Euch geht’s gut!

Nachrichten aus der neuen Welt. Eine berufliche Veränderung kann die Wahrnehmung erfrischen.

Für mich tut sich seit Anfang Oktober Tag für Tag eine Welt auf, die frisch und flauschig ist wie mit Fewa Wolle gewaschen; eine Welt, die nach Aufbruch duftet und mir jeden Tag jungfräuliche Eindrücke beschert, als ob ich neu geboren wäre. Die Bäume im Stadtpark strahlen in einem unbekannten Glanz, wenn ich zur Arbeit fahre; in der Innenstadt erlebe ich nicht nerviges Geschiebe, sondern lustvolles Wurrlen; am Nachmittag geselle ich mich zu jenen, die den Arbeitstag in den innerstädtischen Bars mit einem Gläschen Prosecco beschließen.
Wie das kommt?! – Hallelujah, ich habe das Licht gesehen! Ich bin Teil jener Gesellschaftsschicht geworden, die das Land in Wahrheit weiterbringt, die Wohlstand und Wachstum bringt, und die nicht zuletzt dafür sorgt, dass auch Otto Normalverbraucher glücklich ist. Denn: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ (© Wirtschaftskammer Steiermark). Und mir geht’s momentan verdammt gut!

Ob ich Chefinstruktor bei Scientology geworden bin?! Oder NLP-Guru?! – Wie kommen Sie darauf? Neinnein, viel besser: Ich bin seit genau vier Wochen im Gewerberegister der Stadt Graz eingetragen und Mitglied bei der Wirtschaftskammer geworden. D.h. im Klartext: Ich bin Unternehmer geworden. Das Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Un-ter-neh-mer! Herrlich! Nach 10 Jahren als Angestellter habe ich nun die Seiten gewechselt und bin Mitglied jener Schicht geworden, die seit mindestens 50 Jahren politisch umhätschelt und umsorgt wird wie keine andere gesellschaftliche Gruppe in diesem Land; jener Gemeinschaft, die von der ÖVP so lange als allein segenbringende Gesellschaftsschicht propagiert wurde, dass sogar die SPÖ nach Sinowatz die Sache der Macher zu ihrer eigenen machte und sich im aktuellen Wirtschaftsprogramm der kleinen und mittleren Unternehmer annimmt. „Klein- und Mittelbetriebe sind für den Standort Österreich von besonderer Bedeutung. Sie sichern fast 70 % der Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft und erwirtschaften 60 % der Wertschöpfung. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stellen sie einen stabilisierenden Faktor dar.“ – Wenn jemand dieses Programm in ein Gemälde im Stil des sozialistischen Realismus umformen müsste, dann würde es den Titel tragen: Die Helden der KMUs trotzen der Globalisierung!

Stabil in der Hängematte
Ich für meinen Teil stabilisiere mich fürs Erste in meinem neuen Büro in der frisch installierten Hängematte bei einem kleinen Cocktail und genieße meine neuen unternehmerischen Freiheiten: Niemand fragt mich, wann ich komme und wann ich gehe, und ob ich dieses und jenes schon erledigt hätte; keine langatmigen Jour fixes oder Wochensitzungen, die man ächzend verlässt ob des Berges an Arbeit, den man zusätzlich zum bereits bestehenden Mittelgebirge aufgeladen bekommen hat; keine Bildungsgutscheine der Arbeiterkammer für Kurse an der Volkshochschule mehr – denn nunmehr vertritt ja die Wirtschaftskammer meine Interessen. Es geht nun um Erfolg, um Engagement, um Mut zum Risiko, um „den entscheidenden Schritt zum unternehmerischen Aufstieg“, wie es im „Welcome Package“ der Wirtschaftskammer heißt.

Den Schritt in die Selbstständigkeit tun immer mehr: Im Jahr 2004 haben sich allein in der Steiermark über 3.900 Personen selbstständig gemacht. Zehn Jahre davor, 1994, waren es noch lediglich knapp 1.300. In ganz Österreich sind es fast 30.000 Menschen, die sich jährlich neu zum Unternehmertum berufen fühlen – mehr als doppelt so viele wie 1994 (14.306). Dr. Werner Schmölzer, Chef des Gründerservice bei der Wirtschaftskammer Steiermark, sieht für diesen Gründungsboom 3 Gründe:

  1. Die Veränderung am Arbeitsmarkt mit der Tendenz zum Outsourcen sowohl komplexer Dienstleistungen (wie der Betreuung der EDV-Infrastruktur für ein Unternehmen) wie auch einfacher Arbeiten (wie dem Verputzen von Rigips-Platten);
  2. Selbstständigkeit habe ein positives Image gewonnen, wodurch beispielsweise auch viele Jungakademiker motiviert würden, sich gleich nach Studienabschluss als Jungunternehmer zu betätigen; und
  3. habe sich der Zugang zum Gewerberecht wesentlich vereinfacht – vielfach braucht mein keinen Befähigungsnachweis mehr, um ein Gewerbe auszuüben.

Beim Gründerservice der Wirtschaftskammer wurde mir etwa erklärt, dass ich als Akademiker ohne weiteres einen Gastronomiebetrieb eröffnen könne, z. B. ein Spezialitätenlokal für „Pasta a la WG“. Ob mich das interessiere? – Nein danke. Ich hoble lieber Worte und zimmere ein paar Absätze zusammen, bis ein schöner Textkorpus vor mir steht, der nicht quietscht, wenn man seine Seitentüren öffnet.

Feng shui für Unternehmen
Dr. Schmölzer rechnet übrigens nicht damit, dass die Gründungszahlen nochmals stark steigen werden. „Wir halten diesen Level von knapp 30.000 Neugründungen in Österreich und um die 3.500 in der Steiermark seit 3 Jahren. In einigen Branchen wird mehr gegründet werden, in anderen Branchen, die in den letzten Jahren boomten, dafür weniger“, meint der steirische Wirtschaftskammer-Experte.

IT-Dienstleister, Finanzdienstleister und Esoterik-Anbieter gehörten zu den Boombranchen der Vergangenheit, momentan seien Wellnessbetreuung und Gesundheitsberatung en vogue. Wodurch, nebenbei bemerkt, der aktuelle Slogan der Wirtschaftskammer eine Bedeutungserweiterung erfährt: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ könnte auch heißen: Mehr Feng shui fürs Unternehmertum. Eine Schale, die man am linken vorderen Tischrand platziert, soll Glück und Geld bringen, habe ich gehört.

Momentan muss ich mich aber noch an das ganze neue Vokabular gewöhnen: Business Plan und Start-up, Unternehmenszyklus und Wachstumsphase, Markteintritt und Marketingstrategie usw. usf. Als waschechte Ich-AG bin ich ja ein Franchisenehmer des neoliberalen Erfolgsmodells Homo oeconomicus, und als solcher müsste ich den Business Talk aus dem ff beherrschen. Damit ich nicht bei jenen 17 % lande, die den Anforderungen des freien Marktes nicht gewachsen sind und Pleite gehen. Da mögen Johannes, Lucia und Markus vor sein – die Schutzheiligen der Schreiberzunft! Der Unternehmer an sich hat ja keinen Schutzheiligen, wie aus der höchst informativen Website www.heiligenlexikon.de hervorgeht. Aber das nur am Rande. Bzw. am Ende, denn jetzt muss ich mich wieder den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen: Dem Formulardschungel der Sozialversicherung, meiner noch zu optimierenden Buchhaltung und nicht zuletzt meinen ersten unternehmerischen Heldentaten.

erschienen in der Zeitschrift korso, November 2005