Good bye Frontalpräsentation

Gute VR-Tools bieten mehr als nur gute Technik – sie verändern die Art, wie wir mit Dingen umgehen. In diesem Sinn ist das „Mixed Reality Interface“ (MRI) der Firma KOMMERZ konzipiert: Es kombiniert die Haptik eines Brettspiels mit den Möglichkeiten der virtuellen Realität und hat dadurch das Potenzial, vor allem Architekturpräsentationen von Grund auf neu zu definieren. Mehr noch: Mit dem MRI lassen sich Präsentationen optimal in architektonische Entscheidungsprozesse integrieren. Von Werner Schandor

Das MRI erfindet die Virtual Reality nicht neu, es revolutioniert nur die Art, wie wir uns durch Echtzeit-3D-Applikationen navigieren. Statt Dinge frontal gezeigt zu bekommen, ermöglicht das MRI auch ungeübten Usern, virtuelle Welten mitzugestalten. Ein Beispiel:

Stellen Sie sich vor, Sie sind CEO von „Mac Burger Star“ – einer neuen, aufstrebenden Fast-Food-Kette am Markt –, und Sie gehen in Deutschland mit 30 Filialen an den Start. Um Ihrer Kette ein Gesicht zu geben, haben Sie ein renommiertes Architekturbüro mit der Gestaltung Ihrer Restaurants beauftragt. Am Tag der Präsentation wundern Sie sich, dass die Architekten kein Modell des Ladens und keine Renderings mitbringen, sondern nur eine Grundrisszeichnung auflegen und eine Figur darauf stellen, die Sie in die Hand nehmen können. Von ca. 50 cm über dem Grundriss blickt, auf einem kleinen Holzarm angebracht, eine Knopfaugenkamera auf den Grundriss, und auf einem Monitor erscheint das 3D-Bild Ihrer neuen Filiale. So schaut Ihre erste Begegnung mit dem MRI aus. Und jetzt kommt das Beste: Jede Bewegung, die Sie mit der Figur auf dem Grundriss machen, können Sie auf einem Bildschirm als Bewegung im Raum sehen – das heißt Sie „gehen“ durch die Räume Ihrer neuen Filiale, indem Sie die Figur über den Grundriss führen. Dabei entdecken Sie beispielsweise, dass Sie einen anderen Boden haben wollen, andere Materialien bei der Verkaufstheke und andere Farben an den Wänden. Kein Problem. Sie müssen nur passende Musterkarten aus einem Musterkarten-Set aussuchen, legen die Karten auf den Grundriss, und sofort ändern sich der Boden, die Theke und die Wände auf dem Bildschirm. Wow! Sie können auch Möbel hinzufügen, verschieben und entfernen, ganz wie Sie wollen.

„Mit unseren Mixed Reality Interface gelingt es ganz einfach, Kunden oder Leute aus den Vorstandsetagen in eine Präsentation einzubeziehen und so aus einer Präsentation eine effiziente Arbeitssitzung zu machen, in der Entscheidungen getroffen werden“, sagt der Architekt, Ausstellungsplaner und MRI-Erfinder Thomas Kienzl vom Grazer Kreativunternehmen KOMMERZ. Eine Stärke des Tools ist seine einfache Bedienbarkeit: „Wenn wir das MRI aufbauen, erklären wir den Leuten gar nichts. Es reicht, dass sie die Figur in die Hand nehmen, die die Kamera symbolisiert, der Rest geht von ganz allein.“ – Es versteht sich, dass dieses Gerät in erster Linie nicht für Ingenieure, sondern für den Vorstand und für Kunden gedacht ist, also für Personen, die nicht hauptberuflich mit dem Bedienen von 3D-Anwendungen oder Betrachten von digitalen Modellen beschäftigt sind.


