Schreiben funktioniert meist besser, wenn man es als Dialog betrachtet. Schreibhemmungen können sich auflösen, wenn man beim Schreiben einen konkreten Menschen im Hinterkopf hat. Nur: An wen genau soll man denken?
Im Marketing definiert man Personas, also fiktive Charaktere. Sie sollen Zielgruppen angehören, die man ansprechen will. In meinen Masterclasses mit Journalisten stelle ich den Teilnehmern gerne die Frage: „Für wen schreibst du wirklich?“ – Und meine damit dezidiert nicht Personas-Pappkameraden, sondern echte Menschen. Denn in Wahrheit denken wir beim Schreiben meist an Personen, die uns irgendwann im Leben emotional beschäftigt haben.
Die Schreibaufgabe in der Masterclass lautet: „Beschreibe in den nächsten 7 Minuten den Menschen, für den du wirklich schreibst!“ – In der anschließenden Vorleserunde gibt es dann immer wieder Aha-Momente.
Für wen Journalisten wirklich schreiben
Da ist der Sportredakteur, der beim Schreiben meist seinen Papa im Hinterkopf hat, denn er war es, der den Filius von klein auf an die Sportwelt herangeführt hat. Die Kollegin von den Gerichtsseiten denkt oft an die Opfer von Verbrechen oder deren Angehörige. Die Kollegin von der Wochenendbeilage führt beim Schreiben den Dialog mit den Menschen fort, die sie getroffen und interviewt hat. Und wieder ein anderer Kollege denkt an die Stammgäste im Wirtshaus seiner Großeltern, die sich in ihren Diskussionen gerne von der Zeitung inspirieren lassen, für die er schreibt.
Richard, mein geheimer Erstleser
Als ich vor vielen Jahrzehnten in der inzwischen verblichenen Grazer „Neuen Zeit“ Kulturartikel schrieb, sagte die zuständige Redakteurin zu mir: „Werner, du schreibst für die Donawitzer Hausfrau!“ Also für eine Frau aus dem Arbeitermilieu, die Stammleserschaft des Blattes. Doch ich kam aus einem landwirtschaftlichen Umfeld in der Oststeiermark, und meine Mutter war berufstätig und las nur Wochenzeitungen. Ich kannte keine Donawitzer Hausfrau.
Daher schrieb ich meine Texte immer für Richard Stradner, einen gleichaltrigen Kollegen vom Konkurrenzblatt, den ich bewunderte, weil er Filme von Jean-Luc Godard im Original anschauen konnte. Und sogar verstand. Ich saß mit ihm manchmal in Filmscreenings und Off-Theater-Premieren (etwa in der Diplom-Inszenierung des späteren Star-Regisseurs Martin Kušej) und war dann verblüfft, wie Richard die Filme und Stücke rezipiert hat. Das war mir ein Ansporn, dazuzulernen und mein Sensorium zu verfeinern. Richard ist leider schon lange tot. Aber in meinem Gedächtnis ist er immer wieder präsent.
5.000 Menschen im Kopf
Heute denke ich beim Schreiben meist an konkrete Menschen, die mir im Lauf des Lebens begegnet sind. Angeblich kann man sich die Gesichter von bis zu 5.000 Menschen merken. Diesen Begegnungsschatz zapfe ich an, wenn ich an einem Text arbeite. Z. B. hatte ich Studenten aus meinen Vorlesungen vor Augen, als ich für die TU Graz die Texte zu den Masterstudiengänge schrieb. Bzw. Architekten aus meinem Bekanntenkreis, als ich den Webtext für das Architekturstudium an der TU verfasste. Bei meinen Geschichten für das Mitarbeitermagazin eines Handelshauses denke ich an meine Tante, die in diesem Haus Verkäuferin war. Und bei Texten für Ärzte-Websites überlege ich, was ich mir selbst als Patient wünsche, und welche Information ich benötige.
Wenn man weiß, für wen man tatsächlich schreibt, weiß man auch, warum man so schreibt, wie man schreibt.

