Digitale Verdachtsmomente

Das Medienkunstduo KairUs alias Linda Kronman und Andreas Zingerle beschäftigt sich auf Basis wissenschaftlicher Fakten künstlerisch mit Phänomenen und Auswirkungen der Digitalisierung.

In ihrer jüngsten Arbeit „Suspicious Behavior“ (2020) kann man sich interaktiv durch Videomaterial klicken, mit dem in den USA künstliche Intelligenzen (KIs) darauf trainiert werden, verdächtige Situationen automatisch zu erkennen. Sind unter der Gruppe Männer, die sich einem Bankomat nähert, potenzielle Räuber? Und was ist mit den Leuten, die auf einem Abstellplatz aus einem Auto steigen und zwanzig Meter weglaufen, ehe sie wieder stehenbleiben. Verdächtig: ja oder nein? Man hat 10 Sekunden Zeit, sich zu entscheiden.

Lehrmaterial für künstliche Intelligenz

Nachdem man sich durch die erste Runde von „Suspicious Behavior“ durchgeklickt hat, geht es weiter zum Videomaterial der University of Central Florida (UCF), die mehrere Videotrainingssets für maschinelles Lernen bereitstellt. Darunter fand das Künstlerduo auch 128 Stunden Videomaterial, das kriminelles Verhalten zeigt. Die Palette reicht von Missbrauch (Abuse) über Raubüberfall (Robbery) bis Kaufhausdiebstahl (Shoplifting). „In Amerika und China werden Algorithmen für künstliche Intelligenzen mit solchen fadenscheinigen Datensätzen gefüttert“, sagt Andreas Zingerle. „Die Urheber der Videos wissen oft gar nicht, dass ihre Filme zu Trainingszwecken verwendet werden. Wir haben einen kleinen Teil des UFC-Materials für unsere Arbeit übernommen.“ Das interaktive Projekt „Suspicious Behavior“ spricht aber noch ein zweites Problem an, nämlich das der Clickworker: Das sind die Menschen, die stundenlang solche Schulungsvideos anschauen und für ein paar Cent pro Click jene Maschinen trainieren, die in Zukunft darüber entscheiden, ob unser von Videokameras erfasstes Verhalten verdächtig ist oder nicht.

Jahre in Südkorea

„In Europa gibt es eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen, anders als in Asien, wo die Akzeptanz der Digitalisierung viel höher ist. Dort sehen Menschen diese Entwicklungen eher als Wettbewerbsvorteil“, sagt Andreas Zingerle. Der in Graz aufgewachsene Medienkünstler und die gebürtige Finnin Linda Kronman haben sich 2008 in Helsinki kennengelernt. Von 2017 bis 2019 lebten sie in Südkorea. Kronman unterrichtete an der Woosong-Universität in der Millionenstadt Daejong. Zingerle hatte eine Forschungsstelle für Medienkunst an der Sol International School inne.

Andreas Zingerle und Linda Kronman sind KairUs. Foto: Ana Kovac

Kunst und Wissenschaft gehen bei KairUs seit jeher Hand in Hand. Aktuell schreibt Linda Kronman im Rahmen eines EU-Projekts an der Universität Bergen (Norwegen) an ihrer Dissertation über das Maschinensehen in der Kunst. Zingerle hat seine Doktorarbeit bereits 2016 an der Kunstuniversität Linz vorgelegt und sich darin mit künstlerischem Aktivismus gegen Internetbetrug befasst.

Fragliche Praktiken im Fokus

Das Deviante, Abweichende, Kriminelle, das im Internet auch gedeiht, ist Thema mehrerer Projekte, die KairUs in den vergangenen zehn Jahren im Rahmen von Residencys erarbeitet und bei Ausstellungen in ganz Europa von Finnland bis Spanien, aber auch in Südkorea, Hongkong, Singapur und Japan gezeigt haben. Die Projekte von KairUs sind stets im Grenzgebiet von Forschung und Kunst angesiedelt. In ihren wissenschaftlichen Arbeiten halten sich Kronman und Zingerle an das akademische Gebot der Objektivität und belegen ihre Beobachtungen wertfrei mit Zahlen, Daten und Fakten. In der künstlerischen Umsetzung dagegen beziehen die beiden kritisch Stellung – ohne jedoch den Betrachtern ihren Standpunkt aufzudrängen.

Kritische Sicht

Für ihre Arbeit „Mecacorp.“ – eine Bestandsaufnahme von Internet-Scheinfirmen rund um den Globus – wurde das Künstlerduo beim Stuttgarter Film- und Medienkunstfestival „Filmwinter“ 2017 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. „Megacorp. visualisiert eine Datenbank, die Fakefirmen aufzeigt und ihre Websites archiviert“, erzählt Zingerle. „Es gibt Wissen innerhalb der Bevölkerung über die Praktiken von Scheinfirmen. Das Projekt stellt aber auch die Frage, ob es überhaupt in Ordnung ist, wenn die Bürger hier Polizei spielen.“

Fast noch beklemmender als die devianten Seiten des Internets ist der Technikdeterminismus des digitalen Wandels. KairUs befasst sich damit um Beispiel in der 4-Kanal-Videoinstallation „future past still in the making“ (2019): Die Arbeit stellt unternehmensgeführte Smart Cities bzw. Stadtviertel vor, die in Asien – besonders in China und Indien – und auf der arabischen Halbinsel aus dem Boden schießen. Was bedeutet es für das öffentliche Leben, wenn man sich in einer Planstadt bewegt, die von einem Unternehmen geführt und verwaltet wird? Wann ist eine Stadt „smart“? Wäre es nicht besser, man macht die Bürgerinnen und Bürger „smart“, anstatt die Gebäude und Plätze mit technischen Gadgets auszustatten? Das sind Fragen, die KairUs mit ihren Arbeiten an die Betrachter stellen. Beantworten muss sie jeder für sich.

Künstlerischer Thinktank

Die Themen, die Kronman und Zingerle seit zehn Jahren in ihren Projekten aufgreifen, werden auch in der Politik und in den Medien immer stärker wahrgenommen und diskutiert: Internetbetrug, Datenmissbrauch, Sicherheitslücken im Internet der Dinge, Probleme „smarter“ Städte etc. etc. Als Thinktank für politische Entscheidungsträger wäre KairUs mit diesen Themen ebenfalls am Puls der Zeit. Dass sie sich für die künstlerische Aufarbeitung entschieden haben, liegt an der ausgeprägten visuellen Orientierung des Medienkunstduos: Sowohl Zingerle als auch Kronman beschäftigten sich beruflich mit Interaktions-, Grafik- und Webdesign, bevor sie ihre Forschungen zur Digitalisierung vertieften. „Die graphisch-visuelle Ebene spricht uns mehr an als nur die Diskussion der Daten“, bringt es Zingerle auf den Punkt.

2020 sind die beiden von Bergen nach Graz gezogen. Andreas Zingerle hat in seiner Heimatstadt die Stelle als Geschäftsführer der Netzkulturinitiative mur.at angetreten. In dieser Funktion will er die Kernkompetenzen des Vereins stärken: Die leistungsstarke und unabhängige Infrastruktur für Kunstschaffende ausbauen und in Programmen und Worklabs den Kontakt und Austausch heimischer Künstlerinnen und Künstler mit internationalen Institutionen vorantreiben. „Ich bin sehr froh, mich bei mur.at einbringen zu können“, sagt Zingerle. „Der Verein ist ein Hybrid aus Rechenzentrum, Medienplattform und Kunstbetrieb, das international seinesgleichen sucht.“

KairUs im Internet: https://kairus.org