Ein wenig Weiß

An sich wollte ich Ihnen ein wenig Ruhe gönnen. Schon im Dezember hatte ich geplant, den Raum, den dieses Feuilleton einnimmt, weiß zu lassen – aus der Überlegung heraus, dass ohnehin mehr berichtet, gedacht, geschrieben und gemeint wird, als man zum Glücklichsein braucht. Doch beim „korso“ dachte man damals offenbar, dass ich nicht so billig davonkommen sollte; und wenn man mir schon eine halbe Seite pro Ausgabe zur Verfügung stellt, dann muss die auch anständig befüllt werden. Kurzum: Ich konnte meinen Plan nicht verwirklichen. Schade, es wäre zu schön gewesen!

Stellen Sie sich vor: Eine weiße halbe Seite, ohne einen einzigen Buchstaben, gewissermaßen unberührt. Sie bräuchten nichts lesen, könnten stattdessen ihren Gedanken nachhängen oder – auf die weiße Fläche schauend – nicht einmal das; Sie könnten einfach gedankenverloren vor sich hin starren. (Oder heißt es nach der neuen Rechtschreibung „Gedanken verloren“? Schaut aus wie ein Ultrakurzgedicht; mit Beistrich in der Mitte wär’s eine Suchanzeige!) Eine schöne, große, zusammenhängende weiße Fläche in der Zeitung – das wär doch mal was! Das hätte vielleicht sogar Vorbildfunktion. Andere Medien könnten auf die Idee kommen, ebenfalls eine bestimmte Fläche Weißraum zu lassen, damit die Leserinnen und Leser zwischendurch zur Besinnung kommen können. Der Weißraum würde vielleicht weiter wuchern und immer mehr um sich greifen, und irgendwann, so in ein, zwei Jahren würden vielleicht die Tageszeitungen gänzlich weiß hergestellt werden. Die Zeitungsständer in und vor den Trafiken wären mit Weißraum befüllt: Schmutziges Tageszeitungsweiß und Hochglanzweiß, Weiß in A4 und Weiß im „Zeit“-Format. Man würde in die Trafik gehen und sich sein weißes Papier abholen. Wer das Bedürfnis hätte, sich nach dem Wetterbericht oder dem Kinoprogramm zu erkundigen, der müsste bestimmte Seiten im Internet aufsuchen – nämlich jene, die noch nicht der Verweißung anheim gefallen wären. Ich stelle mir das beruhigend vor! Gerne hätte ich auch jene Straße in Wien besucht, in der letztes Jahr im Rahmen einer Kunstaktion vorübergehend sämtliche Buchstaben und Symbole abgedeckt worden waren. Ich glaube, dass mein rastloser Geist, der ständig auf der Jagd nach Eindrücken ist, dort sehr schnell zur Ruhe gekommen wäre.

Der Durchbruch der Vernunft

Aber im Alltag schaut es anders aus: Unermüdlich verrichtet die Aufklärung ihr helles Werk; unermüdlich wird informiert, kommentiert und produziert, um der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen. Und so sind die Zeitungen voll von wichtigen Nachrichten oder vorgezogenen Sommerloch-Geschichten (wie jener über den Braunbären Bruno), und so ist auch der Platz dieser meiner korso-Kolumne wieder mit unzähligen Buchstaben und Zeichen angereichert (5.084, um genau zu sein), in der hehren Absicht, das gute alte Licht der Aufklärung weiter zu tragen und dem Projekt der Moderne zum Triumph zu verhelfen. Eine Freiheitsstatue des Geistes gewissermaßen. Apropos: Irgendwo las ich einmal, dass eine einzige Wochenendausgabe der „New York Times“ mehr Wissen beinhalten würde als im ganzen 17. Jahrhundert bekannt war. Ich habe keine Ahnung, wie es im 17. Jahrhundert konkret um das Wissen bestellt war, und ich kenne ehrlich gestanden auch die Wochenendausgabe der „New York Times“ nicht. Außerdem ist mir nicht klar, in welchen Maßeinheiten man Wissen angibt: Buchstaben pro Quadratzentimeter? Gedanken pro Sekunde? Einfälle pro Hirnwindung? – Egal! Ich kenne zumindest ein paar Horte des Wissens – Bibliotheken und Buchhandlungen – von innen; und ich weiß zum Beispiel, dass jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse rund 90.000 Wissensträger (Bücher, CDs, Zeitschriften) neu vorgestellt werden. Ich weiß außerdem, dass Sie im Buchhandel theoretisch aus rund 1,000.000 Titeln wählen können (davon 5 aus meiner Feder, wo Sie allerdings schon sehr konsequent nachfragen müssen, dass die Buchhändler Ihnen die auch wirklich ausfindig machen)!

Die Last der Bildungsbeflissenheit

Sie sehen, es lastet ein ganz schönes Gewicht auf Ihnen, sofern Sie den Anspruch haben, ein gebildeter Zeitgenosse zu sein. Aus dieser Perspektive ist es eine unheimliche Erleichterung, irgendwo etwas nicht lesen oder aufnehmen zu müssen! Als ich letztes Jahr bei einem Besuch in München meine übliche Jeierei anbrachte, das mangelhafte geistige Vergnügen betreffend, das einem die meisten österreichische Medien bereiten, meinte mein Gesprächspartner, ein ehrwürdig ergrauter Revoluzzer der 68er-Jahre, ich solle doch froh sein, wenn das Fernsehen und die meisten Zeitungen zum Vergessen sind, denn dadurch könnte ich meine Zeit mit sinnvolleren Dingen verbringen. „Es wäre doch schrecklich, wenn es nur gute Zeitungen und gutes Fernsehen gäbe“, meinte mein Gesprächspartner. „Man müsste den ganzen Tag nur Zeitung lesen oder vor der Glotze sitzen. So kannst du beruhigt etwas anderes machen, denn du weißt, dass du nichts versäumst.“ Womit er Recht hat. Seither weiß ich das Gros der österreichischen Medien so richtig zu schätzen.

Weißraum gehört ausgebaut

Auch wenn man die uninteressanten Medien abzieht, bleibt noch genug zum Schauen, Hören und Lesen übrig. Diese Kolumne zum Beispiel, die Ihnen unmerklich Lebenszeit abzwackt. Damit Sie in Zukunft wieder beruhigt wichtigeren Dingen nachgehen können, möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass mein schreiberisches korso-Gastspiel mit dieser Ausgabe zu Ende geht. Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut! Einen letzten Wunsch hätte ich allerdings, mit Verlaub! Wenn schon keine halbe Seite, dann möchte ich wenigstens eine halbe Spalte Weißraum hinterlassen. Bitte, liebe korso-Leute, gönnt mir und den Leserinnen und Lesern dieses stille Vergnügen! Wir werden gemeinsam mental gestärkt aus diesem Zeitungserlebnis der neuen Art hervorgehen!

Also dann – hier ist er: der Platz für Ihre Gedanken bzw. Ihre erfüllte Gedankenlosigkeit. Geben Sie sich dem Erlebnis hin! Genießen Sie die weiße Fläche, von der es viel zu wenig gibt!

weiss
Auf Wiedersehen!

Erschienen in der Zeitschrift korso im Juli 2006