“im ernst?” – Feuilletonmagazin “schreibkraft” sucht Texte

Das Ende der Ironie wird immer wieder einmal ausgerufen, aber jetzt, wo sogar das Pfarrblatt der Pfarrgemeinde St. Leonhard in Graz auf seinem Umschlag die Aufforderung „Werde wesentlich!“ als Schlagzeile verwendet, scheint es wirklich ernst zu werden. Und wäre es nicht – angesichts hunderttausender Arbeitsplätze, die Monat für Monat in den westlichen Wirtschaften verloren gehen, und angesichts damit verbundener Tragödien – tatsächlich angebracht, wenigstens ein paar ironiefreie Monate einzulegen, um über das Leben an sich und das Dasein abseits konsumistischer Verhaltensweisen nachzudenken?

Dann wieder springt der herrschende Ernstfall, den das Orientierungssystem Weltwirtschaft vorgibt, urplötzlich in unfreiwillige Komik um, wobei sich vor allem österreichische Politiker und Massenmedien hervortun (die zum Glück beide im Ausland nicht ernst genommen werden), etwa als es im Fasching anlässlich des Opernballs 2009 – DAS gesellschaftliche Ereignis des Landes – hieß, dort sei gegen die Krise angetanzt worden. „Tanz gegen die Krise!“ – so weinselig realitätsfern kann man nur in einem kleinen Land sein, das seine politischen Ernstfälle bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinter sich gelassen hat.

Zwischen diesen beiden Polen – dem aktuellen Wirtschaftsernstfall und seinem Umschlagen ins Absurde – möchte die „schreibkraft“ darüber nachdenken, welche Auswirkungen die ausgerufene Krise auf unser Denken und die Wahrnehmung haben könnte. Ist das Ganze ein weiterer Sickerwitz einer hysterisierenden Medienmaschinerie, über den wir schon nächstes Jahr lachen können, oder wird es wirklich ernst? Ist die westliche Gesellschaft in ihrer Konsumdekadenz überhaupt noch fähig, ernsthaft auf das Leben zu reagieren? Oder sollten wir letztlich nicht alles dafür unternehmen, dass Villacher Fasching, Sportübertragungen und Dancing Stars (auch so ein „Tanz gegen die Krise“) weiterhin zu den Quotenbringern der Nation zählen? – Allein weil diese süße Dekadenz dem bitteren Ernstfall allemal vorzuziehen ist?

Im Ernst: Wir suchen Texte über das Leben mit Krisen, über das künstliche Lachen, mit dem Fernsehserien hinterlegt werden, über das Ende der Studienzeit, den Eintritt ins Berufsleben und das Älterwerden, also über den „Ernst des Lebens“; weiters über Katastrophenpläne und die Lust am Leiden, über den Zweifel als große Ernsthaftigkeitsmaschine, über die Begriffsstutzigkeit, die Witze und Werbestrategien zunichte machen kann, über Melancholie und Depression, über das Sendungsbewusstsein politischer Idealisten und das große Gefühl der Vergeblichkeit, über Paranoia und Größenwahn, über schlechte Kabarettisten, über Erlebnisse mit humorfreien Mitmenschen, über Trauerreden, Abschiedstränen und akute Notfälle.

Einsendeschluss für Beiträge ist der 14. September 2009
Adresse für Zusendungen: schreibkraft@mur.at
Weitere Informationen: www.schreibkraft.adm.at