Die Kugel der Kugeln

Die Mozartkugel trägt mit ihren Hauptbestandteilen Schokolade, Nougat und Marzipan nur bedingt zur gesunden Ernährung bei. Dafür hilft sie Österreichern bei Auslandsbesuchen sowie Touristen nach Österreichaufenthalten regelmäßig aus der Patsche, und zwar in ihrer Funktion als beliebtes rot-weiß-rotes Souvenir. Der Erfolg des Konfekts, das 1890 unter dem Namen „Mozartbonbon“ vom Salzburger Konditor Paul Fürst kreiert wurde, hat mehrere Konfiserien zu eigenen Kreationen angeregt. Die Frage ist also, welche Mozartkugel den Gaumen am meisten erfreut. Werner Schandor ist ihr nachgegangen.

Jährlich werden in Österreich insgesamt rund 250 Millionen Mozartkugeln produziert, fast ein Dutzend verschiedene Mozartkugel-Sorten sind im Umlauf. Alle Sorten unterscheiden sich sowohl in der Aufmachung als auch im Geschmack voneinander. Vier unerschrockene Süßmäuler haben sich einen Abend lang durch das Angebot gekostet, um herauszufinden, welcher die goldene Kugel gebührt. Bei der Verkostung wurden folgende Kriterien berücksichtigt: Verpackung (Eignung als Mitbringsel), Handling (Lösbarkeit des Stanniolpapiers von der Kugel), Form der nackten Kugel, der Aufbau im Inneren und – natürlich am wichtigsten – der Geschmack. Zur Bewertung wurden schließlich jeweils 0 bis 4 Kugeln vergeben und der Durchschnitt daraus ermittelt.

Die Enttäuschung

Der Name Hofbauer bürgt für Qualität, nur in Sachen Mozartkugeln kann der Groß-Confiserieerzeuger aus der Lindt & Sprüngli-Gruppe mit der Konkurrenz leider nicht mithalten. Die Verpackung ist sehr ansprechend und steht in zwei Varianten zur Verfügung. Die rote Verpackung beherbergt Mozartkugeln, die mit Zartbitterschokolade überzogen sind, die blaue mit (muss das sein?!) Milchschokolade. Die Kugel selbst hat eher die Form einer Mini-Schwedenbombe. Was aber schwerer wiegt, ist der winzige Nougatkern im Inneren und der tiefe Griff in den Marzipanbottich rundherum. Die Hofbauer-Kugel wird geschmacklich vom Marzipan vereinnahmt, mundet fast etwas mehlig, ist scharf im Abgang und konnte keinen der vier Tester überzeugen. Fazit: „Das schmeckt nicht nach Mozartkugel!“
Bewertung: 1 angebissene Kugel

Die besoffene Geschichte

Es gibt neben der gemeinsamen Sprache etliche Dinge, die Deutsche und Österreicher voneinander trennen. Dazu gehört vermutlich auch die Vorstellung davon, wie Süßigkeiten im Allgemeinen und Mozartkugeln im Speziellen schmecken sollten. Die „echte Reber-Mozartkugel“ aus Bad Reichenhall ist die meistverkaufte Mozartkugel in Deutschland. Auf dem Einwickelpapier steht provokativ in Richtung österreichisches Nationalheiligtum: „Mozart war Europäer“, auch die Form ist etwas verunglückt (siehe Mini-Schwedenbombe). Unter der Schokoladenschicht wird ein recht großer Nougatkern von einer Hälfte hellem und einer Hälfte grünem Marzipan eingefasst. So weit, so gut. Die große Überraschung erlebt man aber, wenn man hineinbeißt, denn irgendjemand ist bei Reber auf die Idee gekommen, die Mozartkugel mit (Mandel?-)Likör zu verfeinern, dessen Geschmack sich im Mund bitter ausbreitet. Gewöhnungsbedürftig. Fazit: „Ohne Alkohol wär’s besser!“
Bewertung: 1 ausgepackte Kugel

Das Grazer Kuckucksei

So wie Mozart frei von der Leber(-wurst) weg von der Lebensmittelindustrie vereinnahmt wird, versucht nun die Performance-Künstlerin Irene Andessner Terrain zurück zu gewinnen: Sie brachte im Jänner 2006 im Rahmen eines Kunstprojekts der „Werkstadt Graz“ eine „Mozart(?)Kugel“ auf den Markt, die händisch gefertigt ist. Auf der edlen Staniolhülle ist allerdings nicht Mozarts Konterfei zu sehen, sondern das von Irene Andessner in Mozart-Pose. Die Kugel selbst ist so groß wie ein Golfball, riecht nach Kochschokolade und beherbergt einen kleinen Marzipankern, der von einer Nougatmasse umhüllt wird, in der kleine Pistazienstückchen stecken. Geschmacklich dominiert die Haselnuss, in der Konsistenz das Überüppige. Fazit: „Die fällt aus dem Rahmen.“
Bewertung: 1 ½ Kugeln

