Graz zwischen Caracas und Jerusalem

Ein Streifzug durch die heterogene steirische World-Music-Szene. Von Werner Schandor

Schwer zu sagen, ob Graz die heimliche Hauptstadt der World Music in Österreich ist. Zumindest gedeihen im sonnigen Südosten am Fuße des Alpenbogens immer wieder außergewöhnliche Projekte, wie etwa das Bonsai Garden Orchestra, das musikalisch der hawaiianischen Ukulele huldigt und 2008 mit „Take One“ auf CD reüssierte. Aber auch 2010 wurden in Graz fleißig interessante Alben mit Musik aus aller Herren und Damen Länder vorgestellt. Fünf aktuelle CDs deuten die Bandbreite der heterogenen steirischen World-Music-Szene an.

Von Südamerika …
Da wäre einmal die Band rund um die aus Venezuela stammende Flötistin, Sängerin und Liedtexterin Endrina Rosales zu nennen. „Tu Llegada“ (Deine Ankunft) nennt die Endrina Rosales Group ihr im Oktober 2010 präsentiertes Debütalbum, auf dem lateinamerikanische Rhythmen mit afrikanischen Einschlägen, ein kräftiger Schuss Pop und eine gehörige Portion Jazz zu hören sind. Eine Mischung, die gut anzuhören, aber schwer einzuordnen ist, wie Endrina Rosales im Gespräch erklärt: „Unsere Musik ist für Jazz zu poppig, für Salsa zu jazzig und für Pop zu lateinamerikanisch.“ Die klassisch ausgebildete Musikerin, die 1994 zum Studium nach Österreich kam und seither hier lebt, singt auf Spanisch über Freundschaft, persönliche Erfahrungen und das Geschenk des Lebens. Zur Seite stehen ihr erstklassige (Jazz-)Musiker aus Österreich und Venezuela, nämlich Ismael Barrios (Percussion), Harry Tanschek (Drums) und Patrick Zambonin (Bass) sowie allen voran der Keyboarder Werner Radzik, seines Zeichens steirischer Mastermind lateinamerikanischer Musik. Radzik zeichnet für die Kompositionen aus „Tu Llegada“ verantwortlich. Endrina Rosales‘ österreichisch-venezolanische Klangfusion punktet mit abwechslungsreichen Songs, perfekten Arrangements und eingängigen Melodien.
Klassischer in der Ausrichtung ist die Tango-CD „Mi corazón“ der Improvisationssängerin Katja Cruz (alias Katja Krusche) angelegt. „Lieder zu schreiben, ist überraschend passiert“, sagt Katja Cruz, die im November 2010 mit dem Album „Mi corazón“ ihre bereits zweite CD mit Tangos vorlegte. Eines Abends im Frühjahr 2010, als sie in einer Bar auf einen Freund wartete, kam ein Text auf Spanisch wie von selbst und wurde umgehend zu Papier gebracht, noch am selben Abend fand sich am Klavier das melodische Grundgerüst des Stückes „Cuando vienes“ („Wann kommst du?“). Es ist eines von 10 Stücken, die Katja Cruz mit ihrer Band „Los Aires“ einspielte, das sind: Marco Antônio da Costa (Gitarre), Heidi Savic (Akkordeon) Patrick Dunst (Klarinette) und Daniel Lima (Percussion). Acht der Stücke sind Eigenkompositionen, zu denen Da Costa und Dunst maßgeblich beigetragen haben. Auf „Mi corazón“ verknüpft sich die kühle Hingabe des argentinischen Tangos mit der Herzenswärme brasilianischer Lebensfreude. Zu empfehlen für alle, deren Sehnsuchtsland zwischen Buenos Aires und Rio de Janeiro liegt.

