K&Ö-Ausbau: Stadt Graz soll direkt mit UNESCO verhandeln

Graz – Architektur-Vorsitzende Ulrike Bogensberger: „Grazer Memorandum“ soll bauliche Weiterentwicklung in Weltkulturerbe-Städten definieren. Graz könnte auf diese Weise Vorreiterrolle in Baufragen von UNESCO-Städten einnehmen.

Die Krise als Chance – so könnte man den Vorschlag bewerten, den Ulrike Bogensberger in die Diskussion um den geplanten Dachausbau des Kaufhauses Kastner & Öhler einbringt. Ulrike Bogensberger ist Vorsitzende der Sektion der ArchitektInnen in der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Steiermark und Kärnten.

„Wenn ich mir die jüngsten Medienberichte anschaue, dann könnte man meinen, die Vorbehalte des Rats für Denkmalpflege ICOMOS gegen das Bauprojekt würden auf dem groben Missverständnis fußen, Kastner & Öhler wolle nicht sein Dach neu gestalten, sondern das Traditionshaus abreißen und neu errichten“, sagt Ulrike Bogensberger. „Es ist jedenfalls höchste Zeit, dass die Stadt Graz auf hohem fachlichem Niveau nicht mit ICOMOS, sondern direkt mit der UNESCO diskutiert und belegt, dass der Altstadtschutz, der in Graz eine starke Tradition aufweist, bei diesem Projekt gelebt wird. Auch ein objektives Gutachten von unabhängiger Stelle aus dem Ausland würde die Vereinbarkeit des Projekts mit dem Status als UNESCO-Weltkulturerbe belegen.“

„Grazer Memorandum“ als Richtlinie zum Ausbau von UNESCO-geschützten Städten
Das Kernproblem in der laufenden Diskussion sieht die Architektenvertreterin darin, dass praktisch keine Richtlinien existieren, wie Städte, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden, architektonisch mit ihrem Erbe umgehen sollen. „Bei Einzeldenkmälern wie dem Taj Mahal ist klar, wie man sie schützen oder erhalten muss. Aber bei Weltkulturerbe-Städten fehlen diese Richtlinien weitgehend“, sagt Ulrike Bogensberger. „Hier könnte die Stadt Graz ansetzen und in Zusammenarbeit mit Architekturschaffenden und anderen Personen, die sich mit Städteplanung, Kunstgeschichte und Baukultur beschäftigen, in einem ‚Grazer Memorandum’ konkrete Leitlinien für den Ausbau von UNESCO-Städten schaffen. Graz könnte auf diese Weise eine Vorreiterrolle einnehmen und sich selbst künftig den Schleuderkurs bei Bauprojekten in der Altstadt ersparen.“

„Auch die laufende Diskussion über das Grazer Altstadtgesetz, in dem der Stadtsenat Einspruch erhebt gegen die Bedeutung von baukünstlerischer Qualität in der Altstadt, den Einspruchsmöglichkeiten bei Verstößen, und Zweifel einräumt, ob öffentliche Flächen überhaupt zur Altstadt gehören, sollte die Stadt mit einem klaren Bekenntnis zum Schutz der historischen Stadt beenden,“ sagt die Vorsitzende der Sektion ArchitektInnen in Steiermark und Kärnten.

Ulrike Bogensberger
Architektenverteterin Ulrike Bogensberger fordert klare Richtlinien für bauliche Weiterentwicklung in UNESCO-Weltkulturerbestädten. Die Architekturstadt Graz soll eine Vorreiterrolle einnehmen. Foto: textbox.at

Weitere Informationen:
DI Ulrike Bogensberger, Vorsitzende der Sektion der ArchitektInnen in der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Steiermark und Kärnten, Tel. 0664 1326562