Mittlere Mozartkugelkompetenz

Die Manner AG hat zweifellos große Schnittenkompetenz, ihre mit dem Hause Victor Schmidt zugekaufte Mozartkugelkompetenz ist allerdings eher dürftig. Das Äußere der „Austria Mozartkugel“ ist nicht souvenirtauglich: Die Kugeln sind so schlecht eingewickelt, dass Mozart auf den verwuzelten Bildern schielt und wie ein Schwachkopf aussieht. Auch die Gestalt der Kugeln, die sich in den 20-Stück-Verkaufssäckchen durch ihr Eigengewicht deformieren, tendiert ins Eierhafte. Im Querschnitt fällt dann auf, dass der zweifärbige Marzipanmantel um den Nougatkern von zwei dünnen Schichten Schokolade umgeben ist: Einer dunklen außen und einer hellen innen. Das ist schön anzusehen und schmeckt auch recht brauchbar, vor allem nach Haselnuss, Marzipan und wieder Marzipan. Fazit: „Siehe Lidl“.
Bewertung: 1 ½ Kugeln

Die fast Echte

Die Firma „Rajsigl“ im Salzburgerland firmiert als Erzeugerin der „Salzburger Mozartkugel“, die bei Hofer erhältlich ist. Dahinter verbirgt sich – Überraschung! – die Firma Mirabell, die Mutter aller österreichischen Mozartkugeln. Die Hofer-Kugeln sind schlicht verpackt und von der Form her so rund, dass sie sich auch als Ersatzball beim Tischfußball eignen würden. Der Mozart auf dem Kugelbild ist ziemlich hässlich, es dürfte sich also um ein authentisches Abbild handeln. Im Querschnitt enthüllt sich ein Nougatkern, der von Marzipan und dunkler Schokolade der billigeren Art eingefasst wird. Auch geschmacklich dominiert das Nougat, umspielt von einem Geschmack wie nach Lebkuchengewürz. Sehr süß, sehr zuckrig und etwas scharf im Nachgeschmack. Fazit: „Ganz OK, aber nichts Besonderes!“
Bewertung: 2 Kugeln, davon 1 ausgewickelt

Die Lidl-Undercoverkugel

Die bei Lidl erhältliche „Mozart-Kugel“ ist die einzige, die auf ein Bild von Mozart auf dem Staniolpapier verzichtet. Auf den ersten Blick macht sie einen entsetzlichen Eindruck („grauslich zertatschgert!“), vom Geruch her erinnert sie an eingeschmolzene Schoko-Osterhasen, die in Marzipan getunkt wurden, und aufgeschnitten kann sie nicht mehr verhehlen, dass sie aus der gleichen Fabrik stammt wie die „Austria Mozartkugel“: Da wie dort findet sich helleres und dunkleres Marzipan als Mantel um den Nougatkern, da wie dort wurden zwei dünne Schokoschichten drumherum gegossen, nur dass der Nougatkern in der Lidl-Variante dunkler ausfällt als in der Austria-Variante. Freunde des Marzipans kommen bei der Lidl-Kugel voll auf ihren Geschmack. Die Tester waren sich einig, dass die Lidl-Kugel der Austria-Kugel am Gaumen um eine Spur überlegen ist. „Unausgewogen, aber gut“, meinte ein Tester. „So könnte die Reber-Kugel schmecken, wenn sie nicht in Alkohol ertränkt wäre“, ein anderer.
Bewertung: 2 Kugeln

Die sogenannte Echte

Wenn es um die Eignung als Souvenir geht, dann ist die „Die echte Salzburger Mozartkugel“ von Mirabell kaum zu schlagen. Sie ist ansprechend eingewickelt, in vielen verschiedenen, hübschen Verpackungsvarianten erhältlich und praktisch überall zu kaufen. An der Kugelform wurde offenbar jahrelang getüftelt – sie kann als perfekt gelten; und auch das Innenleben enthüllt, dass man einen besonderen Anspruch zu verwirklichen trachtet: Im Innersten wird die Mirabell-Kugel nicht von einem Nougat-, sondern, wie sich’s gehört, von einem Marzipankern zusammengehalten. Dieser Kern wird von einer Schicht dunklem Nougat und einer Schicht hellem Nougat umhüllt, und das Ganze ist mit dunkler Schokolade versiegelt, die wohlwollende Kindheitserinnerungen an Schoko-Adventskalender und Christbaum-Süßigkeiten weckt. Der Geschmack der Mirabell-Kugel wird deutlich, aber nicht ungut, von der Haselnuss dominiert. Insgesamt empfiehlt sich diese Mozartkugel allen, die an akutem Zuckernotstand leiden, denn sie ist sehr, sehr süß.
Bewertung: 3 Kugeln, davon 1 angebissen.

