Literatur abseits vom Markt

Ilse Kilic und Fritz Widhalm werken als „Das fröhliche Wohnzimmer“ an listig-programmatischen Kunstprojekten quer über alle Sparten und arbeiten in einem groß angelegten „Verwicklungsroman“-Projekt ihr Leben literarisch auf. Von Werner Schandor

„Ich weiß nicht, was der Markt will. Ich fürchte, meine Literatur ist damit nicht vereinbar,“ sagte neulich eine Autorin im privaten Gespräch. Demnächst erscheint ihr vierter Roman in einem renommierten Verlag, aber wie man spätestens seit dem Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld weiß, bedeutet das in Zahlen noch gar nichts; zumindest rechnete Unseld Anfang der 1907er-Jahre dem stets geldversessenen Bernhard vor, dass der Suhrkamp Verlag sogar von Samuel Becketts Romanen keine 2000 Stück verkauft habe.

Im Literaturbetrieb werden nur jene wenigen reich, denen es gelingt, einen Bestseller in Deutschland zu lancieren und in der Folge den Erwartungen ihrer Leserschaft zumindest halbwegs gerecht zu werden. Einige andere Autoren können ganz gut von ihrer Arbeit leben, doch das Gros der Literaten werkt unter prekären Verhältnissen, egal wie sehr man sich bemüht, das Phantom des Marktes zu bedienen. Was aber tun, wenn man sich den Zwängen des Literaturbetriebs von vornherein nicht unterwerfen möchte? – Man kann zum Beispiel horizontal aus dem System aussteigen und sein eigener Vermarkter werden: Einen eigenen, kleinen Verlag gründen und die Bücher bei Lesungen und sonstigen Auftritten selbst verkaufen. Das ist die literarische Variante des bäuerlichen Ab-Hof-Verkaufs.

Biografie am literarischen Prüfstand
Florianigasse, 8. Bezirk. Fritz Widhalm schlendert die Straße herauf, gut erkennbar an der bunten Hose und dem lockeren Seitenscheitel; Ilse Kilic trifft wenig später ein, Nordic-Walking-Stöcke in den Händen, den Kopf mit einem eng anliegenden Tuch vor dem kühlen Wind geschützt. In der Auslage des Ladens, vor dem wir uns treffen, sind Bilder, Bücher und Schweinefiguren ausgestellt: Die Bilder sind farbenfroh, die Bücher selbstverlegt oder aus anderen kleineren Verlagen, und die Sammlung von Glücksschweinen ist vermutlich die größte in Österreich.
Ilse Kilic und Fritz Widhalm in ihrem Glücksschweinmuseum, Foto: Werner Schandor

Wir gehen die drei Stufen in den ehemaligen Friseurladen hinauf, drinnen präsentiert sich ein ähnliches Bild: Die in Schweinchenrosa gehaltenen Wände sind bis oben hin vollgehängt mit kleinformatigen Bildern von naivem Gestus. Dazwischen hängt eine Kuckucksschweineuhr, die zur vollen Stunde vier Mal grunzt. „Wohnzimmerkunst – pay as you wish“ steht auf einer Tafel. Ilse Kilic und Fritz Widhalm betreiben hier in der Florianigasse 54 ihr Glücksschweinmuseum und ihre Wohnzimmer-Galerie. Das Wohnzimmer, das sind sie selbst, zumindest firmieren Kilic/Widhalm seit über 25 Jahren unter dem Label „Das fröhliche Wohnzimmer“, geben Bücher in der „edition fröhliches wohnzimmer“ heraus, gestalten alle vier Wochen im Wiener Kabelkanal Okto-TV eine „Wohnzimmer-Filmrevue“, machen Musik als Band „Living Room“ und veröffentlichen mit dem auf Kopierpapier produzierten „Wohnzimmer“ eine „Zeitschrift für unbrauchbare Texte und Bilder“, für die Fritz Widhalm als Herausgeber verantwortlich zeichnet.

Das Glücksschweinmuseum in der Florianigasse haben Kilic und Widhalm 2006 eingerichtet, da hatte Ilse Kilic gerade eine Krebserkrankung überwunden. „Wir sammeln Glücksschweine, und wir haben immer wieder davon gesprochen, es wäre schön einen kleinen Laden mit Kunst & Schwein zu machen“, erzählt die Autorin. „Und als ich Krebs hatte, haben wir gesagt: Jetzt oder nie, weil wenn du es immer nur träumst und nie machst, wird es nie was werden.“


