Die Brettljause

Die Leute am Land sind viel netter als in der Stadt. Wenn man in Graz jemanden anredet, wird man meist für einen Trickbetrüger gehalten, der es auf das Geldtaschl abgesehen hat, und man wird bestenfalls ignoriert. Das ist zu 100 % empirisch belegt. Und auch dass die Leute am Land weniger misstrauisch sind und oft sogar mit einer mehr oder minder geistreichen Volte antworten, wenn man sie anredet, können Sie bei jedem Ausflug ins Umland feststellen, das lässt sich als Experiment bei jeder x-beliebigen Brettljause bei jedem x-beliebigen Buschenschank wiederholen. Wo auch immer am Land Sie sich mit Ihrer Jause niederlassen, Sie werden freundliche, offene Menschen erleben. Aber versuchen Sie einmal im Gegenzug, eine Brettljause in der Herrengasse zu sich zu nehmen! Ganz abgesehen davon, dass Sie kaum ein Plätzchen finden werden, wo Sie Ihren Picknickkorb ungestört abstellen können, werden Sie innerhalb von fünf Minuten drei Schnorrer, die Ordnungswache und zwei rechtschaffene Vertreter von innerstädtischen Handelsbetrieben am Hals haben, die sich allesamt für Herz, Hirn und Zier dieser Stadt halten. „Brettljausnen behördlich verboten“, wird es heißen, und das läuft dann unter der Rubrik verordnete Zivilcourage. „Wo kämen wir hin, wenn jeder in der Herrengasse seine Jause auspackt?! Und was glauben Sie, warum hier so wenig Bänke und absolut keine Jausentische aufgestellt sind?!“ – Aber ich schweife ins Fiktionale ab. In Wahrheit will eh keiner seine Brettljause in der Innenstadt verzehren, wo sie doch am Land viel besser schmeckt.

Zum Glück fängt das Land direkt in Graz an. Nehmen Sie nur die Schweinbergstraße, nehmen Sie das Schaftal, nehmen Sie das Lustbühel oder das Rastbühel, nehmen Sie den Lineckberg, nehmen Sie den Mühlberg, den Gaisberg, den Kollerberg, den Ölberg, den Höhenberg oder den Pfangberg – so viel Berge hat Graz! Nehmen Sie die Untere Schirmleiten, nehmen Sie den Hauenstein, nehmen Sie den Reinerkogel, nehmen Sie den Buchkogel, nehmen Sie den Frauenkogel oder nehmen Sie einfach den Weinhang bei Schloss St. Martin in Webling, und Sie werden herrliche Plätze für Ihre Grazer Brettljause finden. Da müssen Sie weder bis zum Milchgraben in Hart fahren noch auf den Madersberg nach Unterbichl, weder auf die Leber bei Stattegg noch auf den Fuß der Leber (eine anatomische Besonderheit) ebendort; und nach Seiersberg fahren Sie bitte als loyaler Grazer und loyale Grazerin sowieso nicht, oder? Wo wollten Sie dort auch Ihre Brettljause essen?

Vor einiger Zeit war eine Bekannte auf Neapel zu Besuch. Sie hatte einen Vortrag an der Uni Wien gehalten und am Rückweg nach Bella Italia Zwischenstation in unserer schönen Stadt gemacht. Es war Sonntag, es war Abend, und ich wollte sie in das pulsierende Grazer Nachtleben entführen. Ja, Schmarrn! Natürlich war die Innenstadt wie ausgestorben. Am Sonntagabend ist das Pulver in Graz verschossen, die urbane Energie verpufft; nicht mal die Puffs haben an diesem Tag Konjunktur. Und nun erklären Sie mal Ihrem Gast aus Neapel – dieser lauten, lebendigen, dreckigen, wurligen Millionenstadt – dass das, was sich sonntagabends im aufgeräumten, abgeschleckten Graz (nicht) abspielt, ebenfalls unter der Bezeichnung „Stadt“ läuft. Da können Sie genau so gut Ihre Brettljause auf den Stiegen vom Erzherzog-Johann-Denkmal ausbreiten und den Schilcher entkorken, da wird Sie keiner beim Jausnen stören, solange der Schilcher alkoholfrei ist.

Am Sonntagabend ist tote Hose, aber dafür sind die Leute in Graz sagenhaft nett, wie eine Bekannte aus Frankfurt/Main meinte, die ein paar Wochen hier verbrachte. Kein Wunder, ist Graz doch zu 80 Prozent eine Landgemeinde. Als Stadt hat sie nur zu bestimmten Zeiten und in eng gesetzten Grenzen geöffnet. Und dann herrscht Brettljausenverbot.

Werner Schandor

erschienen am 18. April 2010 in der Grazer Wochenzeitung „G7“

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