Lend in Sicht

Im Westen von Graz liegt Alfred Wegeners Urkontinent „Pangaea“

Eine der aufgeräumtesten Gassen der Stadt ist die Wegenergasse hinter der Reiterkaserne am Fuße des Ruckerlbergs. Wenn man sie betritt, kommt man sich vor wie frisch gebadet und schreitet voller Zuversicht in die Zukunft. Die Wegenergasse hieß einst Blumengasse, doch dann kam der norddeutsche Meteorologe und Geophysiker Alfred Wegener und ließ sich 1924 samt Frau, Töchtern und Schwiegereltern in unserer schönen Stadt nieder, weil er an der Uni eine Professur erhalten hatte. Wegener galt zu Lebzeiten als verwegener Grönlandforscher, der in jungen Jahren die größte Insel der Erde mehrfach bereist und dort bei Temperaturen um die minus 50 Grad überwintert hatte. Er war außerdem Messfanatiker und Spezialist für Wirbelstürme und Meteoritenkrater. Unter den Geologen seiner Zeit hatte sich Wegener aber als veritabler Spinner einen Namen gemacht, behauptete er doch, die Kontinente wären nicht fix an der Erdoberfläche verankert, sondern würden sich auf dieser bewegen. Eine völlig absurde Idee, dachte man damals, als der Forscher vor genau 100 Jahren, im Jänner 1912, seine Ansichten erstmals bei einem Vortrag öffentlich vorstellte. Meteorologe, kümmere dich um dein Wetter, aber lass die Geologen mit deinen Phantastereien in Frieden!, musste Wegener sich sinngemäß anhören. Eine bittere Pille für den engagierten Naturwissenschaftler. Die Erdteile, glaubte man damals, seien vom lieben Gott fix an die Erdoberfläche verschraubte Landmassen, die irgendwann einmal durch feste Landbrücken verbunden gewesen seien, damit Nasenbär, Faultier und Archäopteryx von Westafrika nach Südamerika wandern konnten.

Heute weiß man, dass Wegener Recht hatte: Die Kontinente bewegen sich und driften rumpelnd rund um den Globus. Wer’s nicht glaubt, der braucht nur durch den Grazer Volksgarten zu spazieren und wird dort erkennen, dass mitten im schönen Lendviertel Europa, Asien und Afrika aufeinandergetroffen sind. Quirlige Bosnier, versonnene Tschetschenen und lässige Nigerianer hocken nun im Schatten der großen Platane bei der Hundewiese mit jungen Grazer Ureinwohnern beisammen und rauchen aromatische Friedenspfeifen, um in die Drift zu kommen. Hey Mann, was geht ab? – Die Kontinente bewegen sich, mir dreht sich der Boden unter den Füßen …

Man sollte den Volksgarten in Völkergarten umbenennen. Oder gleich „Pangaea“: „Alles Land“ (bzw. „Alles Lend“). So hatte Wegener den riesigen Urkontinent getauft, von dem sich im Lauf der Jahrmillionen unsere heutigen Erdteile abspalteten. Ob Wegener je den Volksgarten betreten hat, ist nicht bekannt. Vermutlich nicht. Denn der Osten von Graz, wo Wegener wohnte, war vom Westen mit seinem Volksgarten bis vor Kurzem noch durch den Marianengraben getrennt.

Wegener brach übrigens von Graz aus 1930 ein drittes und letztes Mal nach Grönland auf. Er sollte von dort nicht mehr in die putzige Blumengasse zurückkehren, die seither Wegenergasse heißt.

Werner Schandor

Erschienen am 4. 3. 2012 im Grazer Stadtmagazin „G7“ der „Kleinen Zeitung“