interventionen verlaufen erfolglos. Auch Ärgern bringt gar nichts. Daher unser Tipp: Machen Sie es wie Ines.

erschienen in: VIA, Airportjournal Graz, Heft 5/2006

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