Heiter scheitern

In griechischen Tragödien steigt oft einer der Götter vom Olymp und greift ins Geschehen ein. In heutiger Zeit heißt der Olymp Finanzkapitalismus, und weltumspannende elektronische Systeme entscheiden über Wohl und Weh der Menschen. Investmentbanker sind die Hohenpriester der Geldreligion. Wie einst beim kultischen Opfer alter Kulturen ist den Normalsterblichen schleierhaft, was im Allerheiligsten – an den Börsen – vor sich geht, und es ist auch nebensächlich, solange nur die Götter nicht erzürnt sind, solange das gemeinschaftliche Leben prosperiert. Dazu wird immenser Aufwand betrieben, und wenn es einmal schief geht, hilft nur noch beten.

Kristof Magnusson, 1976 in Hamburg geborener Autor mit isländischen Wurzeln, hat in seinem zweiten Roman, „Das war ich nicht“, den vielleicht ersten deutschen Roman zur Finanzkrise vorgelegt, im weiteren Sinn aber einen Roman der Lebenskrise im allgemeinen. Da sich Tragödien in der Geschichte gerne als Farce wiederholen, hat Magnusson sein Buch gleich als Tragikomödie angelegt und mit drei Hauptdarstellern in bewegten Lebensabschnitten versehen: Da ist einmal die Übersetzerin Meike, die bemerkt, dass sie sich unter ihren Hamburger Bobo-Freunden im falschen Film befunden hat. Sie trennt sich von ihrem Lebensabschnittspartner, zieht in die Einöde und wartet aufs nächste Manuskript „ihres“ Autors. Der heißt Henry LaMarck, lebt in Chicago und ist Anwärter auf den Pulitzer-Preis. Henry ist gerade 60 geworden, und am Anspruch, den großen amerikanischen Roman zum 11. September zu schreiben, gescheitert, was er sich – und seinem Verlag – noch nicht eingesteht. Schreibkrise Hilfsausdruck, würde Wolf Haas sagen. In seiner Panik verliebt sich Henry in das Bild eines Bankers, das er in der Zeitung sieht. Und bald läuft ihm der Mann, dessen Bild Henry immer bei sich trägt, persönlich über den Weg: Es ist Jasper Lüdemann, ein junger Deutscher, der in einer großen Investmentbank in Chicago arbeitet.

Jasper will Karriere machen und ist von der Verwaltungsabteilung seiner Bank in den Händlersaal aufgestiegen. Blöderweise steigert er sich beim Versuch, einen ohne Erlaubnis erwirtschafteten kleinen Gewinn im Buchungssystem zu vertuschen, immer tiefer in den Abgrund einer Spekulation hinein. Der einzige Mensch, dem er sich anvertraut, ist die Übersetzerin Meike, der er zufällig begegnet. Denn die hat ihr letztes Geld zusammengekratzt, um LaMarck in Chicago aufzusuchen und das Manuskript, das es nicht gibt, persönlich abzuholen.
In dieser schönen, überschaubaren Konstellation zieht Magnusson immer engere Kreise um Irrungen und Wirrungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, die krisenhafte Lebensabschnitte so auszeichnen – abwechselnd erzählt aus der Perspektive jeder seiner drei Hauptfiguren. Dabei hat der Autor, Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, seine Hausaufgaben gemacht, vor allem was Jaspers Kampf gegen den Mahlstrom einer fatalen Börsenspekulation betrifft: Als Leser erfährt man hautnah, wie schnell so etwas gehen kann, dass aus 20.000 Dollar Gewinn 200 Millionen Verlust erwachsen, ohne dass es bei den 200 Millionen bliebe. Es ist, als wollten die Götter den unbedarften Nachwuchspriester der Finanzreligion persönlich strafen … Darüber hinaus lernt man in Magnussons Buch die Sehnsüchte alternder Homosexueller ebenso kennen wie die Versagensängste deutscher Frauen in ihren Dreißigern: „Wer unter dreißig ist und viel trinkt, ist ein Partytyp, jenseits der dreißig ist man Alkoholiker; aus sympathisch verplant wird schnell verlebt. Jenseits der dreißig entscheidet sich, ob der Mensch, der man geworden ist, für die restlichen fünfzig Jahre taugt.“

Auch wenn es Magnusson sehr unterhaltsam gelingt, die kleinen und großen Wehwehchen seiner Protagonisten pointiert zu benennen, so tut es dem Buch insgesamt nicht sonderlich gut, dass er das Bankenthema auf triviale Weise mit privaten Krisen verknüpft. „Das war ich nicht“ kann die gesellschaftliche Dimension, auf die es anspielt, nur im heiteren Scheitern der handelnden Personen auflösen, und das ist – wie der allzu versöhnliche Schluss – ein eher unbefriedigender Ansatz. „Das war ich nicht“ ist ein Buch, das gut geschrieben ist, sich flockig liest und letzten Endes dennoch enttäuscht, ohne dass das allzu schmerzhaft wäre.

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Roman. Verlag Antje Kunstmann. München 2010. 285 Seiten.

Rezension erschienen am 27. Februar 2010 in der Wiener Zeitung

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