Den Zeigefinger hoch!

Sprachpapst Wolf Schneider hat eine neue Stil-Enzyklika herausgegeben. Eine Kritik. 

Bücher über Rechtschreibung und Stilistik erleben einen Boom. „Sprache in den Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit“, „Fünf Minuten Deutsch. Modischer Murks in der Sprache“, „Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“ etc. nennen sich die Titel, die seit etwa einem Jahr in den Buchhandlungen aufliegen. Da darf auch Wolf Schneider, der Doyen der geschliffenen Sprache, nicht fehlen. Mit seinem Titel „Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil“ hat er Generationen junger Journalisten auf ein leicht lesbares Deutsch eingeschworen. Dieses Standardwerk der Stilistik aus dem Jahr 1984 hält zur Zeit bei seiner 25. Auflage. Es folgten „Deutsch für Kenner“, „Deutsch fürs Leben“ und weitere Titel, in denen Schneider sein Lebensthema variiert. Nun scheint dem mittlerweile über 80-jährigen Deutschprofi das Kleingeld ausgegangen zu sein, denn er hat seine gesammelten Erkenntnisse einmal mehr neu geordnet und im Sommer 2005 unter dem Titel „Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte“ im Rowohlt-Verlag auf den Markt geworfen.

Auf 300 Seiten bietet das Buch „44 Rezepte für die Therapie“. Als Patient wird dabei die Sprache gesehen, und Schneider gibt den Oberamtsarzt. Auf die rhetorische Frage, ob sich sprachliche Verständlichkeit lehren ließe, antwortet der Autor im Vorwort: „Wieder ja! Man müsste nur einen finden, der sich in die Verständlichkeitsforschung vertieft und alle Stillehren ausgewertet hat, die auf Deutsch und Englisch je erschienen sind. Der seit Jahrzehnten Höhepunkte deutscher Sprache sammelt, beginnend bei Martin Luther und mit Martin Walser nicht endend. Der seit einem Vierteljahrhundert angehende Journalisten in klarem Deutsch unterrichtet […] und der sein Programm überdies an der Öffentlichkeitsarbeit von mehr als dreihundert Wirtschaftsunternehmen getestet hat. Er wäre also überhaupt nicht originell und würde es nicht einmal sein wollen. Er wäre lediglich auf der Höhe von Praxis, Literatur und Wissenschaft und hätte überdies gelernt, die manchmal verwirrende Fülle der Aspekte auf eine überschaubare Zahl alltagstauglicher Rezepte einzudampfen.“

Der Leser ahnt, wer dieser Mann sein könnte. Er heißt Wolf Schneider, und aus seinem Buch dampft immer wieder der Weihrauch, dessen Kessel sich der Autor salbungsvoll um die eigenen Schultern schwingt. Aber nicht nur. Während in „Deutsch für Profis“ noch eine Wortanzahl von ca. 12 bis 18 Wörtern als Richtlinie für die gute Verständlichkeit eines Satzes galt, hat Schneider in seinem neuen Buch sein Wissen verfeinert und sich nunmehr aufs Silbenzählen verlegt. Ausgehend von der These, dass der Mensch einen Zeitraum von ungefähr 3 Sekunden als Gegenwart wahrnimmt, errechnet Schneider, dass jede sprachliche Informationseinheit optimalerweise nicht mehr als 12 Silben bzw. 6 Wörter umfassen darf. In einem Sprachpaket dieser Größe müsse die ganze Information stecken, damit sie der Zuhörer auch wirklich aufnimmt, so Schneider.

Seine Empfehlungen zur Wortlänge, zur Syntax und zum geschliffenen Ausdruck haben schon in „Deutsch für Profis“ hin und wieder den Beigeschmack der Erbsenzählerei angenommen. In seinem neu gesampelten Rezeptbuch macht sich aber zusätzlich eine Form des Altersstarrsinns breit, die einem die Lektüre gänzlich verleiden kann. Etliche der 44 Rezepte, die Schneider kredenzt, sind brauchbar und machen sich gut, wenn man sie anwendet − beispielsweise die Empfehlung, hin und wieder einen Nebensatz mit einem Gedankenstrich abzusetzen. Und natürlich auch das oberste Gebot des lebendigen Satzes, nämlich Verben zu hofieren, wo es nur geht. Und klingt es nicht auch überzeugend, manchmal eine Frage in einen Text einzustreuen? − Sicherlich, nur: Aus fast jeder Seite seines Buches reckt sich dem Leser ein erhobener Zeigefinger entgegen. Und diese Besserwisserei kann einem sehr bald auf die Nerven gehen. Noch dazu, wo dem Rechthaber Schneider auch Fehler unterlaufen. Etwa wenn er den Satz „Ein Schiedsrichter wurde im Vorfeld des Spiels kurzfristig abberufen“ kritisiert, weil „kurzfristig“ doch eindeutig und ausschließlich „für eine kurze Frist“ heiße. „Abgelöst also vielleicht für zwei Stunden oder zwei Spiele? Vermutlich nicht“, unkt Schneider. Ach, hätte er doch nur in den Duden geschaut! Bd. 2, Stilwörterbuch, S. 492: Da steht, dass „kurzfristig“ sehr wohl auch „ohne vorherige Ankündigung“ bedeutet. Aber gut, solche Fehler können auf 300 Seiten schon vorkommen.

Was schwerer wiegt, ist dass Schneider eines gänzlich übersieht: Sprache besteht nicht allein aus ökonomisch verteilten Silben, aus Wortklassen, richtiger Syntax und fehlerfreier Grammatik. Das ist alles nur ein Gefäß, die sprachliche Verpackung, und der Inhalt, sprich: der Geist, der in den Sätzen steckt, auf den kommt es an! Und dieser Geist lässt sich halt – Thomas Bernhard, schau oba! – manchmal nur ungern und zum Preis seiner völligen Verstümmelung in Einheiten von 12 Silben/6 Wörtern quetschen. Diesen Aspekt aber übersieht Wolf Schneider.

An einer Stelle zitiert der alternde Sprachpapst aus dem Brief des Apostel Paulus an die Korinther, um die sprachliche Wucht einfacher Hilfszeitwörter zu demonstrieren: „Wenn ich mit Mensch- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht…“ (Hervorhebung Wolf Schneider). Es ist bezeichnend, dass Schneider das Zitat an dieser Stelle abbricht und sich lediglich mit dem ersten Halbsatz des Paulus zufrieden gibt. Denn der Satz endet, wie hinlänglich bekannt ist, mit der schönen Erkenntnis: „… so wäre ich nur ein klingendes Erz oder eine tönende Schelle.“ Bei Wolf Schneider hört man es tönend schallen. Er hat ein unendliches Wissen um das bessere Deutsch, und er möge damit glücklich und reich bleiben. Aber sein Buch „Deutsch!“ ist genauso aufdringlich und letztlich überflüssig wie das Rufzeichen im Titel. Stilistisch interessierte Leser sind mit der 25. Auflage von „Deutsch für Profis“ auf jeden Fall besser beraten.

Wolf Schneider: Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2005

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