Die Oststeiermark im Spiegel

Der Künstler Christian „Chri“ Strassegger hat im Verlag der Wiener Künstlergruppe monochrom seinen Fotoband „Eaststyrian Roadside Attractions“ mit Verkehrsspiegel-Bildern vorgelegt, die er in der Oststeiermark angefertigt hat. Andrea Sailer, Cordula Simon, Andrea Wolfmayr, Roland Gratzer und ich haben literarische Texte übers Unterwegssein in der Oststeiermark beigesteuert, die auch ins Englische übersetzt wurden. Ich hatte zudem die Ehre, einen kurzen Essay zu Strasseggers Bildern schreiben zu dürfen.

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Die Oststeiermark im Spiegel
Mit Umberto Eco vor Christian Strasseggers Spiegelbildern stehen.

„Der Spiegel ist ein Schwellenphänomen, das die Grenzen zwischen dem Imaginären und dem Symbolischen markiert“, schreibt Umberto Eco in seinem wissenschaftlichen Aufsatz „Über Spiegel“. Der Bestsellerautor Umberto Eco ist bekanntlich von Beruf Professor für Semiotik, er beschäftigt sich, laienhaft gesprochen, mit der Zeichenhaftigkeit der Dinge. Dasselbe tut auf künstlerische Weise Christian Strassegger in vielen seiner Arbeiten: Er hinterfragt die Bedeutung von Wörtern und Zeichen, etwa indem er das Copyright-Symbol mit einem Durchmesser von 18 Metern in die Wiese bei seinem Haus am Südwesthang des Kulm mähte. Oder indem er beispielsweise „Leben aus dem Koffer“ so abbildet, dass er Erde in einen alten Koffer füllt und Gras darin sät. Oder indem er sich – um ein drittes Beispiel zu nennen – bereits seit geraumer Zeit mit Spiegeln beschäftigt: einerseits in Installationen in seinem privaten Kunstpark am Kulm; andererseits in seiner fotografischen Arbeit, deren oststeirische Spiegelserie in diesem Buch vorliegt.

Im Essay „Über Spiegel“ geht Umberto Eco der Frage nach, ob das im Spiegel reflektierte Bild ein Zeichen im Sinn der Semiose darstellt oder nicht. Die Frage ist im alltäglichen Leben und für Nicht-Semiotiker eher bedeutungslos. Für die Betrachtung von Strasseggers Spiegel-Bildern der Oststeiermark sind aber einige der Aspekte, die Eco im Bezug auf den Spiegel festhält, hochinteressant – zum Beispiel die Feststellung, dass ein Kleinkind sich das Bild seines Körpers nach und nach durch die Spiegelbilderfahrung aneignet. „Zwischen dem sechsten und achten Monat begegnet das Kleinkind dem eigenen Spiegelbild“, schreibt Eco. „In der ersten Phase verwechselt es das Bild mit der Wirklichkeit, in einer zweiten wird ihm bewusst, daß es sich um ein Bild handelt, in einer dritter begreift es, daß es sein eigenes Bild vor sich hat. In dieser ‚jubilatorischen Annahme‘ des Bildes setzt das Kind die noch unvereinigten Teile des eigenen Körpers zusammen.“

Wenn man diesen Gedanken auf die Oststeiermark ummünzt, die geografisch nicht genau definiert ist, aber vermutlich irgendwo zwischen den Fischbacher Alpen im Norden und der Schleife der A2 Südautobahn im Süden liegt, sich im Westen von der Teichalm bis zur traditionellen Lafnitzgrenze im Osten erstreckt, also insgesamt in etwa die politischen Bezirke Weiz und Hartberg-Fürstenfeld umfasst, dann haben wir schon so einen Landschaftskörper vor uns, der, wie Christian Strassegger aufzeigt, eine außergewöhnlich hohe Dichte an Verkehrsspiegeln beherbergt.