Gemeinsam gestalten
Durch die spielerische Einfachheit bewirkt das MRI einen völlig neuen Umgang mit Präsentationen. „Das MRI ist ein ideales Decision Making Tool“, ist Thomas Kienzl überzeugt. „Es verfolgt zwar einen spielerischen Ansatz, beschleunigt aber gerade dadurch Entscheidungen wesentlich.“ Das beginnt damit, dass die klassische Präsentationsform des Frontalvortrags durch das MRI aufgebrochen wird. Bei einer MRI-Präsentation sitzen die Beteiligten am virtuellen Modell um einen Tisch herum, und sie können Dinge in die Hand nehmen. Dadurch kommt ein sozialer, stark handlungsgeleiteter Aspekt ins Spiel: Alle Beteiligten können unmittelbar in den Gestaltungsprozess eingreifen, und man beschäftigt sich intensiver mit dem Projekt. Frei nach Konfuzius: „Erzähle mir und ich vergesse, zeige mir und ich erinnere mich, lass es mich tun und ich verstehe.“
Auf der finanziellen Seite rechnet sich der Einsatz des MRI auf mehreren Ebenen: Erstens spart es Zeit, denn alle, die zu einer MRI-Präsentation zusammenkommen, brauchen in der Regel nur einmal zusammenkommen, da Änderungswünsche in Echtzeit in der Applikationen umgesetzt werden. Dadurch spart das MRI, zweitens, Geld. Und es spart, drittens, Geld, indem es den Modellbau durch Digital Modelling ersetzt.

Navigieren via Mustererkennung
Technisch setzt das MRI-System dort an, wo 3D-Anwendungen ungeschulten Usern oft Probleme bereiten: bei der Steuerung. Die Basis des Systems besteht aus einer Kamera, die die Bewegung von Figuren auf einer beliebig gestaltbaren Oberfläche verfolgt. Das MRI lässt sich intuitiv steuern, und zwar mit allen erdenklichen Gegenständen – Männchen, Materialproben oder mit jedem anderen Objekt, das in eine Hand passt. Dazu muss lediglich ein Klebeetikett mit einem Marker-Code am gewünschten Objekt angebracht werden, und schon kann es zur Navigation oder zur Manipulation des Gezeigten verwendet werden. Die Kamera erkennt die Marker, die Signale werden am Computer in Steuerdaten umgewandelt und an eine Realtime Engine geschickt, die über Netzwerk- oder USB-Kabel mit dem MRI verbunden ist. Mit dem MRI lassen sich durch die Bewegung des Objekts Parameter wie Blickwinkel, Augenhöhe oder Bewegungsgeschwindigkeit einer Animation beeinflussen. Aber auch komplexe Konfigurationen können durch Hinzufügen oder Entfernen von mit Markern versehenen Objekten einfach verändert und am Monitor angezeigt werden.

Nagelprobe in der Fahrzeugindustrie

Seine Bewährungsprobe hat das MRI-System in der Fahrzeugindustrie bestanden, wo es von Firmen wie Daimler und Magna Steyr Fahrzeugtechnik erfolgreich sowohl in der Produktentwicklung als auch im Marketing eingesetzt wurde, zum Beispiel bei Präsentationen auf Messen. MRI-Erfinder Thomas Kienzl sieht aber vor allem in der Architektur großes Potenzial für die MRI-Technologie. Anwendungsgebiete, in denen das Tool seine Stärken ausspielen kann, tun sich hier genug auf, etwa in der digitalen Fabriksplanung oder in der Planung von Geschäftsflächen. So ist das MRI-System auf der Hannover Messe im April 2010 als unterstützendes Tool für Digital Factory Planing auf großes Interesse gestoßen: Kienzl wurde eingeladen, seine Lösung vor einigen weltumspannenden Unternehmen zu präsentieren.

Offen für Autodesk und Co.
Die Qualitäten der MRI-Technologie haben auch die Entwickler des Marktführers für 2D- und 3D-Software, Autodesk, überzeugt. Im Dezember 2009 hat Kienzl das MRI-System für Architekten im Rahmen der Autodesk University in Las Vegas erfolgreich einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und ist auf reges Interesse gestoßen. In Zusammenarbeit mit den Autodesk labs soll die MRI-Architektenlösung von Anfang an in die Software „Project Newport“ integriert werden. Jedoch ist das MRI-System nicht an Autodesk gebunden, sondern arbeitet z. B. bereits mit Google Sketchup bzw. kann via API in alle wichtigen 3D-Softwarepakete implementiert werden. Auch lässt sich das Design der Navigationsoberfläche frei formen, wodurch das MRI sowohl in Tischinstallationen als auch in kleine, transportable Geräte verbaut werden kann.

Der Text erschien in der Ausgabe 04 05/2010 der Zeitschrift Virtual Reality

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