Heavy-Metal-Glücksschwein im Glücksschweinmuseum, Foto: Werner Schandor

Wie die Krebsdiagnose sich auf das Leben von Ilse Kilic und Fritz Widhalm ausgewirkt hat, kann man unter anderem im literarischen Comicband „Ein kleiner Schnitt“ (2005) nachlesen. Verweise darauf finden sich aber auch im 7. Band und bislang jüngsten Band des groß angelegten, autobiografischen „Verwicklungsroman“-Projektes: Seit „Dieses Ufer ist rascher als ein Fluss!“ (1999) veröffentlichen Kilic und Widhalm alle zwei Jahre einen neuen Band vom „Verwicklungsroman“, in dem sie ihre verschlungenen Lebenswege nachzeichnen – sowohl als Einzelpersonen vor ihrer gemeinsamen Zeit als auch als Duo Kilic/Widhalm bzw. als Jana Brenessel und I.G. Naz, wie ihre literarischen Alter egos heißen. Die bisherigen 7 Bände umfassen mittlerweile über 800 Seiten mit Texten und Illustrationen, in denen das Duo der Frage der eigenen Geschichte auf der Spur ist und so nebenbei die Problematik von Erinnerung und (Auto-)Biografie thematisiert. Der jüngste Band heißt „Alles, was lange währt, ist leise“ (2011), und darin wird man ins Wien der späten 1970er-/frühen 1980er-Jahre entführt. Man bekommt Einblicke in die damalige Wiener Hausbesetzerszene, in der Widhalm aktiv war, gastiert in Ilse Kilics Wohngemeinschaft und erfährt, wie kurz der Weg von der offenen WG in die geschlossene Psychiatrie für manche Leute ist, wenn die falschen Drogen im Spiel sind.

Außerdem wird von gewissen Vorlieben für Travestie und Popo-Versohlen berichtet. – Was bringt die beiden Autoren dazu, ihr Privatleben bis in intime Details in Literatur und Kunst zu gießen?
Ilse Kilic meint dazu: „Liesl Ujvary hat sinngemäß gesagt, es gibt zwei Wege, zur Literatur zu kommen: Auf der einen Seite der formale Weg, die Auseinandersetzung mit der Form, auf der anderen Seite die Auseinandersetzung mit der Autobiografie. Wenn beide Wege ineinander münden, ist es der optimale Weg. – Diese Aussage stimmt für mich auf jeden Fall.“
Fritz Widhalm ergänzt: „Wir haben uns am Anfang der Autobiografie verweigert. Wir hatten so etwas wie eine Privatsprache gehabt und haben ursprünglich wenig von uns preisgegeben. Das hat sich erst so nach und nach geändert. Und mit den Figuren Jana und Naz im ‚Verwicklungsroman‘ haben wir eine Instanz eingeführt, die das Ich-Sagen möglich macht und zugleich bricht.“
Ilse Kilic: „Warum wir uns anfangs verweigerten, liegt an der speziellen Peinlichkeit des Ich-Sagens. ‚Bin ich wirklich so wichtig oder hat das, was ich mache, wirklich Relevanz?‘ – Im Prinzip ist diese Wichtigkeit für jedes Ich da. Aber zugleich haben wir das Ich in die beiden Hauptfiguren Jana und Naz transferiert. Ich-Sagen ist schon etwas ganz Spezielles. Das sehe ich jetzt noch so.“

Zwischenfrage: Und was kann man von diesen beiden Ichs lernen, die hier aus einem subkulturellen Milieu berichten und Einblicke in ein Künstlerleben abseits der gängigen Klischees erlauben?
Fritz Widhalm lacht. „Ich würde schon sagen, dass es unser eigentliches Ziel ist, aufzuzeigen, dass, wenn man mit gewissen gesellschaftlichen Bedingungen nicht einverstanden ist, es trotzdem möglich ist, ein lustvolles Leben in dieser Gesellschaft zu leben und sich sozusagen zu wehren gegen Dinge, die man nicht OK findet, und da gibt es ja genug, nicht nur die extreme Ungleichverteilung von Ressourcen und die heterozentrische Ausrichtung unserer Gesellschaft. Ich will anderen Menschen auch Mut machen, anders zu leben und für ihre Positionen und Ideen einzutreten. Und schließlich ist mir auch wichtig, dass Geschichte aus einer anderen Position geschrieben wird – nicht nur aus der Sicht der Erfolgreichen und Gewinnerinnen und Gewinner, sondern dass viele Leute ihre Geschichte erzählen. Wir sind nur ein kleiner Teil davon, aber ich finde es ganz wichtig, das zu machen, weil Geschichte in Wirklichkeit eben auch als Summe kleiner Teile funktioniert.“
Ilse Kilic: „Ich glaube auch, dass eine Botschaft ist: Eine andere Welt ist möglich, und ein anderes Leben ist möglich. Nicht dass wir jetzt alles verwirklicht hätten, was man an Änderungen verwirklichen kann – das sicher nicht. Aber man zeigt: Es gab und gibt alternative Lebensentwürfe und Gesellschaftsideen und die Leute gibt es auch dazu … Andererseits erhebt sich die Frage: Was lernt man aus einem Buch? – Auch beim eigenen Lesen mag ich das ganz gerne: Die Mischung aus Erzähltem und Hinterfragtem. Beim eigenen Buch ist mir wichtig, dass man hinterfragt: Was ist Erinnerung? Was ist Erlebtes, was ist Erfindung? Und warum? Überhaupt ist ‚Warum?‘ eine sehr wichtige Frage, auch wenn es darauf oft keine klare Antwort gibt.“

