Lebenslanges Mimikry

Wie Persönlichkeitsseminare der Persönlichkeit zum Glück nicht das Geringste anhaben können.

Neulich war ich bei einem so genannten Persönlichkeitsseminar. Es ging um Schlagfertigkeit. Ein so genannter Rhetorik-Papst aus Deutschland war extra nach Österreich geholt worden, um 40 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern das kleine 1×1 der Schlagfertigkeit beizubringen. Der Rhetorik-Papst beschäftigte uns Lernwillige mit Übungen und Spielen, bei denen es unter anderem darum ging, auf wahllos geäußerte Vorwürfe mit einer fixen Phrase zu antworten. Dann wurde uns erklärt, dass man sich von eingefahrenen Moralvorstellungen trennen soll, um den anderen mit spontaner Aufrichtigkeit verblüffen zu können. („Sie behaupten, ich hätte mich an dem kleinen Jungen vergangen?! – Natürlich habe ich das getan!“). Dazwischen gab es eine Pause, wo der übliche grauenhafte Thermoskannenpausenkaffee serviert wurde, und wo man sich vor dem Small Talk nur auf die Toiletten flüchten konnte. Nach 4 Stunden war die Show vorbei, und als ich zu Hause nachschauen wollte, was ich denn gelernt hätte, musste ich feststellen, dass ich den A5-Block mit meiner Mitschrift glatt im Seminarraum liegen gelassen hatte. Außerdem hatte ich weder das Buch noch die Übungs-CD erworben, die der Rhetorik-Papst zum Abschluss seiner Show allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wärmstens empfahl. Aber mein „Zeugnis“ – die Bestätigung der erfolgten Teilnahme – habe ich mitgenommen, und ich kann sie in der Mappe ablegen, wo ich anderes bedrucktes Papier derselben Sorte horte, und notfalls könnte ich sie einem Arbeitgeber vorweisen, aber nach solchen Bestätigungen hat noch nie jemand gefragt.

Während Mitte des 19. Jahrhunderts Benimmbücher reüssierten, um jenen rechte Höflichkeit beizubringen, die sich im gesellschaftlichen Querdrift befanden, nämlich den aufsteigenden Bürgerschichten der deutschen Lande, fördert die Wirtschaft des frühen 21. Jahrhunderts mit der Globalitäts-Rute im Fenster die persönliche Biegsamkeit, um die Arbeitskräfte an die vermeintlichen Erfordernisse des Marktes anzupassen. Das läuft dann unter dem Begriff lebenslanges Lernen, ausgerufen anno 1996 von der EU, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Lande zu gewährleisten. Inzwischen halten 9 von 10 Europäern das Lebenslange Lernen (mit großem L bei lebenslang!) für wichtig, wie die EU-Kommission 2004 stolz in einer Pressemeldung verkündete. Ja, Kunststück, bei der Propaganda, die dafür seit fast 10 Jahren betrieben wird. Doch zum Glück lässt sich der europäische, insbesondere der österreichische Charakter von solchen Heilsversprechungen zwar kurzfristig lädieren, aber im tiefen Inneren nicht allzu sehr beeindrucken. Nur jeder 200. Arbeitnehmer, lese ich in einem deutschen Weblog, nimmt in Hessen an Weiterschulungsmaßnahmen teil. Im Rest des mitteleuropäischen EU-Gebietes dürfte es nicht viel anders aussehen.

„Teamverhalten“, „sicher präsentieren – wirksam vortragen“, irgendetwas mit Rhetorik und schließlich „Leadership-Training“, das waren die Seminare, die mich verschiedene Arbeitgeber vor der „Schlagfertigkeit“ besuchen ließen, um meine Soft Skills zu trainieren. „Verhandlungstaktik“ würde ich noch gerne besuchen, und NLP hätte ich mir auch mal liebend gerne zu Gemüte geführt, um herauszufinden, ob es der billige Selbstbetrug ist, als der es mir aus der Ferne erscheint. Aber NLP kommt langsam aus der Mode. Bei drei meiner fünf besuchten Seminare habe ich etwas für mich und über die Arbeitswelt gelernt. Immerhin. Eines, bezeichnenderweise das Rhetorik-Seminar, bestand aus sechs Stunden schier unerträglichem Dauergeschwafel des Seminarleiters, und beim „Leadership-Training“ habe ich zumindest erfahren, dass sich „echte Leader durch den Charisma-Aspekt auszeichnen“, was immer das bedeuten mag.

