Für viele ist traditionsgemäß der Duden die erste Adresse, wenn es um Rechtschreibfragen geht. Leider betreibt die Duden-Redaktion systematisch Sprachpolitik, anstatt die Sprachwirklichkeit abzubilden. Das kratzt an der Glaubwürdigkeit des Duden.
Mit der 2020 erschienenen 28. Ausgabe seines Rechtschreib-Wörterbuchs hat sich die Duden-Redaktion vom wissenschaftlichen Credo verabschiedet, wonach Linguistik deskriptiv (beschreibend) zu sein habe, nicht präskriptiv (vorschreibend). Seit besagter Ausgabe sind alle Personen- und Berufsbezeichnungen im Maskulinum, die neutral aufgefasst werden können, im Duden als spezifisch männlich gekennzeichnet.
Beispiel: Wer im Duden nach einem „Freund“ sucht, erfährt, dass es sich in jedem Fall um eine „männliche Person“ handelt.
Ein „Freund“ ist laut Duden entweder eine
- „männliche Person, die einer anderen Person in Freundschaft verbunden ist, ihr nahesteht“; oder eine
- „männliche Person, die mit einer anderen Person eine partnerschaftliche oder sexuelle Beziehung hat [und mit ihr zusammenlebt]“; oder eine
- „männliche Person, die etwas Bestimmtes besonders schätzt“; oder eine
- „vertrauliche Anrede an eine männliche Person (Wie geht’s, mein Freund?)“.
Bis 2020 war der Freund eine „(männliche) Person“ und konnte sowohl spezifisch männlich als auch generisch allgemein aufgefasst werden. Die allgemeine Bedeutung des Freundes als Person, die einem nahesteht, will der Duden jetzt nicht mehr kennen.
Und das ist ein Problem. Warum? – Wenn das vormals wichtigste Rechtschreibwörterbuch des Deutschen leugnet, dass allgemeine Bezeichnungen wie „Freund“ auch übertragen verstanden werden können, dann bekommen manche Wendungen, wie der „vierbeinige Freund“, eine seltsame Schlagseite. Was kann der vierbeinige Freund laut Duden anderes sein als eine männliche Person, die auf allen Vieren geht?
Wie kommt man aus diesem Sprachdilemma raus? – Wohl kaum mit „der:die vierbeinige Freund:in“.
Nein, am besten, indem man bei Lektoraten und in Zweifelsfällen zu einem anderen Wörterbuch greift. Etwa dem „Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache“, kurz DWDS, (werbe-)frei zugänglich unter www.dwds.de.
Das DWDS: Ein Freund in der Rechtschreibnot
Für das DWDS ist ein Freund unter anderem eine:
- nahestehende (männliche) Person, mit der man bestimmte Neigungen, Interessen o. Ä. teilt und eine vertrauensvolle Beziehung hat (ohne mit ihr in einer Partnerschaft zu leben).
- In der Unterbedeutung a) wird der „Freund“ übertragen verstanden als „nichtmenschliches Lebewesen oder etwas, das jmdm. (aus unterschiedlichen Gründen) persönlich wichtig ist“.
Weiters ist er eine
- In der Unterbedeutung a) wird der „Freund“ übertragen verstanden als „nichtmenschliches Lebewesen oder etwas, das jmdm. (aus unterschiedlichen Gründen) persönlich wichtig ist“.
- „(männliche) Person, der man in einem romantischen Verhältnis, einer sexuellen Beziehung verbunden ist“; oder eine
- „Person, die etwas besonders schätzt, mag, befürwortet“; z. B. „Sie ist kein Freund vieler Worte.“
- vor allem in der Politik und Dipolmatie: ein „Akteur, mit dem partnerschaftliche Verbindungen bestehen oder erwünscht sind, angestrebt werden“; und
- in Anreden gebräuchlich, z. B. „Wohin, mein Freund?“
Allein bei dieser Aufzählung bekommt man einen Eindruck davon, warum das DWDS den Duden ganz schön dürftig aussehen lässt. Und dabei habe ich noch gar nichts über die Herkunft des seit dem 8. Jahrhundert im Deutschen belegten Wortes „Freund“ und über die bedeutungsverwandten Ausdrücke geschrieben, über die das DWDS ebenfalls Auskunft gibt.
Der Machtmissbrauch der Dudin
In der Linguistik wird die Wendung der Duden-Redaktion von der Sprachwissenschaft zur Sprachpolitik kritisch gesehen. Denn natürlich weiß jeder, dass der Freundeskreis in der Regel nicht nur aus Männern besteht, und dass es sich vielfach um eine gemischte Gruppe handelt, wenn man seine Freunde trifft. Indem die Duden-Redaktion diese Bedeutungen leugnet, weil sie mit dem Maskulinum als Genus commune fremdelt, verschiebt sie die Bedeutungen, anstatt sie abzubilden. Und das weckt berechtigte Zweifel an ihrer Redlichkeit.
„Sprache ist Macht“, lautet ein Leitspruch der feministischen Linguistik: Wenn wir die deutsche Sprache „geschlechtersensibler“ machen, indem wir das generische Maskulinum vermeiden, dann wird die Gesellschaft gerechter. So der Glaube der Gender-Proponentinnen. Aber das lässt sich weder linguistisch noch sozialwissenschaftlich belegen. Wenn man sich „genderneutrale“ Sprachen wie Ungarisch oder Türkisch anschaut, die ohne Genuszuschreibungen auskommen, muss man erkennen, dass Sprache keine Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis in einem Sprachkreis hat.
Was der Duden als Rechtschreibinstanz seit 2020 mit seiner einseitigen Interpretation von Wörtern betreibt, ist schlicht Machtmissbrauch: Die Bedeutung von Wörtern wird nicht mehr abgebildet, sondern einseitig interpretiert und drastisch eingeengt.
Und da bin ich kein Freund von, wie man bei unseren deutschen Freunden zu sagen pflegt.
- Hier geht’s zur Definition von „Freund“ laut Duden
- Und hier zum Eintrag „Freund“ im DWDS

