Der Tourismus sucht den Supersteirer

„Willkommen – Hartberg, Stadt der Sinne“ prangt auf dem Folder, der dieser Tage bei allen eintrudelte, deren Adressen beim Tourismusverband der oststeirischen Kleinstadt hinterlegt sind. Das Bild am Folder zeigt im Hintergrund den Kirchturm von Hartberg in morgendlich sich auflösenden Nebelschwaden, im Vordergrund die in der milden Morgensonne leuchtenden Weinzeilen am Ringkogel. – So viel Idylle auf so ein bisschen Foto ist schon eine Kunst, doch wenn man die postkartengroße Werbebroschüre auffaltet, wird noch ein Schäuferl draufgelegt: Da sieht man auf einem Bild lederbehoste Jungsteirer in der Fußgängerzone schuhplatteln, auf einem anderen Foto sitzt eine dreiköpfige Familie in der Buschenschank am Holztisch, neben ihnen spielen steirische Musikanten mit Kontrabass, Ziehharmonika und Gitarre auf. – In Hartberg?, frage ich mich, der ich solche Szenen mit Lederhose und Gamsbarthut zwar fürs Ausseerland verbürgen kann, aber in meiner gesamten oststeirischen Kindheit und Jugend bis Ende der 1980er-Jahre nie gesichtet habe. Weder bei Festen noch bei Kirtagen – und schon gar nicht in einer Fußgängerzone.

Erst in den letzten zehn Jahren besinnt sich das Steirervolk vom Dachstein bis zum äußersten Murzipfel von Bad Radkersburg auf eine Tradition, die es in dieser Form oft gar nicht gekannt hat. Und so wimmelte es das letzte Mal, als ich in Hartberg war – es war Anfang Oktober 2012 – am Hauptplatz und in der Fußgängerzone vor Leuten in Designerdirndln und Fantasietrachten. Da gab es eine blondierte Kellnerin, die ihre halbtransparente Kellnerinnenbluse mit einer arschknappen Lederhose und roten Socken in Bergschuhen kombinierte; und es gab den braungebrannten Beau, der sich mit einem Pastelljopperl und einem farbenfrohen Knitterschal um den Hals als Salonsteirer verkleidet hatte. Man feierte irgendetwas Oktoberfestartiges, wo sich trefflich Alkoholkonsum mit volkstümlicher Erschlagermusik und neuer Bodenständigkeit kombinieren lässt. Der Landhausstil als Geisteshaltung lockt neuerdings die Massen an. Und er soll offensichtlich auch im Tourismus ein Gefühl von Heimeligkeit hervorrufen, das im realen Leben schon längst verloren ist. Kein Wunder: Selbst die niedlicheren unter den steirischen Bezirksstädten müssen, um auf Bildern idyllisch zu wirken, die ausgebrannten Leerstandshallen der Vorort-Shoppingcenter der ersten Generation ausblenden – nebst der brutalen Zersiedlung, von der die ost-, süd- und weststeirischen Hügelrücken betroffen sind.

Stadteinfahrt Hartberg

Am Bild: Stadteinfahrt Hartberg, von der Autobahn kommend.

Lieber inszenieren sich die Bezirksstädte und ihre Umlandgemeinden als Hort der Traditionen und als Wellnessidyll. Die ehemalige Industriestadt Köflach mit ihren Abraumhalden in der Umgebung etwa glaubt, es stecke in Wahrheit ein Kurort in ihr. Und auch im Hartberg-Prospekt werden die sinnlichen Qualitäten der Stadt beschworen: „schaut guat aus!“, „fühlt si‘ guat an!“, „klingt guat!“, „schmeckt guat!“, „riacht guat!“ heißt es dort zu den Bildern. Diese Ausrufe würden einen ganz eigentümlichen Beigeschmack bekommen, wenn man sich dazu vorstellt, man stünde an einem Samstagvormittag auf einer der Kreisverkehrsinseln der B54 Wechsel-Bundesstraße, die durch den Ort führt: ringsum nur Autolärm, Abgase, Blechsalat und Feinstaub in weit überhöhten Ausmaßen. Schaut nach Blechsalat aus aus, fühlt sich stressig an, ist nur Lärm, verdirbt einem den Appetit und riecht nach chronischem Lungenpatschen. Aber diese Assoziationen sind freilich nicht tourismustauglich. Denn die Tourismuswerbung 2013 sucht den Supersteirer. Selbst dort, wo er in der Form – Gamsbart, Ausseer Krachlederne, Schuhplattler – nie daheim war. Was die Touristiker, scheint es, nicht wissen: Den Supersteirer gibt es schon. Er schreibt sich Superstajra und ist eine slowenische Hopfensorte, die seit 1971 in der Gegend von Celje angebaut wird.