Jazz ist gefährlich

Dass Jazz gefährlich sein kann, war mir immer schon klar. Sei es, dass man Gäste vergrätzt, wenn man es zur falschen Zeit wieder mal mit John Coltranes OM probieren will. Sei es, dass man eine auf Italo-Hits geeichte Freundin zu einem Besuch im Grazer Jazzclub Stockwerk überredet, und das Erste, was der Pianist auf der Bühne macht, ist, dass er sich vor das Pianino auf den Boden setzt und den offenen Resonanzkörper des Klaviers mit Fäusten und Klöppeln traktiert! Wieder eine Chance vertan, mit gefälligen Harmonien ein Herz für den Jazz zu gewinnen. Aber vielleicht ist es angesichts des Gefahrenpotenzials, das von dieser Musik ausgeht, besser so.

Wenn ich gewusst hätte, wie gefährlich Jazz tatsächlich ist, hätte ich mich nur noch mit Schutzweste ins Stockwerk getraut. Zum Glück hat mich Dr. Klaus M., der Doktor Sommer der Musikkriminologie, jetzt aufgeklärt. In seiner frei im Internet zugänglichen, mehrteiligen Aufsatzsammlung aus den Jahren 2007 ff. warnt der deutsche Musikwissenschaftler vor den Abgründen diverser Musikstile wie Heavy Metal, Rap, Rock und eben Jazz. Und nein, es geht ihm nicht um die physiologischen Gefahren, wonach man sich beim Headbangen Halswirbel verrenken kann, und auch nicht um psychosomatische Risiken, etwa, dass einem beim Konsum von deutschen Schlagern eventuell das Mittagessen wieder hochkommt, sondern es geht um die zersetzenden Folgen, die Teufelszeug wie Jazz auf die Gesellschaft haben kann.

Zitat aus „Was Sie über Jazz wissen sollten“ von Klaus M.: „In den 1950er-Jahren, als Jazz noch zu den aggressivsten Musikstilen gehörte, zeigte er im relativ unbedarften Nachkriegsdeutschland große Wirkungen: Bei Konzerten von Louis Armstrong 1955 in Hamburg und Frankfurt randalierte das Publikum, warf Flaschen und Stuhlbeine auf die Bühne. […] Wenn Jazzkonzerte nach dem Aufkommen von Rock’n’Roll und Beat diese spektakulären Wirkungen nicht mehr hatten, so zeigt das die Abstumpfung der Hörer, die inzwischen ‚härtere‘ Musikdrogen brauchen, um auszurasten.“

Das muss man sich mal vorstellen: Im „unbedarften Nachkriegsdeutschland“, das gerade eine 1.000-jährige Phase äußerster Friedfertigkeit hinter sich hatte, tritt ein Berserker wie Louis Armstrong auf, und die armen, unbedarften Deutschen, die gar nicht wussten, was Aggressivität eigentlich ist, zucken ob des akustischen Armageddon völlig aus!* Das würde ich im Stockwerk auch mal gerne erleben! Aber dort ist das Publikum ja bereits so abgestumpft, dass nicht mal Impresario Otmar Klammer die Leute mit seinen provokativ launigen Konzert-Anmoderationen zu einer Gewalthandlung animieren kann.

Freilich, wenn man diesen Jazz-Text liest und sich anschaut, dass Herr M. als Beleg für seine kruden Thesen vor allem einen Autor der 1920er-Jahre heranzieht, kann man schon ins Sinnieren geraten, welche Klänge er zur geistigen Erbauung anempfehlen würde. Vielleicht etwas Frühbarockes aus dem friedliebenden 17. Jahrhundert …? Oder Richard Wagner?

Doch wie so viele Mahner und Warner ist Dr. M. sich offensichtlich nicht bewusst, welch gefährliche Wirkungen gerade sein eigenes Tun entfaltet. Als ich nämlich am Ende seines Traktats folgenden Satz zitiert fand: „Ein junger Mann versicherte, daß sein Niedergang begann, als er im Alter von zwölf Jahren anfing, Schallplatten von Barry Manilow zu hören. Dies führte zwangsläufig zu härterer Musik, Drogen, Alkohol und Gewalt“ – da hätte ich mir fast den Steiß gebrochen. Nämlich als es mich zwangsläufig vor Lachen vom Stuhl prackte. Und dann habe ich mir und meiner sorgenvoll dreinblickenden Familie auf YouTube Berry Manilows Schmalzlawine „Mandy“ vorgespielt, um meinen Junior vor den Gefahren dieser Musik zu feien. Zum Glück hat Manilow genau so viel mit Jazz zu tun wie Louis Armstrong mit Aggressivität.

Doch genug vom promovierten Pausenclown. Jetzt wünsche ich mir vom Stockwerk-Programm etwas wirklich Gefährliches: einmal ein Konzert, wo Frühbarock, Richard Wagner und Barry Manilow in die Jazzmangel genommen werden. Gerne auch mit einem Pianisten, der sich vor das Pianino hockt und auf die Saiten eindrischt, bis das Publikum in Raserei verfällt!


Der Text erschien im Programmheft 01-03/2019 des Jazzclubs Stockwerkjazz in Graz.

* Eine liebe Freundin, die besagte Zeiten als junge Frau erlebt hat, kommentierte meinen strengen Absatz über die „unbedarften Deutschen“ mit folgendem klugen Einwurf: „Ich denke, der Autor meinte: musikalisch unbedarft – und das waren die Deutschen natürlich. Bei jahrelangem zensurierten, gestörten Radio, bei keinerlei Zugang zur amerikanischen Kultur, war eine ganze Bevölkerung (oder was davon übrig geblieben war) notgedrungen musikalisch unbedarft. Erst mit der amerikanischen Besatzung kam der Jazz, und wir ‚Babys‘, bald Teenies, hörten stundenlang die zwei, drei äußerst kostbaren Platten, die wir hatten ergattern können, und natürlich AFN (American Forces Network). Als man endlich den wunderbaren Armstrong live hören konnte, zerbrachen die Jungen vor lauter Musik-Begeisterung schon ein paar Stühle, und es tobte ein Protest: Jung gegen Alt! So hatte ich es erlebt, und gar nicht so anders hatten es bestimmt die jungen Leute in Salzburg, in Klagenfurt, in Graz, in ganz Österreich erlebt.“