Überlebenstipps für Adventmuffel

Die schrillste Zeit des Jahres: Im Würgegriff des Weihnachtswahns

Nichts leichter, als sich über die falsche Gefühligkeit, den als Geschenksuche getarnten Kaufrausch und die hohlen Glückwunschrituale der Adventzeit zu mokieren. Und nichts überflüssiger, als sich über ein Klischee aufzuregen, dem alle nachhängen.

Apropos: Da hängen sie nun also schon seit Mitte November, die Glitzerlichter, die alle Besucher der Grazer Innenstadt in weihnachtliche Stimmung bringen sollen; auch die Hütteln für die Grazer Adventmärkte wurden früher als sonst in Stellung gebracht, die Glühweinöfen vorgewärmt, und wenn auch noch die Christbaumverkäufer ihre Kunstwälder errichten, hat der Weihnachtswahn die Stadt endgültig im Würgegriff. – Wie entkommen? Erfolg versprechen folgende drei Strategien:

Variante 1: Bewusste Realitätsverweigerung. Sie brauchen: eine dunkle Sonnenbrille, zwei Stöpsel im Ohr und exotische Musik auf Ihrem Mp3-Player. Zu empfehlen ist mindestens Dub-Reggae, noch besser aber irgendwas Vietnamesisches, das sich anhört, als hätte sich ein delirierender Zwölfton-Komponist mit rolligen Katzen verbündet. Mit diesem Sound im Ohr grooven Sie durch die überfüllten Straßen und betrachten die Szenerie um sich herum als eine besonders raffinierte 3D-Animation, die das Treiben auf einem seltsamen, fernen Planeten vorgaukelt. Das ziehen Sie durch bis zum 2. Jänner, und gut ist’s.

Variante 2: Mit den Wölfen heulen, nur lauter. Und zwar so: Zeigen Sie den anderen mal, wie sehr die Adventzeit nerven kann. Ab Mitte November verlassen Sie das Haus nur noch mit Nikolomütze, einem seligen Grinsen auf dem Gesicht und einer Großration Zimtsterne zum Verschenken. Allen, denen Sie begegnen, drücken Sie ein Zimtkeks in die Hand und wünschen Ihnen sehr salbungsvoll ein gesegnetes Fest und alles, alles Gute fürs Neue Jahr („Falls wir uns vorher nicht mehr sehen“) – und zwar jedes Mal, wenn Sie die Leute treffen. Auf diese Weise bieten Sie dem Weihnachtshorror keine Angriffsfläche. Im Gegenteil: Sie mutieren zur Weihnachtshorrorerscheinung für andere. Aber Ihnen kann das egal sein.

Variante 3: Dumm stellen. Was bei manchen Leuten im Job ganz gut funktioniert, bringt auch im Umgang mit Weihnachten garantiert Erfolg: Man tut so, als ginge einen das alles nichts an oder habe keine Ahnung, was die anderen von einem wollen. Versetzen Sie sich einfach in die Rolle des Ochsen in der Weihnachtskrippe. Staunen Sie Berge über die vielen Lichterln in der Stadt, die hektischen Leute und die vielen, vielen, vielen tollen Sachen, die man Ihnen – Jingle Bells hier, Stille Nacht da – zum Kauf anbietet. Flanieren Sie langsam, ganz langsam mit staunend offenem Mund durch die Straßen, und falls Sie verwundert angeschaut werden, rufen Sie mit entzückter Stimme ganz laut aus: „Was ist denn DA los?“ – Man wird Sie beneiden. Sie wissen ja: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“ (Ödön von Horvath).

Werner Schandor

Erschienen in der Grazer Stadtzeitung „G7“ am 5. 12. 2010