Im Ernst: die neue schreibkraft

Da gab das österreichische Feuilletonmagazin „schreibkraft“ in seiner gewohnt vieldeutigen Manier ein Thema vor, das man durchaus humorig hätte auffassen könnte, und was kam heraus? – Das literarischste Heft seit langem: schreibkraft Nr. 19, „im ernst?“. Eventuell liegt es daran, dass die Redaktion im Frühjahr 2009 einen Wettbewerb zur Rettung des Reimes ausgeschrieben hatte, der aufzeigen sollte, dass der in der Literatur vielgeschmähte reine Endreim zu mehr gut ist als zu Propagandasprüchen rechtspopulistischer Parteien. Dutzende Zusendungen waren die Folge, eine Auswahl an gereimten Gedichten und Sprüchen wurde in „schreibkraft“, Heft 19, aufgenommen.

 

Der literarische Teil der neuen „schreibkraft“ ist nicht nur stark, sondern auch sehr am Motto „im ernst?“ orientiert. Myriam Keil etwa geht der Frage nach, wie der Alltag von Ernst aussieht. Sie präsentiert uns Ernst auf dem Weg zur Arbeit und danach im Büro, in der Mittagspause und später am Abend daheim bei seiner Frau. Felix Wallner wiederum berichtet vom ernsten Eifer, Kinder zu zeugen, und verwendet in seiner Geschichte das schöne, viel zu selten verwendete Wort „Insemination“. Darüber, wie man diese Kinder, wenn sie etwas größer sind, missbraucht, erzählt Roland Steiner in seiner „Familienserie“. Auch bei Kerstin Kempker finden sich die familiären Bande auf dem Fundament einstürzender Böden wieder, womit die Institution Familie von unseren Autorinnen und Autoren endgültig als fragloser Ernstfall ausgewiesen wäre. Warum das in Zeiten wie diesen so sein mag, darauf gibt Harald A. Friedl Antwort, der, bevor er seinen Text schrieb, seinen rosa Wollpullover in der Mülltonne versenkte und seinen auf Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen abonnierten Fernsehapparat aus dem Fenster seines Einfamilienhauses warf.

Ein Thema durchwirkt die neue Ausgabe des österreichischen Feuilletonmagazins jedoch durchwirkt wie kein anderes, und das war gewissermaßen Sinn der Übung: die Rede ist von DER Krise, die sich seit Monaten als dunkler Schatten über die Marktwirtschaft legt, worüber einigen schon das Lachen vergangen ist, während andere noch immer glauben, DIE Krise wäre lediglich eine drei Grad unterhaltsamere, besonders hartnä¬ckige Variante vom Villacher Fasching. Nix da! Caroline Fürholzer, Ernst Kilian und Vasile V. Poenaru entführen uns in die Krisenherde Wien, Berlin und Bukarest; Bernhard Horwatitsch erklärt derweil von München aus, wie die Mongolen ihre ökonomisch erfolglosen Anführer hinzurichten pflegten; und Erich Schirhuber wünscht sich, dass der Ernst des Lebens jetzt zu seinem Recht kommt. Dass uns trotz Alter, Tod und Einsamkeit – mit denen sich Anna Weidenholzer, Doris Neidl und Katharina Bendixen beschäftigen – das Lachen nicht vergeht, dafür sorgen die Kabarettisten. Ob die in der Krise witziger sind als sonst, das wird Kabarettexpertin Iris Fink vom Österreichischen Kabarettarchiv in einem Interview gefragt. Und sie negiert.

schreibkraft, Heft 19, „im ernst?“
Mit Essays und Feuilletons von Erich Schirhuber, Bernhard Horwatitsch, Caroline Fürholzer, Ernst Kilian, Vasile V. Poenaru, Anna Weidenholzer, Doris Neidl, Harald A. Friedl und Katharina Bendixen. Literarische Texte von Myriam Keil, Kerstin Kempker, Roland Steiner, Christoph Janacs, Cordula Simon, Felix Wallner, Tobias Falberg und Ron Winkler. Grafiken von Teresa Präauer.

Um 6 Euro zu beziehen über schreibkraft@mur.at
Die schreibkraft im Internet: www.schreibkraft.adm.at

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