Ein latenter Alptraum

Der Wiener Autor Thomas Stangl gibt sich in seinem zweiten Roman, „Ihre Musik“, dem Wahrnehmungsrausch hin. Von Werner Schandor

Für seinen Erstling, „Der einzige Ort“, aus dem Jahr 2004 wurde Thomas Stangl mehrfach ausgezeichnet. Nun erschien im Verlag Droschl sein zweiter Roman, „Ihre Musik“. Das herkömmliche Schema, um Prosa zu beschreiben, wird auch diesem Buch nicht gerecht, denn in seinem Zentrum steht nicht die Handlung – andeutungsweise: das prekäre Verhältnis zwischen einer Mutter und einer Tochter, die in Wien leben. Vielmehr prägt die Sprache selbst den Roman, eine Sprache, die vor Wahrnehmungen und Beschreibungen trieft wie ein vollgesogener Schwamm. Die Literaturkritik kennt für diese Art der Prosa, bei der primär keine Geschichte erzählt, sondern dem Wahrnehmungsrausch gefrönt wird, den schönen Begriff des „horizontalen Erzählflusses“. Bei Stangl ist dieser Fluss mindestens so breit wie die Donau, er ufert oft aus, er bildet unzählige Wirbel, er umspült den Gegenstand, den er benennen möchte, und löst das Beschriebene im stets neu ansetzenden Versuch, die Dinge auf den Punkt zu bringen, endgültig im Ungefähren auf.

Was bleibt, ist ein Gefühl der Distanz zwischen Ich und Welt, und dieses Gefühl gibt auch das Verhältnis wieder, das sich zwischen Mutter und Tochter aufgebaut hat. Man erfährt nicht viel über die Figuren, nur soviel: Sie leben in einer Wohnung in der Leopoldstadt, wo sie ihre Kreise ziehen. Die Mutter ist Schriftstellerin und raucht ständig, die Tochter arbeitet an der Uni und erkrankt an Krebs. Sie gehen sich auf die Nerven, und man erfährt nie, warum. Dass zwischendurch immer wieder die auktoriale Perspektive kippt und sich das Erzähler-Ich unvermittelt zu Wort meldet, macht das Verständnis der Geschichte nicht unbedingt einfacher. Ebenso abrupt und geisterhaft, wie das erzählende Ich auftaucht, um seine Reflexionen zur Geschichte bzw. zum Erzählen an sich anzubringen, verschwindet es auch wieder. Im Leser hinterlässt es einen Hauch der Verunsicherung.

Verglichen mit Musik wäre „Ihre Musik“ eine Symphonie von Brahms, die von Steve Reich in die serielle Mangel genommen und von einem Musikästheten zwischendurch kommentiert wird. Seiten über Seiten tut sich in der Geschichte gar nichts. Die elendslangen Beschreibungen alltäglicher Handlungen sind oft anstrengend zu lesen. Wo sich Figuren aus anderen Romanen z.B. in einem kurzen Satz eine Zigarette anzünden, braucht es in Stangls Buch einen ganzen Absatz, bis das Feuerzeug in die Hand genommen und betätigt wird und der Rauch bedeutungsschwanger in die Lungen einfährt. – Mühsam, mühsam!

In der ersten Hälfte habe ich diesen Roman oft verflucht, weil sich einzelne verschwurbelte Sätze nach dem dritten Lesen als tatsächlich sinnlos herausstellten. In der zweiten Hälfte gibt es Abschnitte, in denen der Autor seinen Erzählfluss etwas kanalisiert, und hier entwickelt das Buch auch einen gewissen Sog. Insgesamt hinterlässt „Ihre Musik“ einen äußerst zwiespältigen Eindruck. Einerseits ist die Wahrnehmungsdichte beachtlich, mit der Thomas Stangl beschreibt, wie Alltägliches auf uns einstürzt, und mit der er Ungefähres im Ungefähren belässt. Das gibt dem Buch etwas Traumwandlerisches, hinter dem sich ein latenter Alptraum abzeichnet. Andererseits sieht man sich vor allem auf den ersten 90 Seiten mit einigen – in Summe zu vielen – verunglückten Passagen und nichtigen Beschreibungen konfrontiert. Wahrnehmungsrausch gut und schön, aber nicht jeder Aufkleber auf einem Zigarettenautomaten ist es wert, in einem Roman verewigt zu werden.

Thomas Stangl: Ihre Musik. Roman. Verlag Droschl, Graz-Wien 2006. 190 Seiten.

Buchbesprechungen, erschienen am 13. Jänner 2007 in der „Wiener Zeitung“