Ein Mythos für Österreich

In einem ungewöhnlichen literarischen Projekt versucht sich Christian Zillner an der Reanimation des Versepos, um dem Nationalbewusstsein der 2. Republik eine Basis zu bieten. Von Werner Schandor

Christian Zillner ist Lesern vor allem als Herausgeber auflagenstarker Firmenzeitungen wie z.B. „.copy“ von der Telekom Austria, bekannt. Doch der in Wien lebende „Magazineur“ (Eigendefinition) ist auch Schriftsteller hochaktiv. So stellt er am 26. Juni im Theater Brett in Wien den 3. Band seines auf 11 Bände anberaumten Versepos „Spiegelfeld“ vor, mit dem er einen Mythos für Österreich entwerfen will.

Das Epos erzählt in Fragmenten die Geschichte eines Adelsgeschlechts, das den österreichischen Herrschern stets treu ergeben war und seines Zeichens für die Einführung Stempelmarke in Österreich verantwortlich zeichnet. Die Spiegelfelds waren die vorletzte Familie, die 1917 in der k.u.k-Monarchie in den Stand des Hochadels erhoben worden war. Jeder der geplanten 11 Bände von Zillners Epos wird für sich abgeschlossen eine Episode aus der Familiengeschichte der Spiegelfelds bzw. der Familie Matz, wie sie vor dem Adelsschlag hießen, quer durch die Jahrhunderte von 907 bis 2002 erzählen.

„Spiegelfeld“ beginnt in Band 1 mit „Neun Tage im Mai 907“ – der Beschreibung einer Reise von zwei Ur-Matzen vom Kanaltal über die Alpen zur Klosterinsel Sintleosesau (Reichenau) am Bodensee, wo sie zu Ministerialen ausgebildet werden sollten. Band 2, „Neun Stunden am 24. April 1048“, berichtet vom Besuch des Kaisers Heinrich III. auf eben dieser Insel. Wieder sind zwei Vertreter der Familie Matz anwesend. In Band 3 verdichtet sich die Zeit nochmals, „Neun Minuten am 12. August 1099“ werden geschildert – die letzten Augenblicke eines Matz’schen Kreuzfahrers namens Mezza in der Schlacht um Askalon (heute Aschkelon), in der die Ritter des 1. Kreuzzuges eine ägyptische Übermacht besiegten.

Christian Zillner bringt in seinem „Spiegelfeld“-Epos viele Dinge zueinander, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, z.B. die aus der Mode gekommene Form des Heldenepos und freie Verse, Merseburger Zaubersprüche und theologisches Wissen, historische Quellen und eigene Spekulation, politische Fakten und fiktive Ereignisse. Die „Wiener Zeitung“ sprach mit dem Autor über die Beweggründe für sein ungewöhnliches literarisches Projekt, das im kleinen Wiener „Dornröschen Verlag / Peter Schneidewind“ erscheint.

Christian Zillner
Christian Zillner

Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass die 2. Republik ein Epos braucht?
Ich bin in meinem Elternhaus mit Joseph Roth und den nostalgischen Vorstellungen von Österreich und österreichischer Geschichte aufgewachsen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass das mit unserer Realität in der 2. Republik nichts zu tun hat. Meinem Gefühl nach ist das, was österreichische Tradition war – auch in literarischer und künstlerischer Hinsicht – eigentlich mit dem Hitlerismus untergegangen. Erst seit der 2. Republik gibt es so etwas wie ein österreichisches Nationalbewusstsein. Ich hatte das Gefühl, wenn es ein Nationalbewusstsein gibt, dann muss es ein Nationalepos auch geben – das gehört einfach dazu! Ich hätte mich selber nie als Autor dafür gesehen, habe aber gehofft, dass es irgendjemand einmal machen wird. Ich habe oft mit Freunden und Bekannten darüber gesprochen und festgestellt, es gibt eine Sehnsucht danach, aber es macht halt niemand.

Wie hat sich das Projekt konkretisiert?
Konkretisiert hat es sich, nachdem ich einen Adeligen getroffen hatte, mit dem ich ein Buch über Desktop-Publishing gemacht habe. Das war eine wunderbare Zusammenarbeit, aus der in der Folge eine Freundschaft entstanden ist, und in mir wuchs der Wunsch, die Familiengeschichte dieses Adelsgeschlechts zu erzählen. Zunächst einmal wollte ich über ihn schreiben, aber dann dachte ich: Naja, das wäre jetzt genau die Möglichkeit, die österreichische Geschichte aus einer anderen Perspektive zu erzählen, nämlich am Beispiel einer solchen Familie, die nie so sehr im Vordergrund stand.

