Graz danach: Trauerflor und Kerzenmeer

Nur 50 Meter vom Haus entfernt, wo ich mein Büro habe, wurden am vergangenen Samstag ein vierjähriger Bub und eine dreißigjährige Frau getötet und Dutzende weitere Menschen verletzt; ein Mann starb nicht weit entfernt auf der anderen Seite der Mur. Der Platz vor der Grazer Stadtpfarrkirche und andere Stellen in der Herrengasse und am Hauptplatz sind jetzt voller Kerzen – aufgestellt und angezündet von Menschen, die nicht verstehen können, was sich nicht verstehen lässt: Wie einer aus seinem eigenen Schmerz, seiner Wut heraus so durchdrehen kann, dass er andere umbringt und ihm jedes fremde Leid egal wird.

Fast jeder in Graz kennt wen, der an diesem schwarzen Samstag „in der Stadt“ war und die Amokfahrt und ihre Folgen miterlebt hat. Tausende sind Zeugen geworden, Dutzende Opfer der Tat. Grüne Markierungen am Asphalt bzw. auf den Steinplatten in der Stadt haben noch zu Wochenbeginn jene Stellen angezeigt, wo die Opfer lagen, wo Menschen Blut verloren haben. Es sind Orte, die man laufend frequentiert. Es hätte jeden treffen können: das eigene Kind, die eigene Partnerin, den eigenen Partner, einen selbst – und vermutlich ist es das, was so betroffen macht.

Die Amokfahrt vom 20. Juni 2015 war der schreckliche Abschluss einer bemerkenswert verrückten Woche. In der Zeitung konnte man zu Beginn jener Woche von einem Autounfall mitten in der Stadt lesen, bei dem ein Fahrzeug auf dem Dach gelandet war. Wenige Tage später kam es zu einem weiteren ähnlichen Vorfall in der Nähe der Technischen Universität: Bei diesem zweiten Unfall konnte eine Radfahrerin nur durch einen Sprung vom Rad ihr Leben retten – ihr Gefährt wurde unter dem Auto zerquetscht, das ebenfalls auf dem Dach zu liegen kam. Wäre jemand fähig, Zeichen zu deuten, dann könnte er uns sagen, ob das schon ein Zeichen für den Wahnsinn war, der folgen sollte.

Am Samstag, kurz nach 12 Uhr mittags, fegte dieser Wahnsinn wie ein Kugelblitz aus heiterem Himmel durch die Grazer Straßen, walzte alles nieder, was ihm vor die Motorhaube kam. Er vermittelte unserer friedlichen Stadt ohne Vorwarnung eine Idee davon, mit welch irren Gewaltausbrüchen die Menschen in etlichen anderen Städten der Welt jeden Tag rechnen müssen. Wenn sie zum Markt gehen, wenn sie durch die Straßen flanieren, wenn sie im Café sitzen … Das Auto, das der Täter als Waffe einsetzte, blieb wenige Schritte von meinem Büro entfernt vor einer Polizeiwache stehen: zerbeult von den Menschenkörpern, die es gerammt hatte; der Schuh eines Mannes, der unter das Auto geraten und etliche Meter mitgeschleift worden war, steckte im Unterboden; ein gepunkteter Sommerschal hatte sich in einem Riss in der Karosserie über dem rechten Vorderrad eingeklemmt.

Kerzenteppich vor der Grazer Stadtpfarrkirche: Die Menschen versuchen das Geschehene auf die Reihe zu kriegen. Jeder für sich. Und alle gemeinsam.

Kerzenteppich vor der Grazer Stadtpfarrkirche: Die Menschen versuchen das Geschehene auf die Reihe zu kriegen. Jeder für sich. Und alle gemeinsam.

In dieser Woche sind die Straßen in der Innenstadt, öffentliche Plätze und Gebäude von Graz schwarz beflaggt. Die Menschen dämpfen ihre Stimmen, wenn sie durch die Herrengasse gehen. In den Straßenbahnen verstummen die Gespräche, wenn die Bims an den Kerzenteppichen vorbeirollen, die im Gedenken an die Opfer angezündet wurden. Apollo, Perses, Shiva – Götter der Zerstörung – haben der Stadt einen Kurzbesuch abgestattet. Aber Graz kennt keine Götter der Zerstörung. Graz reagiert mit Mitgefühl, mit Anteilnahme, mit Fürsorge – über alle sozialen Schranken hinweg: Alte, Junge, Wohlhabende, weniger Begüterte, Kopftuchträgerinnen und Hutträger versammeln sich an den Gedenkstellen und versuchen das Geschehene auf die Reihe zu bekommen. Jeder für sich. Und doch alle gemeinsam. Die Gereiztheit, die sich sonst so gerne ins Stimmungsbild der Städter mischt, ist verschwunden; Politiker finden Worte des Mitgefühls, die zu Herzen gehen. Das Tagesgezänk macht Pause. Die Menschen richten ihre unterstützenden Gedanken, Wünsche und Gebete an die Betroffenen und ihre Familien. Bei aller Trauer, bei aller gedämpfter Stimmung zeigt die Art, wie die Grazerinnen und Grazer mit der Tragödie umgehen, doch auch eines: Es ist mehr denn je eine gute Stadt zum Leben.

Graz, am 23. Juni 2015

Der Link zum Online-Portal der Stadt Graz: Graz trauert