Loser von heute

Wenn Sie in den nächsten Wochen einen nachdenklich wirkenden Mittvierziger in der Herrengasse antreffen, der zur Gitarre Songs aus den 1980ern zum Besten gibt, dann haben Sie ein wenig Mitleid mit ihm. Vermutlich handelt es sich um einen Schriftsteller, die im zweiten Bildungsweg auf Nachwuchs-Popstar umsattelt, weil er gemerkt haben, dass der Hauptpreis der ORF-Pop-Talentebörse „Helden von morgen“ (100.000 Euro) ungleich höher dotiert ist als der Georg-Büchner-Preis, und der ist immerhin der bestbezahlte deutsche Literaturpreis, was bedeutet, dass die bedeutendsten deutschsprachigen Dichter im Vergleich zu den Nachwuchsmöchtegernpopstars mit vergleichsweise läppischen 40.000 Euro abgespeist werden. Aber was ist schon ein literarisches Oeuvre, an dem sich ein Handke, Walser oder Grass jahrzehntelang abarbeiten, in Relation zu ein paar halbwegs brauchbar intonierten Drei-Minuten-Songs aus fremder Feder? „Lieber ein ‚Held von morgen‘ als ein Loser von gestern“, wird sich unser singender Schriftsteller in der Herrengasse denken – wobei der Weg vom einem zum anderen nicht sehr weit ist: die Helden von gestern sind vielfach die Loser von morgen.

Ich persönlich hab meine Herrengassen-Sängerknabenkarriere bereits hinter mir. In den frühen 1990er-Jahren konnte man mich die Gitarre schrammelnd in der Grazer Fußgängerzone entdecken. Das musikalische Niveau der heimischen Straßenmusikszene war damals ähnlich hoch wie die PISA-Leseleistungen und rhetorischen Fähigkeiten heutiger „Helden von morgen“-Kandidaten, und so habe ich im Verhältnis gar keine schlechte Figur gemacht, denke ich. Auch hatten die slowakischen Roma Graz noch nicht als Gastarbeiterziel entdeckt, daher war es für unterdurchschnittliche Hobbymusiker in diesen Zeiten ein Leichtes, sich im Herzen der Stadt zumindest ein paar Mitleidsgroschen zu ersingen.

Zwanzig Jahre später ist alles anders: Seine Mitleidsgroschen kann man in jeder Ecke anbringen, und jeder, der weiß, wie ein Mikrofon ausschaut, will sofort ins Fernsehen kommen, wo 100.000 Euro locken. Was aber unser armer singender Poet in der Herrengasse nie schaffen wird. Gesanglich könnte er mithalten, aber wer will so einen alten Haberer schon bei den „Helden von morgen“ sehen? Und so ist es ein naheliegender Gedanke, dass das geplante Bettelverbot in der Landeshauptstadt die Roma deswegen an ihrer Geschäftstätigkeit hindern will, um die Auftrittsbedingungen für singende Schriftsteller im zweiten Bildungsweg wieder zu verbessern. In Zeiten, in denen Kulturbudgets beinhart guillotiniert werden, ein innovativer Schritt der Politik.

Übrigens: Schon einmal gab es in Graz ein Bettelverbot. Erlassen wurde es am 2. März 1648. Um die betroffene Klientel zu informieren, was ihnen bei Missachtung blühte, ließ man an den Stadtgrenzen auf Holz gemalte Bilder anbringen, auf denen die Konsequenzen dargestellt waren: Auspeitschen, mit Zangen zwicken oder Aufhängen. Eines der Schilder ist heute noch auf der Riegerburg zu bewundern: in der Ausstellung über die Hexenverfolgung. Womit zumindest klar wäre, woher sich die Politik ihre innovativen Ideen holt.

Der Text erschien am 6. 2. 2011 in der literarischen Rubrik „Exit Graz“ des Stadtmagazin „G7“