Warum als Epos?
Der Gedanke mit dem Epos ist mir sehr schnell gekommen, weil ich nach einer Form gesucht habe, die so etwas plausibel machen kann. Wir sind heute nur an Romane gewöhnt, und selbst das Entlegendste wird auch noch als Roman bezeichnet. Der Roman zeichnet sich für mich durch mehrere Dinge aus: Es ist eine „weibliche“ Literaturform, kommt aus dem Pietismus und psychologisiert. D.h. was wir an einem guten Roman schätzen, ist, wenn uns dort Figuren gezeigt werden, die plausible Personen darstellen, die quasi ihr eigenes Leben entwickeln. Und der Romanschriftsteller ist gleichzeitig einer, der uns über unsere Befindlichkeiten, unsere politischen Verhältnisse sozusagen aus einer höheren Perspektive einen Überblick geben kann.

Der Roman ist also eher die Form des Individuums zu sehen, das Epos aber als Erzählung der Gesellschaft…?!
Genau so ist es. Das Epos funktioniert nach anderen Kriterien. Im Epos spielen beispielsweise Kataloge eine große Rolle; so gibt es in der „Odyssee“ die berühmten Schiffskataloge, wo einfach nur Schiffe aufgelistet werden. Das Epos ist auch nicht individuell, sondern nach Genealogie aufgebaut, und über die Genealogie werden Zusammenhänge über Jahrtausende hergestellt. Das sind Elemente, denen jede Psychologie fehlt. Auch enthält der Epos Widersprüche, weil in ihm eine Vielzahl von Erzählsträngen zusammengefasst werden.

Die überlieferten Heldenepen sind meist das Destillat einer mündlichen Überlieferung, wo viele Erzähler mitgewirkt haben. Das ist ein Unterschied zu Ihrem Epos und auch die Ironie daran: Er stammt aus einer Feder.
Manchmal komme ich mir vor wie so ein verkehrter Indianer, die es geben soll, die alles prinzipiell verkehrt machen müssen, was sie machen. Im Grunde ist es das Gleiche: Ich behandle die österreichische Geschichte wie die Vorgeschichte, wie den Mythos von vor 1955 – so als ob erst mit 1955 so etwas wie eine Geschichtsschreibung eingesetzt hätte. In Wirklichkeit gibt es natürlich schon eine sehr, sehr gute österreichische Geschichtswissenschaft. Es ist ja schon alles dem Mythos entzogen.

Was leistet dann so ein Epos, was die Geschichtsschreibung nicht leisten kann?
Was ein Epos leistet, und was auch ein Roman nicht leisten kann, da möchte ich aus Emil Angehrns Buch „Die Überwindung des Chaos“ zitieren: „Der Mythos erscheint als noch rudimentäre Logik, nahe am sinnlichen Material und aufgrund ihres Abstraktionsmangels nicht zu übergreifenden Systematisierungsleistungen befähigt. Sein Weltbild bleibt ohne stringente Scheidung der verschiedenen Realitätsbereiche und Geltungstypen. Natürliche, göttliche, soziale und psychische Phänomene werden in ungetrennter Überlagerung und Durchdringung in direkter Identität wahrgenommen.“ – Das ist für mich die Wahrnehmungsweise des so genannten einfachen Mannes, also nicht der Leute, die Geschichte schreiben oder lesen, sondern es entspricht dem, wie die meisten Leute leben.
Es ist auch der Romancier die herausgehobene Figur, die den Blick in die Seele der Menschen und in die Weite der historischen Dimension hat, und das synthetisiert – und genau das wollte ich nicht! Was ich erzählen will, ist dieses Gestammel der Menschen, die verschiedenen Stimmen und Wahrnehmungsformen. Das ist für mich eine Strategie gegen die historische Wahrheit. Ich bemühe mich natürlich, jeden Satz und jedes Wort aus einem faktischen Zusammenhang zu schöpfen, was mitunter zu seltsamen Situationen im Text führt. Aber die eigentliche Motivation für mich ist es, eine Geschichte vom Rand der Geschichte zu erzählen. Obwohl mir klar ist, dass die wenigsten Leute Verständnis dafür haben werden, ist es trotzdem ein Sich-Wehren gegen den großen Gestus der Geschichtswissenschaft und des Romans. D.h. ich möchte eine ganz andere Stimme zum Klingen bringen.

„Spielfeld“, Band 1 bis 3, sind zu beziehen über den Dornröschen Verlag / Peter Schneidewind, Rechte Bahngasse 8, 1030 Wien, E-Mail: dornroeschen.verlag@chello.at, Tel. 0699 11031698

Der Artikel erschien am 24. Juni 2006 im „Extra“ der Wiener Zeitung