Die Avantgarde des Prekariats
In ihrem jüngsten „Verwicklungsroman“ berichten Kilic und Widhalm auch von Gelegenheitsjobs, mit denen sie sich Mitte der 1980er-Jahre über Wasser hielten, um Literatur und Kunst machen zu können: Wohnungsrenovierungen, Taxifahren, Holzschleppen … Immer wenn durch die Jobs genug Geld da war, haben sie sich wieder der Kunst gewidmet. In gewisser Weise haben Kilic und Widhalm damit die prekären Erfahrungen der Generation vorweggenommen, die ihren Weg durchs Leben suchen, ohne die finanzielle Absicherung zu erreichen, die für die Nachkriegsgeneration noch selbstverständlich war.

„In den 1980ern hat man ganz leicht irgendeinen Nebenjob finden können“, erinnert sich Ilse Kilic: „Es fiel einem immer etwas in den Schoß, wo man schnell mal ein bisschen was verdienen konnte. Und wo man auch sagen konnte: Ich mach das zwei Monate lang, erspar mir was und schreibe dann wieder. Jetzt hingegen habe ich das Gefühl, dass das Leben auf jeden Fall schwieriger geworden ist, weil es weniger Jobs gibt; und die Anforderungen sind riesig für diese paar Jobs, die es gibt. Du kannst nicht mehr, wie wir es gemacht haben, Kukuruz entfahnen gehen, weil es das einfach nicht mehr gibt.“


Kunst und Leben – eine Collage von Ilse Kilic und Fritz Widhalm

Anfangs hatten Kilic und Widhalm den Plan, dass jeder von ihnen abwechselnd für fünf Jahre für die Lebenshaltungskosten sorgt. „Ich hatte dann einen Fixjob als Sekretärin in der Grazer Autorinnen Autorenversammlung. Fritz war fünf Jahre in der städtischen Bücherei“, erzählt Kilic. „Was ich damals nicht so mitgedacht hatte – zum Glück –, ist, dass wir auch älter werden und dass es nicht so ist, dass ich beim nächsten Job quasi wieder als junge Frau starte, die einfach einen Job sucht, sondern ich starte als eine, die gefragt wird: Was haben Sie vorher gemacht? – Und das ändert natürlich die Voraussetzungen.“

Insgesamt, so Kilic, habe sie die ungesicherte Existenz einer freischaffenden Künstlerin oft als Belastung erlebt. Nachsatz: „Wobei ich wirklich viel Glück gehabt habe und viel publizieren konnte und eigentlich Glück hatte, als Künstlerin leben zu können. Ich hatte relativ früh die Möglichkeit zu publizieren, konnte viel publizieren in den verschiedensten kleinen Verlagen, wurde oft zu Lesungen eingeladen – und trotzdem sehe ich, wie schwierig es ist, in dieser ungesicherten Existenz zu überleben … Wobei: Ich habe das Gefühl, dass es für die Leute, die jetzt so leben wollen, wie wir es damals getan haben – mit Job und Kunst abwechselnd –, viel schwerer geworden ist. Also tendenziell würde ich sagen: Die Leute, die jetzt anfangen, werden sich sicher schwerer tun als wir damals.“

Wohnzimmergalerie und Glücksschweinmuseum, Florianigasse 54, Wien VIII, geöffnet: Di, Do, Fr jeweils 15:00 – 18:30, www.dfw.at
Die Bände des Verwicklungsromanes von Ilse Kilic und Fritz Widhalm erscheinen in der Wiener edition ch, einem lt. Eigendefinition „AutorInnenverlag für experimentelle, sprachreflexive und intermedial ausgerichtete Schreibweisen” – www.editionch.at

Hinweis: Dieser Artikel erschien unter dem Titel „Avantgarde des Prekariats“ am 3. August 2012 in der Samstagsbeilage „extra“ der Wiener Zeitung.