Ideen en masse

Seit der Stadt Graz das Geld ausgeht, dürfen die Kreativen überall mitmischen. Sie retten die Mariahilferstraße und beleben das Lendviertel; sie zerbrechen sich den Kopf darüber, wie man die Stadt urbaner machen könnte, und das Allerbeste ist: Sie tun es zu finanziellen Bedingungen, wo ein Handwerker nicht einmal ein Ohrwaschl dafür rühren würde. Das macht die Kreativen bei der Stadtpolitik so beliebt. Der Designmonat zum Beispiel wird aus der Kaffeekasse der Wirtschaftsstadträtin bezahlt.

Apropos Kaffee: Ich persönlich nutze den Designmonat, um wilde Unordnung in die Nespresso-Kapselvorräte unserer Bürogemeinschaft zu bringen. Wo ansonsten die Kapseln säuberlich nach Farbe sortiert sind, herrscht jetzt inspirierendes Chaos unter den bunten Aluminiumhütchen. Das regt die Hirnzellen ungemein an, und wenn das nicht die UNESCO-Leute davon überzeugt, dass Graz eine würdige „City of Design“ ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Oder doch. Natürlich weiß ich weiter. Schließlich zähle ich mich zu den Kreativen der Stadt – auch wenn Texter und Autoren im Designmonat weniger präsent sind als etwa Vespafahrer, denen immerhin ein eigener Programmpunkt gewidmet ist … Als Kreativer weiß ich immer weiter. Und noch weiter.

Auch für die Problemzonen von Graz habe ich massig Ideen. Die Jakoministraße z. B., die zur Geisterstraße verkommen ist, würde ich überdachen, dann das Licht abdrehen, und schon hätte man eine Attraktion mehr: eine Geisterbahnstraße, wo die Linien 4 und 5 mit ausgeschalteter Beleuchtung durchrumpeln müssen. Wenn die Bim vorbeifährt, werden schlaglichtartig die Büros und Werkstätten erhellt, in denen Designerinnen und Modemacher Tag und Nacht schuften. Kurzfilme auf den Infoscreens in der Straßenbahn singen gleichzeitig ein Loblied auf die neue Selbstständigkeit, also auf Wochenendarbeit, bodenlose Sozialversichungszahlungen und null Einkommen im Krankheitsfall. Und alle gruselt’s.

Oder die Annenstraße, die in den letzten Jahren zum Eldorado für sehr günstige Koffer und Reisetaschen aus Fernost mutierte … fast wundert es mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, beim Roseggerhof und beim Eggenberger Gürtel je eines von diesen bunt lackierten, hölzernen Drachentoren aufzustellen, die hin und wieder die Pforten von Chinarestaurants zieren. Nur dass die Drachentore in der Annenstraße groß wie Feuerwehrautos sein müssten und die ganze Straßenbreite zu überspannen hätten. Graz hätte dann ein Chinatown – als erst Stadt von da bis Hamburg! Die Touristen würden nur so durchwuseln, und alle Asia-Lokale, die in den letzten Jahren wie Bambussprossen aus dem Boden schossen, würden sich um den Standort raufen.

Schade auch, dass die geplante neue Moschee in der Lazarettgasse keine Minarette haben wird. Gemeinsam mit der Kuppel vom nahen „Citypark“ hätte das nämlich fast eine Hagia Sophia ergeben. Nachdem das Franziskanerviertel bereits zum Little Italy mutiert ist, warum soll dann nicht rund um den Rösselmühlpark ein Klein-Istanbul entstehen? – Ah so, das hätte ich fast vergessen: Kreative sind nicht zuletzt deshalb bei der Politik so beliebt, weil man ihre Ideen, sobald sie die Kernwählerschichten verstören könnten, einfach in der Schublade versenken kann. Auf Nimmerwiedersehen. Hat ja nicht viel gekostet.

Werner Schandor

erschienen am 23. Mai 2010 in der Grazer Wochenzeitung „G7“