Natürlich: Die Straßen sind im Auf und Ab der oststeirischen Hügel oft verwinkelt, und die Gehöfte und Häuser dank eines zersiedelungsfördernden Raumplanes höchst verstreut. Da braucht man an jeder Ausfahrt einen Verkehrsspiegel, könnte man meinen (noch dazu, wenn man weiß, dass die Oststeirer in ihrer motorisierten Form sich oft als echte Draufgänger gebärden.) Aber: Könnte es nicht auch sein, dass deshalb in jüngerer Vergangenheit dermaßen viele Verkehrsspiegel aufgestellt wurden, weil man hier ein Landschaftskind vor sich hat, das sich – analog zu Eco gesprochen – seines Landschaftskörpers erst bewusst werden muss? Das sich seine verschiedenen Körperteile erst zusammensuchen und zu einem großen Ganzen zusammenfügen muss?

Die Oststeiermark hat im Lauf ihrer Geschichte viele Brüche erfahren. Vom einstigen Grenzland, in dem die einzige Konstante die Verheerungen waren, die Rebellen, Osmanen, Kuruzzen, Deutsche (inkl. Ostmärker) und Sowjets im Lauf der Jahrhunderte hinterlassen haben, ist die Region ins Herz eines vereinigten Europa gerückt. Vom einstigen kleinbäuerlich dominierten Land hat sich die Wirtschaft verschoben hin zu einer agrar-industriellen Obstproduktion mit – dank Thermen- und Genussboom – stark touristischem Anstrich.

Kann es sein, dass eine Region im Wandel sich ihrer nicht sicher ist und sich deshalb so oft den Spiegel aufstellen muss? Genau das zeigen jedenfalls Christian Strasseggers Bilder: Die schrägen Zusammenhänge, unvermuteten Brüche in der Betrachtung, die man, wenn man den Spiegel ausschließlich vom Auto- oder Traktorlenkrad aus betrachtet, so gar nicht wahrnimmt. Erst indem man den Standpunkt der Betrachtung um eine Spur verrückt, so wie Strassegger es in seinen Bildern tut, zeigen sich die oft überraschenden Beziehungen, die sich zwischen Landschaft und Abbild der Landschaft ergeben. Der Verkehrsspiegel agiert dabei als Bild der Umgebung und Zeichen des Eingriffs durch den Menschen gleichermaßen.

Der Spiegel, schreibt Umberto Eco, ist eine Prothese. Er vergrößert den Aktionsradius des Auges. Und im Falle des verzerrenden Verkehrsspiegels schreibt Eco von einer Prothese mit halluzinatorischen Funktionen: „Wenn wir halluzinogene Substanzen einnehmen, nehmen wir weiterhin Formen, Farben, Töne und Gerüche wahr, aber in veränderter Weise“, stellt Eco fest. Wobei die Halluzination, was Landschaften von heute betrifft, für gewöhnlich darin besteht, sie postkartenmäßig als Idyll abzubilden. Auch davor sind Strasseggers Bilder gefeit. Sie zeigen nicht die putzigen, wildromantischen Seiten, die die Oststeiermark ebenfalls hat – die Feistritzklamm bei Schloss Herberstein etwa, die Geierwand am Stubenbergsee, weite Teile des Pöllauer Tals und und und. Vielmehr berichten sie von Feldern und Straßen, von vereinzelten Häusern, von Gstätten und Stromleitungen.

In manchen von Strassegger abgebildeten Spiegeln verdoppelt sich das Bild der Umgebung (das Spiegelbild einer Felswand im Spiegel vor einer Felswand; das Spiegelbild von Geäst im Bild eines Baumes), in anderen ergänzt es sich (Häuser im Spiegel, der vor einer ungemähten Böschung steht …) und immer wieder bringt der Spiegel den weiten, manchmal schon pannonischen Himmel ins Bild, der sich über die Oststeiermark spannt und wie ein Gegenentwurf zur traditionell kleinbäuerlichen oder kleinstädtischen Denkweise der Region wirkt. Kurz: Christian Strasseggers Verkehrsspiegelbilder bilden die Realität des Landstrichs auf vielfältige Weise ab, verschneiden sie als Zerrspiegelbilder mit den fotografischen Spiegelungen der oststeirischen Landschaft und wirken auf diese Weise – quasi paradox – nicht als verzerrende, sondern als entzerrende Abbilder des vom Künstler als Lebensraum sehr geschätzten Landstriches.

Werner Schandor

Erhältlich ist der 30 x 27 Seiten große, 196 Seiten starke literarische Fotoband „Eaststyrian Roadside Attractions“ von Christian Strassegger um 45 Euro im ausgewählten Buchhandel oder direkt beim Künstler (www.chri-strassegger.at)