Die patentierte Metapher

Es sind schon seltsame Zeiten: Auf der einen Seite wird im Internet kopiert und geklaut, was das Zeug hält, sodass sogar die Multimilliardäre der Musikindustrie fürchten, dass sie sich bald den Cuvée Belle Époque aus dem Hause Pernot Ricard für 50.000 Euro die Kiste nicht mehr leisten können. Auf der anderen Seite gibt es Saatgutkonzerne, die lassen sich dem Vernehmen nach die Gensequenzen althergebrachter Getreidesorten patentieren, als wären Weizen, Roggen und Co ihre Erfindungen. Irgendwo dazwischen ist die moderne Tourismuswerbung angesiedelt, die sich einerseits hemmungslos an der Dichtung bedient und andererseits kleinlich darauf bedacht ist, jede auch noch so schwache eigene Idee eifersüchtig vor Nachahmung zu schützen. – Klingt abstrakt? Dann richten wir unseren Blick gen Süden: In ein Land, das mit Bachmann, Handke, Jonke und Winkler nicht nur einige der größten österreichischen Dichter der Gegenwart hervorgebracht hat, sondern wo selbst der Alltag so von Poesie durchtränkt ist, dass schon mal „die Sonne vom Himmel fällt“, wenn ein Politiker bei einem Verkehrsunfall sein Leben lässt.

Kein Wunder, dass in diesem Umfeld Tourismus-Werbetexter den Zwang zur Originalität besonders hart verspüren. In Kärnten kann man nicht einfach nur – frei nach Kurt Tucholsky – mit der Seele baumeln. Nein, der Norden des antiken Illyriens ist dermaßen lyrisch veranlagt, da braucht es härtere Bandagen. Und so wird im Frühjahrsprospekt der Kärntner Tourismuswerbung gedichtet: „Wenn die Natur erwacht und die Sehnsucht nach See- und Bergberührungen® wächst, dann heißt es ‚Willkommen am Millstätter See‘!“ – Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nicht entgangen sein, dass der Passus „See- und Bergberührungen“ von einem R in einem Kreis geschmückt ist.  Als ich das las, stutzte ich. Kann das sein, dass ein Wirtschaftszweig, der Tucholsky- und andere Klassikerzitate nach Lust und Laune en gros vermantscht, sich tatsächlich einbildet, er müsse sich eine zwangsoriginelle Wortkreation markenrechtlich schützen lassen?

Und tatsächlich, ein Anruf bei der Millstatt Tourismus GmbH ergab: „See- und Bergberührungen®“ wird beim österreichischen Patentamt als eingetragene Marke geführt. – Was man sich denn da patentieren habe lasse, wollte ich wissen: eine Metapher? – Nein, unter „See- und Bergberührungen®“ werde ein Paket an Angeboten geführt. Welche Leistungen das im Detail umfasse, fiel der Dame am anderen Ende der Leitung ad hoc nicht ein.

Ein Blick auf die Homepage ergab dann: Man kann wandern („Bergberührungen®“) oder sich beispielsweise ein Boot inkl. Picknickkorb mieten und Booterl fahren („Seeberührungen®“). Und damit das Angebot nach ein bisserl mehr klingt, wird es auf der Homepage mit – natürlich! – Klassikerzitaten aufgepeppt, die man fast fehlerfrei wiedergibt. Zum Beispiel „Augenblick, verweile, du bist so schön!“ … Hm, man weiß ja, was mit Faust geschah, als er diese Worte auf den Lippen führte. – Mögen die „Seeberührten®“ davon verschont bleiben.

Werner Schandor

Artikel, erschienen am 25. Mai 2012 in der Wiener Zeitung

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