Fräulein Hitomi sucht die Liebe

Wie merkt man, dass man liebt? Diese Frage scheinen sich vor allem Leute aus jenen Kulturen zu stellen, die nicht bei jedem Hamburgerlaibchen, dessen sie ansichtig werden, „I’m lovin’ it“ murmeln. Kühle Skandinavier zum Beispiel, die dann Filme über dieses Thema drehen, die „Wie im Himmel“ heißen – der schwedische Publikumsrenner von 2005. Auch verhaltene Japaner sind prädestiniert, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie und was die Liebe eigentlich tut. Nun hat die japanische Autorin Hiromi Kawakami, 1958 in Tokio geboren, mit dem Roman „Herr Nakano und die Frauen“ ein Kammerspiel der Gefühlsunsicherheiten geschrieben.

Schauplatz des Buches ist der Trödlerladen des Herrn Nakano, eines schrulligen, mittelalterlichen Mannes, der zwei junge Leute beschäftigt: Hitomi, die Ich-Erzählerin des Buches, betreut die Kasse, der schweigsame Takeo erledigt mit Herrn Nakano die Ankäufe. Herrn Nakanos Trödlerladen liegt in einem Außenbezirk von Tokio und wird von seltsamen Käuzen frequentiert. Zum Beispiel von einem pensionierten Lehrer, der häufig in den Laden kommt, weil er gerne einen Blick auf Hitomi wirft. Eines Tages bringt er Nacktbilder zur Ansicht mit, die ihn und seine frühere Geliebte – eine Schülerin – zeigen. Hitomi staunt nur.

Etwas später tritt ein junger Mann auf, der eine antike koreanische Schale an den Mann bringen möchte, weil sie mit dem Fluch seiner Geliebten, die er einer guten Partie wegen verlassen hat, behaftet ist. Man sieht: Herrn Nakanos Laden ist nicht nur voll von altem Zeug, sondern auch von rätselhaften Gefühlen, welche die Menschen mit sich herumtragen. Das rätselhafteste Gefühl aber ist jenes, das Hitomi für ihren Kollegen Takeo empfindet. Sie geht mit ihm essen, doch die Gespräche mit dem schüchternen Jungen verebben immer schon nach kurzen Wortwechseln. Sie geht mit ihm auch ins Bett, weil Herrn Nakanos Schwester ihr das empfohlen hat, aber die Folge ist, dass sich Hitomi und Takeo einander völlig entfremden. Ein kleiner Streit, und es ist aus mit der zarten Annäherung.

Hiromi Kawakami zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen Japans. 2008 erschien ihr Roman „Die Himmel ist blau, die Erde weiß“, der vom deutschsprachigen Feuilleton als die „vielleicht schönste Liebesgeschichte des Jahres“ gefeiert wurde. Also hat man im Hanser Verlag schnell „Herr Nakano und die Frauen“ herausgebracht. Wieder geht es um eine Liebe, die nur zögernd zum Ziel findet, und wieder weiß die behutsame, schlichte Prosa der japanischen Autorin in der Übersetzung von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler zu entzücken. Hiromi Kawakami verliert kein Wort zu viel, wenn sie die tastende Entwicklung von Hitomis Gefühlsleben beschreibt, die vom Beleidigtsein auf Takeo über Widerwillen zur Sehnsucht führt, immer auf sehr zurückgenommene, verhaltene Weise.

Diese Liebe ist ein schüchternes Ding. Freizügig mit ihren Gefühlen gehen in diesem Buch nur die älteren Semester um: Herr Nakano, der eine Geliebte unterhält, die ihm beim Orgasmus zu leise ist; oder Herrn Nakanos Schwester, die in ihren Fünfzigern gegen das Schwinden der Lust ankämpft. „Die beiden waren mir ein Rätsel“, bemerkt die Erzählerin im Roman immer wieder. Sinnlichkeit und Kulinarik scheinen in Japan eng miteinander verknüpft zu sein, deshalb wird in diesem Buch nicht nur laufend über Gefühle gerätselt, sondern in der kleinen Ersatzfamilie, die die Belegschaft von Herrn Nakanos Laden bildet, auch oft gemeinsam gegessen, wobei stets über die Menschen und ihre seltsamen Gefühlsanwandlungen sinniert wird.

„Herr Nakano und die Frauen“ ist ein idealer Lektüreaperitif für den nächsten Besuch eines asiatischen Restaurants. Ist aber noch viel mehr – nämlich der perfekte Feel Good-Roman für all jene, die japanische Tuschezeichnungen europäischen Ölgemälden vorziehen.

Werner Schandor

Hiromi Kawakami: Herr Nakano und die Frauen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Hanser, München 2009, 223 Seiten, 18,40 Euro.

Die Besprechung erschien am 4. Juli 2009 in der „Wiener Zeitung“

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