John Lennon im Greißlerladen

Die alte Geschichte eines 19-jährigen Sorgenkindes, von Alexander Osang mit Bravour neu erzählt. Rezension von Werner Schandor

Montag, 8. Dezember 1980, abends auf den Treppen zum Dakota Building in New York City: „John Lennon?“, fragt jemand. Der Musiker dreht sich um, dann fallen Schüsse. „I’m shot“, lauten Lennons letzte Worte. Einen Tag später sehen mich die Schulkollegen mit Leidensmine durch die Gänge schlurfen. Überall auf der Welt ging es Teenagern gleich wie mir: Wir trauerten, auch wenn wir nicht genau verstanden, warum wir eigentlich trauerten, denn John Lennon war für uns – nüchtern betrachtet – nicht mehr als ein Starschnitt aus einem Jugendmagazin und eine coole Stimme auf rund 20 Popplatten. Der Rest ist mediale Hysterie, eine Heiligenlegende des Popzeitalters.

„Lennon ist tot“ heißt der zweite Roman des deutschen Schriftstellers Alexander Osang, Jahrgang 1962, vielen auch als New York-Korrespondent des „Spiegel“ bekannt. Anders als unsereiner ist die Hauptfigur in Osangs Buch von John Lennon anfangs wenig beeindruckt. Der Protagonist, der 19-Jährige Robert Fischer aus Deutschland, der ein Studienjahr in den USA verbringt, über das Popidol: „Lennon erinnert mich an Nico Zielke, einen der ernsthaftesten Amerikakritiker in unserer Klasse, er hatte lange Haare und so eine runde Metallbrille, lachte nie und bekam aus irgendeinem Grund mit dieser Nachdenkertaktik die besten Mädchen ab. So stellte ich mir Lennon vor.“

Wir schreiben das Jahr 2005, es ist kurz vor Weihnachten, und unser Held hat beschlossen, wenige Tage vor dem Besuch seiner Eltern in New York City unterzutauchen. Der 19-jährige Schulabbrecher lässt sich durch den Big Apple treiben. Er hat kein Ziel und keinen Plan für die Zukunft, nur den vagen Verdacht, dass das Leben, das seine Eltern von ihm erwarten, nicht das seine ist…
Dieses Setting kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Dann Gratulation zum guten Gedächtnis! Sie haben sich den Handlungsrahmen vom „Fänger im Roggen“ gemerkt! Alexander Osangs Held, der mit Jerome D. Salingers Büchern im Gepäck untertaucht, hat einiges mit Holden Caufield aus dem „Fänger“ gemeinsam: Den distanzierten Blick auf die Welt der Erwachsenen und ihre Stereotype; das unbestimmte Gefühl, fehl am Platz zu sein; einen jüngeren Bruder, um den er sich sorgt (bei Salinger war es eine Schwester); und Begegnungen mit seltsamen Käuzen, wie sie in New York massenhaft herumzulaufen scheinen.

Einer dieser Käuze ist der Berliner Malermeister Hans, in dessen Schlepptau Robert auf Fire Island kommt, eine Ferieninsel für betuchte Städter in der Nähe von New York. Dort bringt Hans im Winter für einen der Hausbesitzer ein Cottage auf Vordermann. Das Besondere an diesem Haus: John Lennon und Yoko Ono haben einmal hier übernachtet, und Lennon war im örtlichen Greißlerladen einkaufen. „Er hat drei Schachteln Chesterfield gekauft, filterlos“, erzählt die Tochter der Greißlerin, „dann ist er verschwunden. Das war alles. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht so richtig, was ich wirklich gesehen habe, und was mir meine Mutter später erzählt hat. Für sie war es der Höhepunkt ihres Lebens (…). Sie hat die Geschichte so oft erzählt, bis man dachte, John Lennon sei ein Familienmitglied.“

Robert kann im gleichen Bett schlafen wie die Lennons, und er beginnt sich für den Ex-Beatle zu interessieren, was ihn von seiner eigenen Misere ablenkt. Hans verrät ihm, dass Yoko Ono angeblich ein Verhältnis mit dem Besitzer des Ferienhauses gehabt hat. Manche würden sogar munkeln, Yoko Ono selbst hätte Lennons Tod herbeigehext. – Man kennt den Denkansatz von Verschwörungstheoretikern und durch die Lennon-Biographie von Albert Goldman.

Lennon ist tot, aber noch lange nicht so tot wie unser Held, während er munter durch die Gegend spaziert. Lennons überlebensgroßes Gespenst beginnt in Roberts Kopf zu spuken. Die Beschäftigung mit dem Beatle bringt den emotional scheintoten Jugendlichen an den Rand der Idee, dass auch in seinem Leben mehr möglich wäre, als „Rechtsanwalt“ auf die Frage nach dem Berufswunsch anzugeben, weil er meint, „die Erwachsenen“ würden das von ihm erwarten. Und so kommt es, wie es kommen muss: Robert erkrankt nach einem Zeckenbiss auf Fire Island schwer, und die Katharsis darf einsetzen. Das Sorgenkind, dem Tod von der Schaufel gesprungen, schöpft ganz am Ende Mut, seine eigene Lebensgeschichte zu schreiben, anstatt nur die von John Lennon zu lesen. Und vielleicht ist auch das ein Grund, warum 1980 Hunderttausende vom Tod des Idols so berührt waren; vielleicht war und ist Lennon ein Katalysator für die Selbstfindung von (zu) sensiblen, im Grunde verängstigten Jugendlichen, die keine Ahnung haben, was sie in und mit der Erwachsenenwelt anfangen sollen.

Alexander Osang schafft es in seinem Entwicklungsroman meisterlich wie einst Jerome D. Salinger, uns die Welt durch die Augen eines 19-Jährigen sehen zu lassen: Die peinlichen Momente eines Adoleszenten, wenn ein 45-Jähriger neben ihm bei einem Rockkonzert ausflippt; die Unsicherheit, als ihn die 36-jährige Tochter der Greislerin zuerst verführt und dann fallen lässt; der unvermittelte, heftige Gewaltausbruch, als er von einem homophilen Nachbarn angebaggert wird.

Ja, diese Stimmungen haben die Älteren unter uns so ähnlich auch schon im „Fänger im Roggen“ gelesen, was Alexander Osang vom deutschen Feuilleton des Öfteren vorgeworfen wurde. Nur scheint es mir in einer Kultur, deren Klassiker sich freihändig aus den Stoffen der Antike bedienten, durchaus legitim, wenn ein zeitgenössischer Autor einen Roman aus dem Jahr 1951 entstaubt und ins Jahr 2005 verfrachtet. Und das tut Alexander Osang mit Bravour. Die paar sprachlichen Amerikanismen, die auf das Konto seiner „Spiegel“-Jahre gehen, seien ihm nachgesehen. „Lennon ist tot“ ist eingängig und im Innersten fragil wie ein Song des Liverpooler Popheiligen selbst. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Alexander Osang: Lennon ist tot. Roman. S. Fischer: Frankfurt/Main 2007. 312 Seiten

Die Rezension erschien am 22. Juni 2007 in der Wiener Zeitung