Die Mozartplombe

Nicht nur, dass Mozartkugeln nichts mit Mozart zu tun haben; manche von ihnen haben auch mit der Kugel nichts zu tun. Im vorliegenden Fall ist das unerheblich, denn diese „Mozartkugel“ aus dem Hause Walter Heindl überzeugt durch ihren Geschmack und dezidiert nicht durch ihre Form, die an einen Heizkörper-Thermostatknopf in Miniaturausführung erinnert. Auch der Mozart auf der Verpackung ähnelt eher dem französischen Schauspieler Daniel Auteuil denn dem österreichischen Komponisten. Die Schokoplombe, mit der eine weiche Schicht Nougat und eine weiche Schicht Pistazien-Marzipan versiegelt ist, bricht beim Reinbeißen regelrecht auf, aber auch das sieht man der Heindl-Praline nach: Sie ist die saftigste von allen und weckt ein ausgewogenes Marzipan-Nuss-Schokoempfinden im Mund, das entfernt an Marzipan-Dominosteine erinnert. Kurz: Sie schmeckt köstlich! Originell ist dafür die Angabe der Zutaten auf der Verpackung. Dort steht nämlich nach der Aufzählung „Zucker, Kakaomasse, Mandeln, Haselnüsse“ etc. noch im Nachsatz: Kann Spuren von Nüssen enthalten. – Na hoffen wir’s.
Bewertung: 3 abgeflachte Kugeln

Die Eine und Einzige

In einem Punkt bringt dieser Test nichts Neues, nämlich im Ergebnis, dass in vergleichbaren Versuchsanordnungen die „Original Mozartkugel“ der Konditorei Fürst in Salzburg die Konkurrenz stets hinter sich lässt. Dies ist das Vorbild aller anderen Mozartkugeln, und wenn man die Fürst’sche Kugel einmal gekostet hat, dann weiß man endlich, warum die Mozartkugel an sich überhaupt so beliebt werden konnte, wie sie ist. Die nach einem Originalrezept des Urgroßvaters nach wie vor handgefertigte Delikatesse zeichnet sich durch eine sehr dünne, cremige Bitterschokoladenschicht aus, unter der eine leichte, schokoladige Nougatschicht liegt, die wiederum einen Pistazienkern birgt. Alles ist von edelster Qualität: Die Schokolade schmeckt nicht nach Kochen, sondern nach Kakao, und sie kleidet den Mundraum samtig aus, auf dass sich die Aromen von Nougat und Marzipan dort leidenschaftlich vereinigen können. Das Zartbittere und das Süße halten sich harmonisch die Waage, mit nur einem Biss wird man in eine schönere Welt versetzt. „Das ist das wahre Leben! Reife! Erfahrung!“, rief einer der Tester spontan aus und verbeugte sich vor dem Erfinder dieser Köstlichkeit. Fazit: Besser geht’s nicht.
Bewertung: 5 von 4 möglichen Kugeln.

Zerteilte Mozartkugeln

Resümee: Es wird nie mehr so sein wie vor dem Test

Nehmen Sie davon Abstand, diesen Test zuhause nachzumachen! Nach 3 Mozartkugeln beginnt der Magen seltsam zu reagieren, nach 4 Kugeln ist Ihnen garantiert schlecht. Ungefähr bei dieser Dosis führt auch der gefährlich überhöhte Blutzuckerspiegel zu unkontrollierten Heiterkeitsanfällen. Interessanterweise verkehrte sich die Liebe zu Mozartkugeln bei den Testpersonen in ihr jeweiliges Gegenteil: „Vor dem Test haben mir alle Mozartkugeln geschmeckt. Jetzt wird es nie mehr so sein!“, meinte eine Testerin. Und: „Ich habe sie bis heute gemocht…“. Umgekehrt erging es jenen beiden Versuchspersonen, die als Mozartkugelskeptiker ins Rennen gingen: Sie wissen nun, welche Mozartkugeln tatsächlich Suchtfaktor in sich bergen.

Herzlichen Dank an die Testesser Bettina Absenger, Almut Schandor und Hannes Luxbacher!
Der Text erschien unter dem Titel „Eine runde Sache“ in der Tageszeitung „Der Standard“ vom 26./27. August 2006

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