… über den Kosovo …
Die Sehnsucht nach einem Land, wenngleich einem untergegangenen, spielt auch bei Irina Karamarkovic eine wesentliche Rolle. Die aus Pristina stammende Jazzsängerin, Autorin und Aktivistin hat mit ihrer Band zwölf „Songs from Kosovo“ eingespielt. Traditionelle kosovarische Lieder treffen hier auf modernen Jazz in klassischer Trio-Besetzung, bekrönt von Karamarkovic‘ junger, frecher Stimme, der man sowohl die Jazzschulung als auch das einstige Faible für Independent-Rock anhört. Karamarkovic, die am Jazzinstitut in Graz Gesang studierte und dort aktuell an ihrer Doktorarbeit über den Einfluss jugoslawischer Musiker auf den österreichischen Jazz arbeitet, protestiert auf ihrem Album kraftvoll und doch akzentuiert gegen das Dahinvegetieren eines Landes, das einst im Herzen Jugoslawiens lag. Die traditionellen Lieder aus dem Kosovo, die von Karamarkovic und Band mit Verve zum Swingen gebracht werden, wurden nach den Zweiten Weltkrieg aufgezeichnet und transkribiert und damit dem Vergessen entrissen, woran auch der Großvater der Sängerin seinen Anteil hatte. Das Verdienst von Irina Karamarkovic und ihren Bandmitgliedern Stefan Heckel (p), Wolfram Derschmidt (b) und Viktor Palic (dr) ist es, dieses Liedmaterial in eine ebenso zeitgemäße wie ansprechende Jazz-Form zu bringen. Karamarkovic, die ihre Heimat bereits vor dem Ausbruch des Krieges verlassen hatte, unterstützt als Mitbegründerin der „Postpessimistischen Bewegung“ aktiv den kulturellen Austausch unter den ex-jugoslawischen Republiken. Auch auf ihrer CD setzt sie ein Statement, indem sie den serbischen „Songs from Kosovo“ ein Lied auf albanisch beimischt – ein Affront für Nationalisten und „a Freud‘“ für Jazzfreunde.

… nach Jerusalem …
In der Altstadt von Jerusalem mit ihrem jüdischen, christlichen, islamischen und armenischen Viertel kann man eine kleine Weltreise durch verschiedene Kulturen bestreiten. Musikalisch aufbereitet wird diese Reise auf dem Album „Mélange Oriental“ (2010). Dabei treffen einander der Großmeister klassischer arabischer Musik in Israel, Taiseer Elias (Oud), der junge, in Deutschland lebende Palästinenser Ahmeid Eid (Bass), der Grazer Cellist Erich Oskar Hütter und der bereits erwähnte Stefan Heckel, der hier als Akkordeonist und Arrangeur in Erscheinung tritt. Dieses außergewöhnliche Quartett interpretiert auf „Mélange Oriental“ arabische, jüdische, christliche und armenische Musik vorwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Stücke von Ernest Bloch und Felix Mendelssohn-Bartholdy wechseln mit traditioneller arabischer Musik und Kompositionen der Armenier Komitas Vartaped (1869-1953) und Makar Yekmalian (1856-1905), dazwischen gibt es kurze akustische Eindrücke aus den Gassen Alt-Jerusalems. Das Ergebnis ist ein meist orientalisch-beschwingter, manchmal getragener, immer jedoch spannender und in seinem Abwechslungsreichtum faszinierender Spaziergang durch das klingende Herz von Jerusalem. All die genannten Elemente vereint das Auftaktstück, Stefan Heckels Komposition „Bab Al-Amud“, benannt nach dem Damaskus-Tor, durch das man den arabischen Suq Jerusalems betritt.

… und retour nach Graz
Graz könnte sich seiner großen musikalischen Vielfalt rühmen. Im Alltagsleben bekommt es aber die aktuellen sozialen und kulturellen Verschiebungen ebenso wenig auf die Reihe wie die meisten anderen österreichischen Städte. Bettelverbote für Roma und Minarettphobie prägen stattdessen den Diskurs. Allein die von der Caritas herausgegebene Straßenzeitung „Megaphon“, die vor allem von afrikanischen Asylanten vertrieben wird, rückt seit Jahren die kulturelle Bereicherung durch Migranten ins rechte Licht. Aktuell auch akustisch: „Tanz. Lokal. Global“ heißt der „Megaphon“-Sampler, auf dem sich auf 12 Stücken der Bogen vom afrikanischen Trommelstück über serbischen Blues, türkische Traditionals, armenischen Jazz und kroatischen Rock bis hin zu Beiträgen von Eingeborenen-Bands wie Binder & Krieglstein oder Hella Comet spannt, nebst einem Gastauftritt von Bunny Lake. „Tanz. Lokal. Global“ ist ein fast aberwitziger Streifzug durch die World-Music-Stadt Graz, eine CD mit einzelnen Tiefen und etlichen Höhen, ideal für jede Multi-Kulti-Party.

• Endrina Rosales Group: Tu Llegada. ATS Records 2010, www.myspace.com/endrinarr
• Katja Cruz Y Los Aires: Mi Corazón. Leo Records 2010, http://katjacruz.com
• Irina Karamarkovic Band: Songs from Kosovo. GLM Records 2009, www.irinakaramarkovic.com
• Taiseer Elias, Ahmed Eid, erich Oskar Huetter, Stefan Heckel: Mélange Oriental. Extraplatte 2010, www.ohmsk.net
• Various: Tanz. Lokal. Global. Megaphon in Ton 2010, www.megaphon.at/de/megaphon_ton/

Kurzversionen eines Artikels, der am 28.1.2011 unter dem Titel „Multi-Kulti-Party“ in der „Wiener Zeitung“ erschienen ist.