Von Zeit zu Zeit – d. h. im Schnitt alle zwei Jahre – finde ich es lustig, mich in so ein Seminar zu begeben. Selbst wenn es inhaltlich Schrott sein sollte, lernt man doch zumindest, dass auch die Möchtegern-Gurus nur mit Wasser kochen. Diese Erkenntnis stärkt die Selbstsicherheit, und damit wird das Ziel des Seminarbesuchs so oder so erreicht. Man betritt am darauf folgenden Tag das Büro als neuer Mensch mit dem festen Vorsatz, sich nicht länger von seinen Kolleginnen und Kollegen mobben zu lassen oder nicht mehr auf die seichten Versprechungen des Chefs reinzufallen, wenn es darum geht, die fällige Gehaltserhöhung hinauszuschieben. Drei Tage lang kann man dieses neue Selbstbild zur Anwendung bringen, spätestens am vierten Tag ist man wieder unter der Tagesarbeit begraben, und das Werkl läuft, wie es immer gelaufen ist. Übrig bleibt der Schein in der Mappe, und keiner fragt danach. Aber falls jemand von der EU käme und mir fest in die Augen blickte und folgenden Satz formulierte: „Und was hast du für das Lebenslange Lernen getan?!“ – Ich könnte ruhigen Gewissens auf die besuchten Seminare verweisen und behaupten, die Soft Skills seien tipptopp geschult worden und ich sei, was das betreffe, gut im Training.

Das meiste ist Augenauswischerei, wie wir wissen. Die Kurse und Seminare, die Arbeitnehmern zur Schulung ihrer Qualifikationen angeboten werden, zielen so sehr darauf ab, das Verhalten an die vermeintlichen Erfordernisse des Berufslebens anzupassen, dass zumeist übersehen wird, dass sie überhaupt nicht einlösen, was sie versprechen. Jeder von NLP noch halbwegs unverseuchte Mensch – und insbesondere jeder Personalverantwortliche – weiß, dass die Seminarzeugnisse das Papier, auf dem sie gedruckt sind, nicht wert sind. Aus einem rhetorischen Untalent wird kein Rhetoriker, auch wenn er oder sie noch so viele einschlägige Seminare absolviert haben sollte und z. B. die „erfolgreiche Teilnahme am Seminar ‚Weniger denken – Besser reden’“ bescheinigt bekommen hat. Bestenfalls wird ein bemühter Rhetoriker daraus, und darunter hat man als Zuhörer ja oft genug zu leiden, dass sich jemand vor die Leute stellt und hölzerne Reden hält, die mit einstudierten eckigen Gesten garniert werden, und man merkt genau, dass hinter der Pinocchiofassade Blut geschwitzt wird. Oder Politiker, die so overcoached sind, dass sie auf die einfachste Frage nur noch hohle Phrasen dreschen – auch sie zeugen davon, dass sich das eigene Verhalten nur bedingt und nur an der Oberfläche manipulieren lässt. Wenn man sich verstellen muss, gelingt das recht gut für maximal 2 bis 3 Wochen. Das ist andererseits ein Vorteil bei Bewerbungsgesprächen und in neuen Jobs: Man präsentiert sich beispielsweise als junger, dynamischer, flexibler und belastbarer Mitarbeiter, und wenn die Probezeit vorbei ist und man den unbegrenzten Vertrag in der Tasche hat, kann man allmählich und immer stärker das raunzerte, inkompetente, auf seine Vorteile bedachte, intrigante Aas raushängen lassen, das man im Grunde ist.

Das ist das Schöne am Berufsleben: Dass es auch in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit, allen Leistungsmythen des Turbokapitalismus zum Trotz, in realiter vor allem völlig ungeeignete Personen in Positionen schaffen, die aufgrund ihrer Beziehungen oder sonstiger glücklicher Zu- und Umstände von dort gar nicht mehr zu entfernen sind. Nur die Unseligen, die beispielsweise nach einem ausführlichen Studium das Glück einer Fixanstellung nicht für sich beanspruchen können, gehen der Mär auf den Leim, ihre Arbeitslosigkeit hätte etwas mit Kompetenzen und Qualifikationen zu tun, von denen sie entweder zu wenig oder – neuerdings nimmt das überhand – zu viele besäßen; oder – noch abstruser – Schuld sei ihre Persönlichkeitsstruktur. Diese Leute besuchen dann Persönlichkeitsseminare oder lassen sich für Bewerbungsgespräche coachen, bis sie sich abends vor lauter Verzweiflung nicht mehr wieder erkennen, wenn sie in den Spiegel schauen. Eigentlich arm.

erschienen in korso. Das Informationsmagazin für die Steiermark, Graz, September 2005